• Ich nenne es immer "Brikett"
Der Geruchssinn ist eines der Sinne, die auch ohne jegliche drauf ausgerichtete Aufmerksamkeit einem den richtigen Weg zeigen kann, so auch bei Pizza.
Es ist immer traurig wenn der Hunger sich neu in der Schlange anstellen muss, nur weil keiner auf die Pizza im Ofen geachtet hat. Natürlich könnte man mir vorwerfen ich hätte ein Auge drauf werfen können, nur war bei mir eben alles auf andere Dinge konzentriert. Weder fühlen, sehen noch schmecken ist notwendig, um einen soeben schwarzgewordenen belegten Teigteller wahrzunehmen. Ergo hab ich mein bestes gegeben, um rechtzeitig festzustellen wann es zu spät ist.
"Uggi", brüll ich ins Nebenzimmer, "deine Pizza verbrennt gerade...". "Ja, ok, das war eh nur 'ne Schinken." "Ich dachte das is' deine letzte?" "Fuck, du hast recht...".
Kurz darauf seh ich wie mein Hausherr wie immer im Schlabberlook hungrigen Schrittes richtung Geruchsquelle sticht, den Ofen ausschaltet und "Sieht aus wie ein Brikett" aus der Röhre zieht. "Hast du den Ketchup gesehen?" "Ja, der muss hinter den Pommes Pappschachteln stehen, zumindest war er da noch vor 'ner Woche." "Jo, hab ihn." Als er mit dem Geruchsintensiven etwas und der Ketchupflasche in seinem Zimmer verschwindet, verrät mir nur das *flotsch* aus der Flasche, das sein Brikett wohl mit Tomatenkraft wiederbelebt wird, um schlussendlich doch im Magen des hungrigen Trolls zu landen.
Momente wie diese hab ich hunderte erlebt, hab ich doch insgesamt fast zwei Jahre in dieser seltsamen Situation gelebt. Die offiziellen Zahlen der Anwesenden schwankten von 2 bis 28, wobei man sagen muss, das letztere eher zu besonderen Events gehörten. Meist trafen sich die selben 6 Mann tagtäglich um gemeinsam einem Hobby nachzugehen - Computerspielen.
Computerspieler behaupten gerne, das zocken etwas mit "Multiplayer", mit anderen Menschen und viel Interaktion zutun hat, was man definitiv bejaen muss. Allerdings ist diese Art von "Gemeinsam" oder "Gemeinschaft" eine sehr seltsame, findet sie doch abgeschieden in dunklen Räumen ohne viel Wortwechsel statt. Die Kommunikation begrenzt sich meist auf die Grundbedürfnisse des Menschen: Essen und Scheissen. Ist das Klopapier alle oder der Klodeckel vollgespritzt, werden genauso "Diskussionen" im echten Leben geführt, wie bei der Beschaffung von Nahrungsmitteln. Getränke werden solange verzehrt bis sie nichtmehr da sind, ab dann ist die Zapfsäule in der Küche, genannt Wasserhahn, eines Zockers bester Freund. Gut und gerne auch mal erweitert mit Eisteegranulat, schmeckt auch gut ohne Wasser. Müsli, in Form von Nougatpockets, sozusagen Kekse mit Schokofüllung, dienen als Nahrungsmittel mit exakt selber Devise, solange Milch da ist, wird Müsli gemacht, wenn nicht, schmeckts auch gut ohne Milch.
Ja, sie sind schon seltsame Tiere, und wenn man sich erstmal dem Rudel angeschlossen hat, steigt man in der Hirarchie auch meist schnell auf, geht bestens indem man im Reallife einfach absteigt. Was provokant klingt, ist natürlich auch so gemeint. Tatsächlich liegt das Problem des Zockens ja nur daran, das der Erfolg viel schneller gegeben ist. Macht man etwas gut, wird man belohnt. Macht man es schlecht, sofort bestraft. Das Feedback das man beim spielen erhält trimmt einen in kürzester Zeit dazu, mehr Zeit in etwas zu stecken "nur" weil man besser werden will und eben scharf auf die Belohnung ist. Wie diese aussieht ist meist ähnlich. In Form von Leveln des Charakters, Reichtum oder einfach Aufmerksamkeit anderer Spieler, die in gewissen Maße zu einem aufsehen. All das ist beim Spielen leicht zu finden und vorallem leicht zu erreichen. Spieler helfen, bekreigen und bewundern sich selber so sehr, das aus einem Rinnsaal des Spielspaßes ein fliessender Strom aus Geilheit und Erfolgswahnsinn wird.
• Den Amerikanern so richtig den Arsch versohlt
Nachdem ich mir meine geliebte Cold M4 Assault Rifle unter die Arme geklemmt habe, wechsel ich auf mein Messer, spring elegant im Sprint vom Schlauchboot und renne direkt links über die Rampe in den verwinkelten Eingang des Lagergebäudes. Sofort links um die Ecke und die Wendeltreppe runter. Unterwegs greif ich nach meiner Flashbang Grenade, stell sie geschickt auf eine Sekunde und werf sie am Treppennde angekommen gleich ans Ende des Gangs. Ein kurzer Schritt die Treppen zurück, ein leises *paff* und schon kann ich am Gangesende mein trudelndes Ziel ausmachen. Auf welche Art und Weise ich ihn nun umbringen werde, bestimmt nur die Anzahl weiterer Gegner im entsprechenden Raum. Nahgenug rangestürmt ducke ich mich hinter einer Kiste und schiesse ihm sowie seinem ebenso verzweifelt dreinblickenden Teamkameraden mit meiner M4 die Hirnmasse aus dem Schädel. Breit grinsend schleiche ich mich an den im Keller liegenden Glasscherben vorbei, um geräuschlos weiter durch den unterirdischen Gang unter mein Zielgebäude zu gelangen. Kurz vor der Treppe angekommen, erhalte ich kurz nach ein paar Schussgeräuschen per Funk die Nachricht, das zwei weitere Ziele eliminiert wurden. Sofort kann ich mich, auf die Strategie meines Teams verlassend, über die Treppen nach oben begeben. Mein Teamkollege, der auf den Spitznamen eines plüschigen gelbfarbenen muppetähnlichen Musik- und Werbestars hört, stürmt bereits mit dem ominösen Koffer zurück Richtung Schlauchboot. Nur kurz kann ich beim Sprint über die freie Fläche am oberen Ende der eben erklommenden Treppe erkenn ich, das auf dem rechten Scheunendach der vermutlich letzte verbliebene Terrorist seinen Plan nicht aufgegeben hat. Unvorbereitet wie ich bin, trifft mich die Kugel als Streifschuss direkt am Kopf und meine Sicht verschwimmt schlagartig. Meine verzweifelten versuche mit Waffengewalt das letzte Weichziel auszuschalten misslingen kläglich, und so kann ich mich nur anhand meiner Erinnerung rückwärts wankend zurück an das untere der schützenden Treppe retten. Eine Granate explodiert ein Stockwerk über mir und kurz darauf hört man letzte Pistolenschüsse, bis mich ein erlösender Funkspruch erreicht: Enemy down.
• Das Internet ist eine Scheibe
"Biiiiiiiiii--------uuuuuu--------schhhhhhhhhh" ist wohl das Internet Geräusch der jungen Jahre. Heutzutage muss man ja eher davon ausgehen das es irgendwie wie "Oooh, aahh, it look's so big, it feels so hard, give it to me, aaah" anhören müsste.
Als ich das erste mal ins Internet gegangen bin, war die Ernüchterung riesig. Das 14.4 Modem war schon das Maß aller Dinge und dennoch musste man mit DFÜ Verbindung und Kabelwirrwar dem Weg ims Internet vorbereiten. Es hatte richtig etwas von kleinem Ritual, von Arbeit. Ich nehme jetzt dieses Kabel, stecke es in diese Buchse, schalte mein Modem an und richte meine Verbindung ein. Vielleicht war man ja so schlau und hat sich nen Shortcut auf den Desktop gelegt. Man war man damals raffiniert. Die halbe Familie musste informiert werden das gleich das Telefon nichtmehr geht und Anrufe ja sowieso im Nirvana landen, aber dafür war man ja im Internet.
Nur was macht man da.
Meine ersten Sekunden waren unglaublich ernüchternd. Unter dem "Internet" hab ich mir, ohne mir vorher natürlich irgendwelche durchdachten Gedanken zu machen, etwas in 3D vorgestellt. Ich weiss nicht was genau, aber als ich dann so eine "Seite" nach der anderen aufgerufen habe, war die anfängliche Euphorie schnell verflogen. Obendrein wusste man ja nichtmal wohin man gehen soll. Das hatte etwas von "Dönerbude auf Stadtplan suchen". Egal wie lang man sich den Stadtplan anschaut, man wird nie gesagt bekommen, wo man eigentlich hin will, und vorallem, wo es was überhaupt gibt.
Freunde und Zeitschriften waren damals ja noch der Hit um an interessante Sachen zu kommen. Dann gab es ja sogar Programme mit denen man im Internet Kommunizieren konnte, einfach so, ohne sich zu sehen oder sich anzurufen.
Für mich war das Internet damals seltsam, man versuchte etwas zu finden, wusste aber nichtmal was man sucht, geschweigedenn wie. Und so war das Internet in der ersten Zeit für mich nur eins: Es war da.
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Die Geschichten, Gedanken und Momente sind alle meinem Leben entnommen, persönliche Sachen also, die ich dennoch gerne Teile. Einen richtigen Sinn sucht man hier dennoch vergebens, aber vielleicht kann sich der eine oder andere ja drin wiederfinden oder mal schmunzeln. Ist sozusagen ein typischer "les ich mir durch bevor ich ins Bett geh" Thread.