Posts by Astala

    Kapitel: Der erste Fluchtversuch
    Inhalt:Anis besitzt eine erstaunliche Ausdauer, mit der sie es tatsächlich zurück zu Kagome schafft. Dort gibt es erst einmal ein leckeres Essen, welches jedoch nicht allein so wirklich gut schmeckt. Was sie nicht wissen: Sesshoumaru ist ihnen bereits auf den Fersen...

    Anis rannte. Sie rannte so schnell sie ihre Beine trugen. Seit Stunden tat sie das schon. Ihre Füße hatten Blasen bekommen und ein fürchterliches Seitenstechen plagte sie, doch sie rannte weiter. Gestern hatte sie eine kleine Pause eingelegt, doch seit dem lief sie weiter. Vor einer Woche war sie aufgebrochen. Vor einer Woche war Sesshoumaru verschwunden, natürlich ohne einen Grund zu nennen. Seit einer Woche war sie frei. Und auf der Flucht. Sie schlief nicht, sie aß kaum etwas und machte nur manchmal eine kleine Pause, wenn sie sonst vor Erschöpfung zusammengebrochen wäre.
    Natürlich, Menschen waren bei weitem nicht so schnell wie Youkai und ihre Geschwindigkeit war nun einmal die eines Menschen, auch wenn sie weitaus größere Ausdauer besaß. Aber wenn sie es wenigstens schaffte bei Kagome und ihren Freunden anzukommen, bevor Sesshoumaru sie erreicht hatte, dann wäre sie vielleicht schon gerettet. Es gab zwar noch die winzigkleine Hoffnung, das Sesshoumaru sich nicht die Mühe machte sie zu verfolgen. Doch das bezweifelte sie. Das sie geflohen war, war eine noch größere Beleidigung, als sie es mit bloßen Worten zustande gebracht hätte, und das wollte schon was heißen! Damit würde sie nicht durchkommen, wenn er sie erwischte. Sie wusste: Wenn ihre Flucht nicht gelang, dann war ihr Leben verwirkt. Wenn der kaltblütige Youkai sie jetzt zwischen die Finger, oder besser Krallen bekommen würde... Lieber nicht daran denken. Ihre Entscheidung war die richtige gewesen und sie bereute sie keineswegs.
    Unwillkürlich legte sie einen Zahn zu. Sie zwang sich, ihren Atem gleichmäßig zu halten und ihr Herz nicht so schnell schlagen zu lassen.
    Die Flüchtende hatte schon eine große Strecke geschafft und sie dankte ihrem Vater stumm für die vielen Übungsstunden, die so gut durchtrainiert gemacht hatten.
    Anis wünschte sich im Moment nichts sehnlicher als endlich bei Kagome anzukommen. Die einzige Person hier, die aus der Neuzeit kam und sie vielleicht verstehen konnte. Außerdem hatte sie gesehen, wie sie Essen mitgenommen hatte. Viel Essen. Fertigessen. Dosenfutter. Lecker!
    Sie war einfach zurück zu diesem Dorf - Wie hieß es noch mal? Ach ja - Musashi gelaufen, in der Hoffnung, die Gruppe dort noch anzutreffen. Vielleicht hatten sie ja auf sie gewartet? Unwahrscheinlich. Sie war schließlich schon einen halben Monat weg.
    Anis lief noch schneller. Bald würde sie Musashi erreichen.

    Moment mal. Was war das?
    SHIT!, fluchte Anis innerlich und ließ sich aus dem vollen Lauf heraus instinktiv zu Boden fallen. Keine Sekunde zu früh.
    "SANKONTESSOU!" brüllte eine ihr nur zu bekannte Stimme.
    Anis hörte, wie lange Krallen die Luft zerfetzten, als eine Gestalt über sie hinweg sprang. Kaum war der Angreifer wieder gelandet, da sprang Anis wieder auf die Beine. Der Besitzer der Krallen fuhr herum. Er hätte eine Nagelpfeile auch gut vertragen können...
    "Hey du Rüpel, was ist denn das für ein Empfang?!" schrie sie ihren Gegner an.
    "Hä?" machte der Hanyou nicht sehr intelligent und kniff die Augen zusammen. Scheinbar blendete ihn das Licht der Sonne, doch jetzt schien er sie zu erkennen.
    "Oh, du bist's... Hab dich gar nicht erkannt..." stotterte er jetzt auf einmal schuldbewusst.
    "DU HAST MICH NICHT ERKANNT?!" kreischte Anis, die langsam die Nerven verlor.
    "Nun beruhige dich doch mal. Kagome sagte, hier gäbe es einen Juwelensplitter und... irgendwie hab ich geahnt, das Tessaiga hier in der Nähe ist..." stotterte ihr Gegenüber hilflos. Anis sah ihn geradezu verächtlich an. Wie konnte man nur so dumm sein?!
    "Und da hast du nicht eine kleine, mickrige Sekunde daran gedacht, das ich es sein könnte?! Wie blöd bist du eigentlich, Inuyasha?!" sagte sie giftig.
    Inuyasha schien jetzt doch ein wenig wütend zu werden.
    "Entschuldigung, aber ich dachte - " Er stutzte.
    Langsam ging er auf Anis zu - und schnüffelte. Die junge Frau beobachtete das mehr als misstrauisch, bis er sich wieder dem Gespräch zuwandte:
    "Sag mal, was ist denn mit dir los? Du stinkst ganz fürchterlich nach... Gras oder sowas..."
    "Immer noch? Sehr gut!"
    "Hä?"
    "Ich hab mich mit so nem' komischen Kraut eingerieben, damit er meinem Geruch nicht folgen kann." erklärte sie.
    "Er? Wen meinst du?" Inuyasha hatte mal wieder überhaupt keinen Durchblick.
    "Na den Weihnachtsmann natürlich, wen sonst!?" spottete Anis sarkastisch.
    "Was für'n Weihnachtsmann, wir haben doch jetzt Sommer..." erwiderte Inuyasha.
    "Heiliger Affenfurz, wie dumm bist du eigentlich?! Ich rede natürlich von deinem allseits geliebten Bruderherz.." Anis konnte es kaum fassen.
    "Und wer soll das sein?" fragte Inuyasha.
    Sag mal, wollte der sie verarschen?!
    "Wie viele Brüder hast du eigentlich?" fragte sie betont ruhig, als wolle sie einem kleinen Kind erklären, das eins plus eins zwei ergibt.
    "Ähm, gar keinen. Nur einen Halbbruder, aber der ist bestimmt nicht allseits geliebt!" sagte Inuyasha.
    Anis stöhnte.
    "Hast du schon mal was von Sarkasmus oder Ironie gehört?" fragte sie mit gelangweilter Stimme.
    "Nein. Was ist das? Kann man das essen?" Hätte Anis nicht eine so enorme Selbstbeherrschung, dann wäre sie jetzt in Ohnmacht gefallen. Der hatte die Blödheit mit Eimern gesoffen!
    "Dann vergiss alles was ich jemals zu dir gesagt habe!"
    Es war kurz still, dann sagte Inuyasha:
    "Sag mal, warst du nicht bei Sesshoumaru? Bist du ihm entkommen?"
    Anis stöhnte noch mal und schlug sich mit der Handfläche gegen die Stirn.
    "Blitzmerker. Bring mich einfach zu Kagome, okay?" verlangte Anis.
    "Erst gibst du mir Tessaiga zurück!" sagte Inuyasha aufgebracht.
    "Ach ja, das..." erwiderte Anis nur gelangweilt. Dann gab sie ihm das Schwert, das sie sich mit einem behelfsmäßigem Gurt um die Hüfte gebunden hatte.
    "Ist übrigens ein vollkommen unpraktisches Ding. Viel zu groß. Kein Wunder, das du so schlecht kämpfst." Anis hatte den Hanyou zwar nur einmal kurz im Kampf gesehen, doch das genügte schon, um sich ein Bild von seiner Schwertkunst zu machen. Zu ihrer Überraschung erwiderte Inuyasha nichts auf ihre Beleidigung. Wahrscheinlich bekam er das öfter zu hören. Was für ein aaaarmer Hanyou!

    ~Bei Sesshoumaru~

    "Sesshoumaru-sama, wisst ihr wo Anis ist?" fragte Rin. Sesshoumaru antwortete nicht. Aber er hätte es selbst gern gewusst. Wo trieb sich dieses Mistding jetzt schon wieder rum?
    "Sesshoumaru-sama? Anis-sama ist nicht da!" sagte das Mädchen jetzt etwas lauter. Doch der Youkai zeigte noch immer keine Reaktion. Ist mir vollkommen gleichgültig wo dieses Weibsbild sich aufhält., dachte er sich.
    "Ich dachte sie wäre euch nachgelaufen! Ich hab sie seit einer ganzen Woche nicht mehr gesehen!" klagte die Kleine weiter. Jetzt wurde auch Sesshoumaru hellhörig. Seit einer Woche? Sie war also gleich nach ihm verschwunden?
    Vor sieben Tagen war er nämlich zu dem Baumgeist Bukuseno gegangen und hatte sich erkundigt, was genau die Leute ausmachte, die Tessaiga führen konnten. Doch die alte Magnolie sagte nur, dass diejenigen in der Lage dazu seien, die etwas für Menschen empfanden. Das war ja nichts Neues, doch er machte auch noch einmal deutlich, das derjenige auch genug eigene Energie besitzen musste um Tessaigas Kräften standzuhalten. Na toll. Anders gesagt hieß das: eine starke Person die weder Menschen noch Dämonen verabscheute. Menschen und Dämonen waren aber nun mal seit Urzeiten miteinander verfeindet. Menschen hassten Youkai und Youkai hassten Menschen. Meistens. Die, die anders waren, wurden umgebracht. Hanyous. Deren Eltern.
    Aber Anis sah nicht wie eine solche Person aus. Sie schien fast, als wüsste sie nichts von dieser Feindschaft. Aber das war doch unmöglich - oder? Unsinn, jeder wusste davon! Sonst müsste sie schon von einem anderen Planeten kommen. Oder zumindest aus einem anderen Land. Oder einer anderen Zeit. Sesshoumaru wusste ja nicht, das Anis SOWOHL aus einem anderen Land als auch aus einer anderen Zeit stammte.
    Nun, das sie nichts davon wusste, würde ihr Verhalten erklären. Aber nicht die Tatsache, das Tessaigas Energien ihr nichts ausmachten. Na bitte, in ihr musste also doch etwas Dämonenblut fließen! Ob sie wohl eine Halbdämonin war?
    Über diese Dinge hatte er den ganzen Weg über nachgedacht. Deswegen war er auch nicht so schnell vorangekommen, zumal Bukusenos Lichtung doch nicht so nah gewesen war, wie er zuerst dachte.
    "Sesshoumaru-sama, sie kommt doch bestimmt wieder, oder? Sie würde doch nicht einfach gehen, ohne sich zu verabschieden, oder?" klagte Rin erneut.
    Gute Frage. Das wüsste er auch gerne. War sie tatsächlich so lebensmüde und hatte sich aus dem Staub gemacht?
    Unwillkürlich reckte er die Nase in den Wind und so die Luft ein.
    Er glaubte nicht wirklich daran, sie noch zu riechen, wenn sie schon seit einer Woche weg war. Deswegen war er milde überrascht, als er ihren Geruch nicht weit von ihm wahrnahm.
    Ohne ein erklärendes Wort zu verlieren, ging er in diese Richtung los. Erst langsam, doch als er außer Sichtweise seiner Begleiter war, wurde er schneller.
    Der Geruch kam immer näher.

    Schließlich tat sich vor ihm eine weite Lichtung auf. Doch Sesshoumaru hatte keine Augen für die herrliche Pracht und Vielfalt der Blumen, die hier wuchsen. Langsam trat er auf die Wiese hinaus.
    Hier irgendwo musste sie sein.. Ihr Geruch war allgegenwärtig, der Geruch, den er nie hatte identifizieren können. Er war schon fast ZU intensiv. Doch woher kam er? Verdammt, er kam von überall! Sie konnte doch nicht überall gleichzeitig sein!
    Noch einmal schnüffelte er. Die Quelle dieses Duftes... sie war... unter ihm?! Sesshoumaru kniete sich auf den Boden.
    Dann fiel es ihm wie Schuppen vor den Augen.
    Er rupfte eine der kleinen, violetten Blumen ab und roch daran. Kein Zweifel, das war der Geruch, der auch Anis immer umgab.
    Kalte Wut stieg in ihm auf. Dieses hinterhältige Weibsbild musste sich mit dieser Pflanze eingerieben haben, um ihren wahren Geruch zu verbergen. Wie hatte er sich nur so täuschen lassen können?! Dieses Miststück verbarg irgendein Geheimnis und verdammt noch mal, er würde es herausfinden, selbst wenn es Jahre dauern sollte!
    In seinem Gesicht hätte man selbst jetzt nicht ablesen können, wie wütend er war, als er sich nun aufrichtete. Er wusste nun, warum Anis nicht am Lagerplatz gewesen war. Sie musste geflohen sein. Sie hatte zwar schon einen weiten Vorsprung, doch Sesshoumaru wusste ja auch, wo sie hingegangen war. Das war klar. Zu seinem Halbbruder musste sie gegangen sein.
    Zornig wandte sich der Youkai um und machte sich auf den Rückweg.

    ~Bei Anis~

    Anis trat an Inuyashas Seite auf die Lichtung. Da saßen sie und schauten sie alle mit großen Augen an. Sango, Miroku, Shippo, Kirara und natürlich Kagome. Anis konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Kagome war es schließlich, die das Schweigen brach:
    "Anis-san, du - hier? Ich meine...äh..." Ihr blieben die Worte im Hals stecken.
    "Hallo erstmal!" begrüßte die junge Frau ihre Freundin lachend. Kagome sprang auf und die beiden umarmten sich erstmal.
    "Ich bin echt froh, dich endlich wieder zu sehen. Aber sag mal, wie bist du eigentlich Sesshoumaru entkommen? Ich hab doch gesehen, wie er dich verschleppt hat." sprudelte Kagome los.
    Die Angesprochene zuckte nur mit den Schultern und meinte:
    "Ich hab einfach die Gelegenheit ergriffen, als er gerade nicht da war und bin dann hergelaufen." Sie war eigentlich nicht hierher gekommen, um ihre Lebensgeschichte zu erzählen.
    "...und damit der Mistkerl ihr nicht folgen kann, hat sie sich mit irgendwelchen Kräutern eingerieben." fügte Inuyasha hinzu, um auch einmal etwas Gescheites zu sagen, "Aber davor hast du auch schon so komisch gerochen! Es war nur nicht so stark..."
    Kagome sah Anis fragend an.
    Anis warf in einer eleganten Geste ihre langen Haare zurück.
    "Ich benutze Lavendelparfüm. Ist ziemlich stark das Zeug. In der Nähe des Lagers hab ich ein Lavendelfeld entdeckt und mich damit eingerieben. Jetzt riech ich wahrscheinlich doppelt..." Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber mehr mussten die anderen nicht wissen.
    Sango und Miroku waren jetzt auch dazu gekommen.
    "Ich hab da auch mal eine Frage: Warum hat Sesshoumaru euch überhaupt mitgenommen und euch auch später nicht einfach umgebracht?" fragte Sango.
    "Ich sollte ihm mit Tessaiga lästige Dämonen vom Hals halten und mich um Rin kümmern." antwortete sich kurz angebunden.
    "Ich hätte da auch noch eine Frage." , sagte Miroku und trat einen Schritt näher, "Hättet ihr die Güte mir ein Kind zu gebären?"
    Sango, die sich bereits mit gezücktem Bumerang hinter dem Mönch platziert hatte, als dieser gerade den Mund aufmachte, ließ ihre Waffe jetzt mit voller Wucht auf Mirokus Kopf niedersausen. Das gab ein wunderschönes Geräusch, das in allen Ohren nachklang, während auf dem Kopf des Unglücklichem eine große Beule anzuschwellen begann.

    ~Bei Sesshoumaru~

    Sesshoumaru kochte vor Wut. Seine Augen leuchteten bereits in einem bedrohlichem Rot. Doch das konnte man nicht sehen, denn der Youkai bewegte sich in seiner Energieform. Man sah nur einen weißen Blitz, der mit unglaublicher Geschwindigkeit durch die Landschaft raste. Nur ab und zu hielt die Gestalt inne, um zu überprüfen, ob sie auch auf der richtigen Spur war.
    Den Geruch des Krautes zu verfolgen, hätte selbst für Sesshoumaru Tage gedauert. Stattdessen bewegte er sich einfach in Richtung des Dorfes, in dem er Anis zum ersten mal getroffen hatte. Sicher trieb sich dort auch sein Halbbruder rum und sicher würde Anis auch dort hin gehen. Manchmal blieb er aber stehen und suchte eine Zeit lang, bis er den Duft der violetten Blume wieder in der Nase hatte. Dann richtete er seinen Kurs neu aus. Zweimal schon war er deshalb in die Irre geführt worden und hatte sich auf einer Lichtung wiedergefunden, auf der diese verfluchten Blumen wuchsen.
    Dennoch würde er für den Weg, den Anis in einer Woche zurückgelegt hatte, nur einige Stunden brauchen.

    ~Bei Inuyasha~

    "Inuyasha, schmatz doch nicht so!" sagte Kagome streng.
    Sie hatte für den Hanyou seine heißgeliebten Fertignudeln gemacht.
    "Abersch Chagoschme, isch schmatz doch gar nischt!" protestierte Inuyasha mit vollem Mund.
    "Lass ihn nur Kagome-chan." sagte Anis, die ihr Essen bereits heruntergeschlungen hatte. Sie hatte ja seit Tagen nichts Ordentliches mehr gegessen.
    "Wenn er so schnell isst, bemerkt er vielleicht die Regenwürmer nicht, dich mir aus Versehen in sein Essen gefallen sind." Anis zwinkerte Kagome zu und grinste.
    Inuyasha hielt sofort im essen inne und starrte Anis entsetzt an. Dann spuckte er das, was er gerade im Mund hatte im hohen Bogen aus und sagte:
    "Buäh, jetzt ist mir der Appetit vergangen." Er glaubte tatsächlich, in seinem Essen wären Würmer.
    Kagome fing an zu lachen. Sie wusste genau, das Anis Inuyashas Portion nicht einmal angefasst hatte. Doch das behielt sie für sich.
    "Du willst das nicht mehr? Na dann, gib her!" verlangte Anis und griff sich Inuyashas Schüssel. Dieser starrte sie angewidert an, als sie die Nudelsuppe verputzte. Als die junge Frau fertig war, sagte sie:
    "Hm, lecker. Und vollkommen würmerfrei."
    Dem Hanyou klappte die Kinnlade herunter.
    "Da sind KEINE - zeig mal her!" Blitzschnell griff er nach dem Plastebecher. "Och, du hast ja alles aufgegessen! Von wegen Würmer, das wirst du bezahlen!" drohte er dann und wollte sich gerade auf Anis stürzen, da rief Kagome:
    "SITZ!"
    BADONG! Der Hanyou knurrte beleidigt, als er auf dem Boden aufkam.
    Anis schien allerdings noch immer Hunger zu haben. Sie warf jetzt einen vielsagenden Blick aus Sangos Sushi. Die Dämonenjägerin bemerkte das durchaus und zischte:
    "Nix da, ihr glaubt doch nicht im Ernst, das ich euch glaube, bei MIR wären Würmer drin!"
    "Stimmt, bei dir waren es Spinnen." erwiderte Anis voller Ernst.
    "SPINNEN?!" schrie Sango entsetzt.
    "Ja, aber nur die Beine. Der Rest ist in Miroku-san's Salat." sagte Anis nachdenklich.
    Sowohl Sango als auch Miroku schoben jetzt hastig ihre Mahlzeit beiseite.
    Dann fragte Shippo vorsichtig:
    "Aber bei mir hast du doch nichts reingemacht, oder?"
    "Wieso, schmecken dir die Froschschenkel nicht, Shippo-chan?" fragte Anis erstaunt.
    Shippo würgte.
    Kagome kugelte sich vor Lachen und bald fiel auch Anis in das Gelächter mit ein. Während sich die hungrige Frau jetzt schnell über das verschmähte Essen hermachte, schlang Kagome hastig ihres runter, bevor ihre Freundin ihr auch das vermiesen konnte.
    "Ihr glaubt aber nicht wirklich, das ich da was reingemacht habe, oder?" erkundigte sich Anis, jedoch erst als sie alles aufgegessen hatte - was erstaunlich schnell ging.
    "Nein, aber die bloße Vorstellung...das da Spinnen... üühääh..." Sango würgte, "Mir ist schlecht!" Sie sprang auf und verschwand hinter dem nächsten Baum, wo sie sich übergeben musste.
    "Mir auch!" rief Shippo und folgte ihr.
    Kagome schüttelte nur den Kopf. Anis war ja schlimmer als Inuyasha und das wollte schon was heißen!
    "Ach übrigens, du hast deine Sachen in Kaedes Hütte vergessen.. Warte - ich hab sie hier irgendwo..." sagte Kagome und fing an in ihren Sachen herum zu wühlen, die alle um ihren großen, gelben Rucksack verteilt waren. Schließlich zog sie eine lange Schwertscheide und Anis' Tasche hervor.
    "Ah, dankeschön!" sagte Anis, als sie beides entgegennahm.
    Die junge Frau befestigte sich die lederne Scheide auf ihrem Rücken. Dann warf sie ihre langen Haare zurück, fast als ob sie es rasch wieder verdecken wollte.
    "Was ist das eigentlich für ein Schwert?" fragte Miroku.
    "Ja, und woher hast du es? Es ist nämlich eindeutig ein magisches Schwert. Ich hab allerdings nicht rausgefunden, was das besondere daran ist." fügte Inuyasha hinzu.
    "Mein Schwert heißt Klingenecho. Wenn ich es schwinge, lösen sich bis zu zehn scharfe Klingen aus Licht von dem Schwert und fliegen durch die Luft. Allerdings werden sie auf große Entfernung immer schwächer und verschwinden irgendwann. Wie bei einem Echo eben." erklärte sie. Kagome lief ein Schauer über den Rücken. So ein Schwert gehörte bestimmt nicht in die Neuzeit!
    "Es ist schon seit Jahrhunderten in unserer Familie. Ich hab es in der Neuzeit selbstverständlich noch nie benutzt. Ich weiß nicht, ob es überhaupt funktioniert. Ich hielt es für eine Legende, doch wenn Inuyasha sagt, dass es ein magisches Schwert ist..." erklärte Anis weiter.
    Doch Kagome wusste nicht so recht, ob sie ihr noch glauben sollte. Anis verbarg ein Geheimnis, da war sie sich sicher. Mittlerweile zweifelte sie sogar schon daran, das sie tatsächlich ein Mensch war.
    "Und? Was ist hier so los gewesen, während ich nicht da war?" fragte Anis und Kagome hätte schwören können, das sie nur das Thema wechseln wollte.
    "Nichts besonderes. Wir haben einen weiteren Juwelensplitter gefunden und Naraku hat seine Abkömmlinge einmal ausgeschickt, aber wir konnten sie zurückschlagen. Und ich war zwischendurch einmal in der Neuzeit." sagte Kagome.
    "Hm." machte Anis nur und untersuchte ihre Tasche.
    "Ich hab mit deiner Mutter geredet." fuhr sie fort.
    "WAS?! Äh...ich meine...WIE BITTE!?" Anis starrte Kagome geradezu entsetzt an.
    "Was hast du denn? Ich musste ihnen doch irgendwie erklären, wo du drei Wochen lang warst!" empörte sich das schwarzhaarige Mädchen. Sie fand ihre Reaktion reichlich übertrieben.
    Anis wollte jetzt unbedingt wissen, wie dieses Treffen verlaufen war. Also fing Kagome an zu erzählen:

    ~~~Flashback~~~

    Kagome fühlte sich unwohl. Sie stand vor der Tür des riesigen Hauses und konnte sich einfach nicht dazu durchringen, auf die Klingel zu drücken. Wie sollte sie Anis' Familie erklären, warum ihre Tochter seit ein einhalb Wochen verschwunden war und wohl auch in nächster Zeit nicht mehr auftauchen würde?! Wie sollte sie ihnen erklären, das sie vielleicht sogar schon tot war? Ursprünglich hatte sie ja nur vorgehabt, ihre neue Mitschülerin für ein Wochenende mitzunehmen. Es war überhaupt schon ein Wunder, das noch niemand nach ihr suchte. Es war ihr vollkommen schleierhaft, warum das so war. Ihre Eltern mussten sich doch große Sorgen machen!
    Letztendlich war sie zu dem Schluss gekommen, ihnen alles zu sagen. Die Wahrheit.
    Seufzend drückte sie auf den Klingelknopf. Irgendwo tief im Haus läutete eine Glocke.
    Eine halbe Sekunde später wurde die Tür aufgerissen.
    Vor ihr stand eine Frau, etwas dreißig Jahre alt, schätzte Kagome. Sie sah Anis nicht sehr ähnlich. Ihre Haare waren etwas so lang wie ihre eigenen, doch sie waren blond. Ihre Augen waren braun und ihr Gesicht etwas blass. obwohl es ein sehr heißer Tag war, trug die Frau eine langärmliges Oberteil und einen langen blauen Rock.
    "Du bist Kagome-chan, nicht war? Sicher bist du wegen Anis hier. Ich bin ihre Mutter.", sagte Frau Vanderobe, "Komm doch rein."
    Unsicher trat Kagome ein. Die Wohnung hatte sich nicht verändert. Natürlich nicht. Die Wände waren mit einem warmen Rotton gestrichen. Es war unerträglich heiß.
    "Kommt Anis bald wieder zurück?" fragte Frau Vanderobe beiläufig, während sie Kagome in eine Art Wohnzimmer geleitete. Im Raum hingen große rote Fächer an den Wänden, die wenigen Möbel waren dunkelbraun.
    "Ich...weiß es nicht so genau..." stotterte Kagome
    "Gefällt ihr das Mittelalter?" fragte sie weiter.
    "Wie bitte?! Sie...Sie hat ihnen erzählt...wo wir hingegangen sind?" fragte Kagome perplex.
    "Aber sicher. Auch wenn es ihrem Vater nicht sehr gefallen hat, das sie dir ihren Juwelensplitter versprochen hat." antwortete Anis' Mutter.
    In diesem Moment hörte Kagome, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde. Eine dunkle Männerstimme rief:
    "Kantashira!"
    "Sí, que es?" antwortete Kantashira.
    "No sabía cuál atención esperamos. Quién es ése?" fragte die Stimme.
    "Eso es Kagome." sagte Kantashira. Kagome hatte kein Wort verstanden, doch zuletzt hörte sie ihren Namen heraus.
    Jetzt kam ein Mann ins Wohnzimmer. Er hatte normale Kleidung an, sah aber trotzdem etwas seltsam aus. Sein Haar war feuerrot, was im krassen Gegensatz zu seinen leuchtend grünen Augen stand. Das Gesicht war ausdruckslos. Er war wohl etwas älter als seine Frau Kantashira und sehr kräftig gebaut. Seine Augen musterten Kagome kühl, was das Mädchen unheimlich an Sesshoumaru erinnerte. Auch wenn dieser Mann hier weitaus weniger schlimm war.
    "Das ist Sukerumaru, mein Mann." erklärte Kantashira Kagome.
    "Sukerumaru-sama, holt ihr bitte Mitsura ab? Sie stellt sonst wieder Unsinn an." sagte Anis' Mutter. Sukerumaru nickte kurz und verließ das Zimmer wieder. Kurz darauf hörte man eine Tür zuschlagen.
    "Mitsura ist die große Schwester von Anis. Sie treibt sie in den unmöglichsten Gegenden um Tokyo herum. Anis hat auch noch zwei große Brüder, doch die wohnen nicht mehr hier. Ihre kleine Schwester ist leider vor einigen Jahren verstorben." erzählte Kantashira, jetzt wieder an Kagome gewandt. Ihr Gesicht hatte einen traurigen Ausdruck bekommen und Kagome fragte lieber nicht nach, wie Anis' Schwester gestorben war.
    "Nun...wegen Anis-san...Es gab leider einen Zwischenfall und wir wissen nicht, wo sie sich jetzt aufhält." sagte Kagome zögernd.
    "Oh...Das ist schade. Hoffentlich kommt sie bald wieder zurück." murmelte Kantashira abwesend.
    "Ich glaube, sie versehen mich nicht richtig. Es ist möglich, das sie NIE WIEDER zurück kommen KANN!" Kagome musste das so deutlich sagen, Anis' Familie sollte es wissen. Sie spürte, wie ihre eigenen Augen feucht wurden.
    "Nein, nein...Sie ist nicht tot. Anis ist sehr zäh." Frau Vanderobe schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein.
    "Nun ja... Vielleicht haben sie ja recht. Ich hoffe sehr, es geht ihr gut." sagte Kagome und stand auf. Kantashira war zwar nett, aber irgendwie auch unheimlich. Sie wollte so schnell wie möglich raus aus diesem Haus.

    Kantashira begleitete sie zur Tür. Als Kagome sich von ihr verabschiedet hatte und die Tür wieder zu war, hörte Kagome ein leises Rasseln und drehte sich um. Eine junge Frau kam die Auffahrt heraufmarschiert. Sie war wohl nur einige Jahre älter als Anis und hatte lockige, braune Haare, die sie zu einem seitlichem Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte. Ihre Augen waren blau und ihre Kleidung war schlichtweg cool.
    Sie trug ein schwarz-weiße gestreiftes Top mit der Aufschrift 'Rebell'. Dazu einen weißen Minirock und lange schwarze Stiefel, die bis zu ihren Knien reichten. An ihren Armen klimperten viele silberne Kettchen und Armreifen und ihre runden Ohrringe waren ebenfalls silbern.
    Doch sie schien keinesfalls glücklich zu sein, sondern hatte ein Gesicht wie sieben Tage Donnerwetter aufgesetzt. Vielleicht hing das damit zusammen, das sie von von einem recht zornigem Sukerumaru beobachtet wurde, der neben ihr lief. Dies musste Mitsura sein, Anis' ältere Schwester. Aber wie waren die beiden so schnell hier her gekommen?
    Da Kagome schon fast HÖREN konnte, wie die Luft zwischen den beiden knisterte, machte sie sich lieber schleunigst aus dem Staub.
    Auf dem Weg zurück machte sie sich Gedanken über diese seltsame Familie. Ihr war aufgefallen, das die Familienmitglieder alle unterschiedliche Haarfarben hatten. Seltsam...

    ~~~Flashback Ende~~~

    Kagome beendete ihren Bericht. Anis hatte sie kein einziges Mal unterbrochen und sagte auch jetzt kein Wort. Dennoch schien sie fast ein wenig...erleichtert zu sein.
    Inuyasha, Miroku und Sango hatten nicht sehr genau hingehört, sie waren anderweitig beschäftigt.
    "Wollen wir jetzt nach hause gehen?" fragte Kagome Anis.
    "Wozu? Meine Eltern machen sich keine Sorgen, das war auch so schon klar. Die Schule kann mir gestohlen bleiben. Warum sollte ich jetzt schon zurück?" fragte Anis schulternzuckend.
    Zuerst glaubte Kagome, sich verhört zu haben. Kümmerten sich ihre Eltern denn gar nicht um sie? Wollte sie aus Trotz hier bleiben? Abgesehen davon, das sie gerade einem gewalttätigen Dämon entkommen war!
    "Du gehst NICHT zurück???" fragte sie sicherheitshalber noch einmal nach.
    "Doch... Vielleicht morgen. Oder übermorgen." Noch ein Schulterzucken.
    "Und was ist mit dem Juwelensplitter? Du hast es mir versprochen!" sagte Kagome vorsichtig. Versucht unauffällig schielte sie zu Anis' Handgelenk.
    "Jaja, wenn ich wieder zu hause bin kriegst du ihn. Vielleicht morgen." kam die Antwort.
    "Oder übermorgen." ergänzte Kagome.
    "Genau!", Anis grinste, "Wieso seit ihr eigentlich noch in der Nähe?"
    "Seit du verschwunden warst, haben wir uns immer in der Nähe von Musashi aufgehalten, in der Hoffnung, das du zurück kommst." erklärte Kagome. Doch Anis schien ihr nicht recht zugehört zu haben.

    Ihre gute Laune schien wie weggefegt, als sie plötzlich aufstand und sich hektisch umsah..
    "Was ist los?" fragte Shippo.
    "Nichts!" rief Anis etwas zu schnell. Sie wirkte plötzlich beunruhigt.
    "Anis-san?" fragte Kagome.
    Doch die Angesprochene hörte ihr nicht zu. Sie schien extrem angespannt. Plötzlich zuckte sie zusammen.
    "Wir sollten gehen!" sagte sie leise.
    Kagome war irritiert.
    "Sofort! Packt eure Sachen zusammen, schnell!" rief sie entsetzt.

    Kapitel: Gedanken
    Inhalt: Ist Anis nun ein Mensch, oder ist sie es nicht? Sesshoumaru ist da ratlos. Hat mal jemand eine Kamera?


    "Los, spuckt es aus, was wollt ihr!?" sagte Anis giftig.
    Sesshoumaru aber grinste innerlich. Genau das hatte er erwartet. Sie schien viel mehr sie selbst zu sein, wenn sie schimpfte. Ob sie mit allen so redete?
    "Warum schläfst du nicht?" fragte der Youkai, doch seine Stimme klang ausdruckslos, ohne jede Emotion. So wie immer eben.
    Anis starrte ihn mit sarkastischer Überraschung an.
    "Glaubt ihr wirklich, ich würde mich in einen solchen Zustand der Achtlosigkeit begeben, wenn ein Massenmörder, der mich selbst versuchte umzubringen und dem ich jeder Zeit zu lästig werden könnte, neben mir sitzt und mich beobachtet?! Bisher war ich vielleicht zu schwach dafür, aber von nun an werde ich gewiss in keiner Nacht mehr schlafen, wenn ihr in der Nähe seid, Sesshoumaru-sama!" Das '-sama' spuckte sie förmlich aus, als wäre es etwas besonders Ekliges, Schleimiges.
    Sesshoumaru hätte viel erwartet, zum Beispiel solch eine lahme Ausrede wie: 'Ich kann nicht einschlafen.' Aber das sie einen wirklichen Grund gehabt hatte...und dann auch noch diesen...Meinte sie das wirklich ernst oder wagte sie es etwa, ihn zu verspotten?! Glaubte sie tatsächlich er wäre so niederträchtig, eine schlafende Frau zu ermorden?!
    "Ich werde dir heute Nacht nichts tun. Du hast deine Aufgaben bisher gut erledigt, auch wenn noch kein Dämon aufgetaucht ist. Solange du dich weiterhin angemessen verhältst, brauchst du von mir nichts zu befürchten. Aber... Ich will, dass du dich nicht verstellst, jedenfalls nicht wenn wir allein sind." Seine Stimme war noch immer kühl und hatte jetzt auch einen warnenden Unterton.
    Anis musterte ihn mit einem misstrauischen Blick. Befriedigt stellte der Youkai fest, dass er sie aus der Bahn geworfen zu haben schien.
    "Warum hast du Rin gesagt, ich hätte dir geholfen?" fragte er weiter.
    Es wäre doch für jeden sofort klar gewesen, dass er NICHT aus reiner Nächstenliebe gehandelt hatte. Das grenzte schon wieder fast an einer Beleidigung.
    Anis zog eine Augenbraue hoch. "Meint ihr ich sollte einem Kleinkind erzählen, dass ihr mich erst halbtot geschlagen habt, nur um mich dann als Werkzeug zu benutzen, um eurem kleinen Halbbruder eins auszuwischen? Meint ihr ich hätte ihr erzählen sollen, wie grausam und kaltblütig ihr großer Held und Lebensretter ist? Tut mir Leid, aber das hielt ich nicht für jugendfrei." erklärte die Frau und klang dabei ebenso kühl wie Sesshoumaru.
    Der Youkai dachte etwa eine halbe Sekunde über ihre Worte nach. Tatsächlich wäre es für Rin nicht gerade gut gewesen, hätte sie es aus dieser Sichtweise gehört. Doch er hatte auch noch andere Fragen, Fragen, die ihm schon seit ein paar Minuten auf der Seele lagen. Er dachte dabei keine Sekunde lang daran, das diese Fragen vielleicht etwas zu persönlich waren...
    "Warum sind deine Lieder so traurig?"
    "Wie bitte!? Was zum Geier geht euch denn bitte DAS an?!" sagte Anis erbost.
    "Ich höre!" antwortete Sesshoumaru mit einem gefährlichem Unterton in der Stimme, der eindeutig besagte, dass seine Geduld sich dem Ende neigte. Er hatte zwar gesagt das sie sich nicht verstellen sollte, aber langsam reichte es ihm dann doch!
    Anis schien jetzt endlich zu begreifen, dass das eine ernstgemeinte Frage war und sie auch ihr Temperament etwas zügeln musste, dann sagte leise: "Meine Lieder klingen immer traurig. Ich weiß nicht warum und ich kann es auch nicht ändern."
    Sesshoumaru sah sie lange nachdenklich an, auch wenn sein kalter Ausdruck keine Sekunde lang von seinem Gesicht wich.
    "Vielleicht singst du so traurig, weil du traurig bist." erwiderte der Youkai.
    Anis stutzte. Solch eine Antwort hatte sie nicht erwartet.
    Was soll das? So etwas hat er noch nie zu mir gesagt. Klar, das könnte jetzt spöttisch gemeint sein, aber so klang es nicht., dachte sie sich. Natürlich, seine Antwort war vollkommen logisch, aber Anis ahnte, dass seine Worte einen tiefgründigeren Hintergrund hatten.
    Anis dachte an ihre Vergangenheit. Was sollte sie auf ewig so traurig machen, das ein solcher Schmerz in ihren Liedern hervortrat? Aber die junge Frau erinnerte sich auch daran, dass dies nicht immer so gewesen war. Sicher hatte es etwas mit dem Tod ihrer kleinen Schwester zu tun. Hastig schob sie den Gedanken beiseite. Das war über zweihundert Jahre her!
    Doch sie versteckte ihrer Gedanken vor Sesshoumaru. Seine Nähe machte ihr irgendwie Angst. Dieser kalte Ausdruck, der Anis keinen Einblick in seine Gedankenwelt ließ... Nun ja, sie würde ohnehin nicht mehr lange in seiner Nähe bleiben. Sobald sie eine Möglichkeit zur Flucht gefunden hatte, würde dieser hochnäsige Dämon nur noch eine Staubwolke von ihr sehen!
    "Warum sollte ich traurig sein, abgesehen davon, das ich hier allein mit euch sitzen muss?!" fragte sie gereizt.
    Sesshoumaru aber ließ sich jetzt nicht mehr von ihrer vorlauten Art beeindrucken. Im Gegenteil, er hätte fast geschmunzelt. Aber etwas beschäftigte ihn doch.
    Er wollte es nicht so recht wahrhaben, dass er mehr als nur Gleichgültigkeit für diese Frau empfand. Doch ihr Gesang... Es schien fast, als hätte er ihm die Augen für eine neue Welt geöffnet.
    "Liegt ein Zauber in deiner Musik?" fragte er deshalb ruhig. Aber innerlich war er ziemlich aufgewühlt. Er musste die Antwort wissen! Konnten nur zwei Wochen mit diesem Weib wirklich dazu führen, dass die jahrhundertelang gefestigte, steinerne Hülle die sein Herz umgab so durchlässig geworden war, das ein einfaches Lied ihn berührte?
    "Ja." antwortete sie auf seine vorherige Frage. Sesshoumaru war erleichtert. Er hatte schon gedacht er wäre verrückt geworden! Aber es handelte sich tatsächlich um Magie. Er war also nicht so verweichlicht geworden!
    "Aber ein sehr schwacher. Er soll lediglich die Zuhörenden etwas beruhigen. Doch da ihr ja ein ziemlich mächtiger Youkai seid, hat euch der Zauber höchstwahrscheinlich nicht betroffen." fügte sie hinzu.
    Und Sesshoumaru fiel aus allen Wolken.

    Anis musterte den Youkai misstrauisch. Er erwiderte nichts auf ihre Worte, doch sie hätte schwören können, dass sein linkes Augenlid ganz kurz gezuckt hatte. Ansonsten zeigte er keine Reaktion und sein Blick, der wieder aus das Feuer gerichtet war, hatte nichts von seiner unheimlichen Kälte verloren. Es wunderte Anis schon ein wenig, dass er diesen schwachen Zauber überhaupt wahrgenommen hatte. Seine Sinne mussten schärfer sein als sie gedacht hatte...
    "Du solltest jetzt schlafen." sagte Sesshoumaru. Das Gespräch schien sich für ihn erledigt zu haben.
    Anis stand auf, erleichtert endlich aus seiner Nähe weg zukommen. Doch das schien dem Youkai nicht zu gefallen.
    "Sofort!" fuhr er sie an. Die junge Frau ahnte was er meinte und auch, das er diesmal keine Widerworte dulden würde.
    Unsicher legte sie sich neben Sesshoumaru auf den Boden. Doch sie schlief nicht. Sie hielt die Augen offen, bedacht darauf, alles nur nicht den Mann neben sich anzusehen.
    Eine ganze Weile lag sie einfach nur so da.
    Dann sprach Sesshoumaru wieder: "Du sollst schlafen! Ich habe keine Lust, mir morgen dein Gemeckere anzuhören!"
    Jetzt reichte es ihr. Sie setzte sich wieder auf und starrte ihn wütend an.
    "Ich hatte vor dafür zu sorgen, das das hier nicht meine letzte Ruhestätte wird!" feuerte sie ihm entgegen.
    Sesshoumaru stieß ein gefährliches Knurren aus, doch er sagte nichts weiter. Also stand Anis auf und lehnte sich sitzend an einen Baum, der etwas weiter von dem Inuyoukai entfernt war.

    Die ganze restliche Nacht über spießten sie sich gegenseitig mit giftigen Blicken auf und keiner von ihnen wollte dieses stumme Duell aufgeben. Das warme Gefühl, das Sesshoumaru bis vor kurzem noch verspürt hatte, war gänzlich verschwunden und hatte der üblichen Kälte Platz gemacht.
    Gut so.


    Hätten Blicke töten können, so hätte Rin wohl zwei Leichen vorgefunden, als sie am nächsten Morgen erwachte. So aber lief sie geradewegs zu Sesshoumaru, um lautstark zu verkünden, sie habe Hunger. Dabei geriet sie direkt in die Bahn, auf der sich Sesshoumarus und Anis' vernichtende Blicke trafen. Obwohl sie nur ein kleines Menschenmädchen war, die nichts von dem Gespräch zwischen ihrer Lehrerin und ihrem Meister mitbekommen hatte, lief es ihr eiskalt den Rücken herab.
    Das kleine Mädchen wunderte sie allerdings nur kurz, denn ihr Magen begann zu rebellieren.
    "Ich hab HUNGER!" rief Rin lautstark, da ihr Magenknurren von den beiden Erwachsenen ignoriert wurde.

    Seufzend stand Anis auf. Sie warf Sesshoumaru einen letzten, geradezu tötenden Blick zu, bevor sie sich Rin zuwandte. Sie nahm das Mädchen mit in den Wald, um einige Beeren und Wurzeln für das Frühstück zu sammeln.
    Als sie eine Zeit lang unterwegs waren, fragte Rin: "Was war denn da zwischen euch und dem Meister los, Anis-sama? Ihr habt euch so komisch angeschaut."
    Anis sah sie nicht an. "Es war nichts."
    "Aber ihr habt ihn immer so ärgerlich angeguckt." protestierte das Mädchen.
    Ärgerlich ist nicht das richtige Wort, fand Anis, VERNICHTEND kommt der Sache schon näher.
    "Wir hatte ein sehr aufschlussreiches Gespräch." antwortete sie schließlich.
    "Aber ihr werdet euch doch wieder vertragen, oder?" erkundigte sich Rin, die sich schon denken konnte, wie dieses AUFSCHLUSSREICHE Gespräch verlaufen war.
    "Aber sicher werden wir uns vertragen." sagte Anis und fügte in Gedanken hinzu: ...in ein paar Jahren vielleicht.

    Immer weiter entfernten sie sich vom Lager. Rin wollte unbedingt noch einen Blumenstrauß für Sesshoumaru pflücken. Also suchten sie sich eine schöne Blumenwiese. Diese lag mitten im Wald und war umrahmt von grünen Baumwipfeln.
    Doch Anis fühlte, dass etwas die Idylle störte. Sie spürte etwas Böses, das von dieser Lichtung, oder besser gesagt von jemandem AUF dieser Lichtung ausging.
    Gerade wollte sie Rin zurückrufen, die fröhlich auf die Wiese hinauf rannte, doch es war bereits zu spät.
    "AH!" schrie das Mädchen, als sie plötzlich stolperte. Anis kam sofort auf sie zugerannt. Das Ding, das Rin am Weiterlaufen gehindert hatte, stellte sich als ein Schwanz heraus. Als Schwanz einer riesigen, gefiederten Schlange.
    Es war eindeutig ein Dämon und er war gar nicht glücklich, von einem kleinen Menschenmädchen aus dem Schlaf gerissen zu werden. Zumal Menschen ja auch eine willkommene Mahlzeit waren...

    Laut brüllend richtete die Schlange sich auf. Rin fiel in das Geschrei mit ein und rannte auf Anis zu. Die junge Frau hob das zitternde Mädchen auf ihre Arme und lief dann selbst los, weg von dem Dämon, der seinen monströs langen Körper jetzt langsam in die Höhe wuchtete.
    Komplett aufgerichtet war sein Kopf, aus dem eine gespaltene Zunge ragte, in einer Höhe mit den höchsten Baumwipfeln. Das Biest war schrecklich anzusehen. Die schwarzen Federn, die seinen Körper bedeckten, glitzerten wie Stahl im Licht der Sonne. Anis zweifelte nicht daran, das die Ränder der Federn messerscharf waren.
    Während der Dämon ihre Verfolgung aufnahm, klammerte sich Rin in den Stoff ihres T-Shirts.
    "Rin-chan!"
    Die Angesprochene blickte auf.
    "Pass auf, ich setz dich jetzt ab. Du läufst einfach diesen Weg hier weiter, verstanden? Dreh dich nicht um, egal was passiert!" sagte Anis rasch.
    Das kleine Mädchen wollte widersprechen, doch Anis setzte sie einfach auf den Boden. Dann drehte sie sich um und sah, das der Schlangendämon schon recht nah war.
    "LAUF!" rief Anis, da sich Rin noch nicht bewegt hatte. Tatsächlich gehorchte das Mädchen jetzt endlich und rannte in den Wald hinein.
    Anis wandte sich wieder dem Dämon zu.
    Dann zog sie Tessaiga.
    Es war das erste Mal seit dem Kampf mit Sesshoumaru, das sie die Waffe wieder kampfbereit in der Hand hielt. Sesshoumaru hatte ihr das Schwert gegeben, als sie wieder beide Arme bewegen konnte. Nun würde sie damit diesen Dämon töten.
    Anis sah, wie sich die rostige Klinge in ihrer Hand, in einen riesigen Stoßzahn verwandelte. Die kleinen, fiesen Augen des Dämons betrachteten Anis und Tessaiga spöttisch. Anis rannte auf den Dämon zu, der sich zu wundern schien, das sein zukünftiges Frühstück ihm so bereitwillig entgegen kam und öffnete sein Maul, weit genug um die Schwertkämpferin mit einem Bissen zu verschlingen. Anis achtete nicht auf die vielen, dolchartigen Giftzähne und setzte ihren Weg unbeirrt fort. Kurz bevor sie zwischen den tödlichen Reißzähnen zermalmt werden konnte, sprang sie in die Höhe. Der Dämon, der seine Zähne schon siegessicher in ihr Fleisch graben wollte, bekam nur Moos und Erde zu fassen, als er mit der Schnauze voran in den Boden stieß.
    Noch im Flug drehte Anis Tessaiga in der Hand und rammte es dem Ungeheuer mit aller Kraft die sie aufwenden konnte, direkt in die Stirn. Doch Tessaiga wurde von den stahlharten Federn, die wie Schuppen den gesamten Leib des Dämons schützten, abgestoßen!
    Anis machte einen Salto rückwärts und landete ein wenig unsanft, aber unverletzt, auf dem Boden.
    Die Schlange war jetzt erst recht gereizt und ließ ihren Schwanz, der ebenso gefährlich schien wie ihr Kopf, auf Anis zurasen. Die machte ein Ausweichmanöver, indem sie hastig einen Sprung beiseite tat. Wieder stieß der Dämon mit seinem Kopf zu. Anis bemerkte, das sie direkt unter einem Baum stand und sich diesmal nicht durch einen Sprung in die Höhe retten konnte. Noch immer kam ihr das geöffnete Maul entgegen. Doch Anis wusste, dass die Schlange, so hart ihr äußerer Schutzschild auch war, an der Innenseite des Rachens verletzlich sein musste. Ein letztes Mal hob sie Tessaiga. Sie konzentrierte sich auf die verschiedenen Energien in ihrem Umfeld und deren Schnittpunkte. Diese Punkte bildeten eine Linie und an genau dieser Linie schwang Anis Tessaiga entlang.
    Die Windnarbe raste die kurze Strecke auf den Dämon zu. Die Lichtstrahlen trafen direkt in das weit aufgerissene Maul der Schlange. In einer gewaltigen Explosion aus Federn und zerfetzten Fleischstücken wurde die gefiederte Schlange der Länge nach in zwei Hälften geteilt. Doch die Sache hatte auch ein Schlechtes, denn alle Federn wirbelten jetzt in der Luft herum.
    Anis hielt das große Schwert schützend vor sich, konnte jedoch nicht verhindern, das zahlreiche Federn ihr die Haut aufritzen. Die Wunden waren allesamt nicht sehr schwer und trotzdem taten sie weh.
    Es dauerte ganze fünf Minuten, bis sich der Wirbel gelegt hatte. Keuchend richtete Anis sich auf. Die Attacke hatte ihr sehr viel Kraft abverlangt. Erschöpft steckte sie Tessaiga in die Schwertscheide zurück. Nachdenklich hob sie eine der Federn auf und steckte sie nach kurzem Betrachten in ihre Hosentasche, darauf bedacht, das die scharfen Ränder den Stoff nicht zerschnitten. Sie würde sicher ein gutes Messer abgeben.


    "Anis! Da seid ihr ja! Ich hab schon befürchtet..." Rin kam auf die junge Frau zugerannt und begrüßte sie stürmisch. Ihr Gesicht strahlte. "Ihr habt den bösen Dämon erledigt, ja?" fragte Rin freudig, nachdem Anis sich neben ihr an der Feuerstelle niedergelassen hatte. Ihre Antwort bestand nur aus einem knappen Nicken, was Rin jedoch sofort zu einem neuen Redeschwall ermutigte: "Ich hab Sesshoumaru-sama gefragt ob er euch hilft, aber er meinte nur, das wäre nicht nötig."
    Anis sah zu Sesshoumaru hinüber. Typisch, von DEM hätte ich auch keine Hilfe erwartet geschweige denn angenommen., dachte sie dabei. Ihr Tod wäre ihm egal gewesen. Wenn sie schon solch einen, noch relativ niederen Dämon nicht erledigen konnte, dann war sie für Sesshoumaru mehr als nutzlos. Sie durfte nur hier - und damit am Leben - bleiben, um in genau solchen Situationen einzuspringen. Andernfalls würde Sesshoumaru sie ohne mit der Wimper zu zucken um die Ecke bringen.
    Noch immer schaute sie ausdruckslos zu dem Youkai hinüber, der in diesem Moment aufstand und verkündete: "Wir gehen weiter. Wir haben schon viel zu viel Zeit verloren." Anis unterdrückte ein verächtliches Schnauben und folgte Sesshoumaru, der sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Rin ritt auf Ah-Uhn, da sie noch zu erschöpft von der Hetzjagd war. Jaken hielt sich dicht bei seinem Meister, während Anis neben dem zweiköpfigen Drachen herlief. Keiner wagte zu fragen, wo sie überhaupt hingingen.
    Anis betrachtete den Youkai jetzt näher.
    Seine Rüstung, die sicher nicht so leicht zu zerstören war, wirkte bedrohlich. Tokjin, das an seiner Seite hing, strahlte Gefahr aus. Die Tödlichkeit dieses Schwertes hatte sie selbst schon am eigenem Leib erfahren müssen. Sogar die Hände des Youkais endeten in scharfen Krallen. Sicher konnte er auch damit seine Gegner mit einem Schlag ins Jenseits befördern. Was er noch so alles für Attacken drauf hatte, wollte sie erst gar nicht wissen.
    Verstohlen betrachtete Anis ihre eigenen Fingernägel - und wollte unwillkürlich nach ihrer Tasche greifen. Doch da fiel ihr ein, das sie ja sowohl ihre Tasche als auch ihr Schwert in dieser kleinen Hütte gelassen hatte. Nun durchsuchte sie ihre Hosentasche und fand nach einer Weile tatsächlich, was sie suchte: eine Nagelfeile. Für den Notfall hatte sie immer eine in der Hosentasche. Und das hier war ein Notfall! Ihre Fingernägel waren schon geradezu unnatürlich lang, sie musste sie mehr pflegen!
    Eine Weile beschäftigte sie sich so unauffällig wie möglich damit, ihre Nägel fein säuberlich abzufeilen. Dann hob sie den Blick wieder - und erstarrte.
    Sesshoumaru hatte sich für einen Moment umgewandt und Anis konnte kurz in seine goldenen Augen sehen. Natürlich, wie hatte sie das vergessen können! Genau diese Augen waren es, die seine ganze Gestalt in ein furchteinflößendes Licht tauchten. Alle unangenehmen Eigenschaften schienen in ihnen enthalten zu sein: Grausamkeit, Verachtung, Gewaltdrang, aber auch Gleichgültigkeit, Arroganz, Überheblichkeit und eine alles überwiegende Kälte. Doch nein, richtig böse war er nicht. Anis sah weder Hinterlist, Tücke noch Brutalität, nicht einen Funken dieser typischen Boshaftigkeit, den sie bei dem Schlangendämon beobachtet hatte, in diesen Augen. Doch das wäre Anis vielleicht sogar noch lieber gewesen. Bei einem waschechten Bösewicht wusste man wenigstens, woran man war. Doch bei Sesshoumaru wusste man nie genau, was er als nächstes vor hatte, geschweige denn das man es verstand.
    Irgendwie wurde Anis erst jetzt bewusst, wie gefährlich der Dämon war. Solange sie hier war, schwebte sie in großer Gefahr. Nur eine kurze Bewegung seinerseits und ihr Kopf lag vor seinen Füßen!
    Anis war auf diesen Handel, mit ihm zu kommen und Tessaiga zu führen zwar eingegangen, doch sie würde sicher nicht im Kampf mit irgendeinem Dämon sterben, sondern früher oder später von
    Sesshoumaru persönlich zerrissen werden. Ihre Lebenserwartung würde hier möglicherweise nur noch einige Tage umfassen!
    Wie gerne würde Anis jetzt wieder bei Kagome sein, dort war es verhältnismäßig ungefährlich und es gab trotzdem noch genug Aktion.

    Anis dachte noch lange über dieses Thema nach. Den ganzen Tag lang sagte sie kein Wort und trottete nur stumm neben Ah-Uhn her.
    Erst als die Nacht herein brach machten sie halt, weil Rin lautstark quengelte, sie sei ja soooo müde. Anis selbst war nicht wirklich müde, aber doch etwas erschöpft. Sorgsam achtete sie darauf, das Sesshoumaru das nicht mitbekam. In der letzten Nacht hatte sie schließlich kein Auge zugetan, was allerdings hauptsächlich damit zusammenhing, das Sesshoumaru sie die ganze Zeit über beobachtet hatte. Meist hatte er sie nicht direkt angeschaut, doch ein Youkai wie er kam auch ohne einen seiner Sinne aus und konnte alles mitverfolgen, was sie tat. Um sich wach zu halten hatte Anis alle Lieder aus ihrem Gedächtnis hervorgekramt, die ihr einfielen. Die meisten waren englisch. Obwohl Sesshoumaru unmöglich auch nur ein Wort von ihr hatte verstehen können, hatte er ihr scheinbar doch die ganze Zeit über zugehört, was sie zunehmend nervös gemacht hatte. Mit der Zeit war sie immer wacher geworden.
    Aber der Kampf mit dem Dämon und die anschließende Marschtour, hatten sie doch mehr ausgelaugt, als sie zugeben wollte. Trotzdem war sie entschlossen, auch diesmal nicht zu schlafen.

    Sie kümmerte sich noch kurz um Rin und sorgte dafür, dass das kleine Mädchen einen angenehme Nacht haben würde. Dann setzte sie sich unter den nächsten Baum und schloss die Augen, gerade so weit, das sie durch einen winzigen Schlitz zwischen ihren Wimpern hindurch noch alles erkennen konnte, was auf der Lichtung geschah.
    Jaken hatte es geschafft, Ah-Uhn dazu zu bringen, sich endlich niederzulassen. Er schimpfte gerade darüber, wie UNGERECHT sein Leben doch sei. Gleich darauf warf er sich Sesshoumaru zu Füßen und versicherte ihm, dass er keinesfalls meinte der Inuyoukai wäre daran Schuld. Zwei Sekunden später zierte seinen Kopf eine große Beule. Anis zweifelte daran, das Jaken Sesshoumaru tatsächlich beleidigt hatte. Ihm ging wohl einfach nur das Gejammer von dem Krötendämon auf die Nerven.
    Nachdem auch Jaken sich endlich zur Ruhe gelegt hatte, war nur noch Sesshoumaru selbst übrig. Er hatte sich ebenfalls an einen Baum gelehnt. Ein Bein angewinkelt und eines ausgestreckt, saß er da und beobachtete seine Umgebung mit wachem Blick.
    Anis fiel auf, das seine Augen nie auf ihr selbst ruhten. Fast, als wollte er sie nicht ansehen. Wie um diese Theorie zu neutralisieren, schaute er jetzt doch in ihre Richtung und in sein Blick hatte mehr von seiner abweisenden Kälte, als sie es je bei ihm gesehen hatte. Sie war erleichtert, das dieser schreckliche Blick nur eine Nanosekunde an ihr hängen blieb und sofort weiterwanderte.
    Ob er wohl dachte, das sie schliefe?

    Sesshoumaru lie? seinen Blick schweifen. Rin schlief bereits tief und fest. Jaken hatte sich an Ah-Uhn gelehnt und saß in der Haltung eines Wachposten. Doch Sesshoumaru hörte sein gleichmäßiges Atmen und wusste, das auch er eingeschlafen war. Wahrscheinlich wider Willen. Manchmal fragte er sich wirklich, warum er die beiden in seiner Nähe duldete. Er brauchte keine Gesellschaft! Doch sie störten ihn nicht. Rin war zwar etwas anhänglich und Jaken etwas schleimig, doch das waren nur Kleinigkeiten. Anis war nichts von beidem... Aber sie war frech, vorlaut, respektlos und sie war...! Tja, altbekannte Frage, was war sie eigentlich? Darauf hatte er noch immer keine Antwort gefunden. Sicher nur ein Mensch, der eben etwas stärker als gewöhnlich war. Vielleicht ja eine Dämonenjägerin? Gut möglich. Das würde auch erklären, woher sie eine Möglichkeit kannte, ihren Geruch vor einem so hochrangigem Inuyoukai wie ihm zu verbergen.
    Er hätte sie gern jetzt noch einmal gemustert, doch zugleich wollte er sie auch nicht ansehen. Als er das gestern abend gemacht hatte... Lieber nicht daran denken! Wenn er jetzt im Nachhinein darüber nachdachte, war es richtig schrecklich gewesen! Er sollte darauf achten, ihr nicht wieder so nahe zu kommen. Jedenfalls, bis er herausgefunden hatte, was es mit ihr auf sich hatte.
    Ob sie wohl schlief?
    Sesshoumaru spitzte die Ohren und lauschte auf ihre Atmung. Er war ruhig und gleichmäßig. Entweder war sie total entspannt, was er sich nicht vorstellen konnte, oder sie war mit ihren Gedanken am anderen Ende der Welt, oder natürlich; sie schlief. Was auch immer: Sie verhielt sich ruhig und das war auch gut so. Es war gut, das sie nicht sang. Auch wenn ein winziger Teil, ganz tief in ihm, es sehr gern gehabt hätte, wenn sie wieder eins ihrer fremdsprachigen Lieder anstimmte. Er hätte sich das nie eingestanden, doch er mochte ihre Stimme. Vorausgesetzt, diese Stimme giftete ihn nicht an.
    Nachdem sein Blick jetzt fünfmal hintereinander über Rin, Ah-Uhn, Jaken und dem Rest der Umgebung gewandert war, zwang er sich schließlich doch einmal, in Anis' Richtung zu schauen. Nur grob in die Richtung. Falls sie nämlich tatsächlich doch noch nicht schlief, wollte er sich nicht vorwerfen lassen, das er ihrem Blick ausgewichen wäre! Er legte so viel Kälte wie möglich in diesen Blick, um seine Ablehnung zu verdeutlichen. Bis ihm auffiel, das Anis die Augen geschlossen hatte.
    Wie er sich wieder anstellte! Bestimmt schlief sie schon längst! Und wenn nicht, war das auch egal. Was machte er sich überhaupt Gedanken darüber?! War doch völlig egal.
    Er zwang sich an etwas anderes zu denken.
    Vielleicht würde er ja heute Nacht auf einige seiner unausgesprochenen Fragen eine Antwort finden.
    Erste Frage: Warum kann Anis Tessaiga führen?
    Zweite Frage: Was sollte er machen, wenn Anis irgendwann mal einem Dämon gegenüber stand, dem sie nicht gewachsen war?
    Dritte Frage: Was, wenn ihm Anis tatsächlich einmal zu lästig werden sollte?
    Vierte Frage: Hatte Anis sich nicht eigentlich schon zu viel geleistet?
    Fünfte Frage: Wäre es nicht besser, Anis einfach zu töten?
    Sechste Frage: Wenn er Anis tatsächlich tötete, was sollte er dann mit Tessaiga machen?
    Siebte Frage: Würde Anis versuchen, zu fliehen?
    Achte Frage: Wenn Anis wirklich floh oder er sie gar töten musste, was würde Rin dazu sagen?
    Neunte Frage: Was würde Anis tun, wenn Inuyasha auftauchte und sein Schwert zurückverlangte?
    Zehnte Frage: Waren Anis und Inuyasha die einzigen Personen, die Tessaiga führen konnten?
    Moooohoooment mal.
    Warum zum Teufel kamen in allen Fragen, die ihm einfielen, Anis' Name vor?! Drehte sich etwa plötzlich die ganze Welt nur noch um dieses Weibsbild und er hatte es nur nicht mitbekommen?! Gab es denn keine andere Frage, über die er nachbrüten konnte?!
    Nun, leider fiel ihm da tatsächlich keine andere ein.
    Also seufzte er innerlich einmal auf und wandte sich der letzten Frage zu, die wenigstens etwas mit der Beseitigung dieser FRAU zu tun hatte. Frage Nummer zehn. Wenn Anis ihr Leben tatsächlich frühzeitig (zum Beispiel durch seine Hand) aushauchen sollte, dann wäre es doch nicht schlecht, einen Ersatz zur Hand zu haben, der Tessaiga ebenfalls für ihn führen konnte. Damit wäre auch Frage Nummer sechs erledigt. Je weniger Fragen, desto besser.
    Aber woher sollte er denn wissen, wer eventuell noch dazu in der Lage wäre, Tessaiga zu führen? Er könnte jemanden fragen, der es wusste. Als erstes fiel ihm Totosai ein. Er hatte Tessaiga geschmiedet. Doch den konnte er nicht leiden und er ihn auch nicht. Der Alte würde wahrscheinlich auch nichts preisgeben. Dann wäre da noch Myouga. Der Flohgeist war der beste Berater seines Vaters gewesen und wusste sicher darüber Bescheid. Nein, nur über seine Leiche...Das kam gar nicht infrage. Erstens konnte er ihn nicht leiden, zweitens war er ein Angsthase, der sich sofort bei seinem Anblick aus dem Staub machen würde und drittens stand er Inuyasha viel zu nahe. Nun, dann blieb nur noch, der alte Baumgeist, aus dessen Ästen die Schwertscheiden für Tenseiga und Tessaiga gemacht worden waren. Auch er wusste sicher gut über das Schwert Bescheid. Der Wald, in dem der Baum stand, war hier ganz in der Nähe. Vielleicht sollte er zu ihm gehen? Ja, das schien ihm eine gute Idee zu sein. Es wäre besser einen Ersatz für Anis zu haben. Noch duldete er sie in seiner Nähe, doch das konnte sich jeder Zeit ändern.

    Anis bewegte sich nicht. sie sammelte Kräfte. Morgen musste sie gut ausgeruht sein! Und auch in den darauf folgenden Tagen. Denn diese Tage mochten über ihre gesamte Zukunft entscheiden. Dann wollte sie bereit sein. Bereit für den Tag, an dem Sesshoumarus Achtsamkeit nachließ. Bereit für den Tag, an dem er die kleine Gruppe für ein paar Tage aus den Augen ließ.
    Denn in dieser Nacht, plante sie ihren ersten Fluchtversuch.

    okay, ich hab auch schon bemerkt, das das hier das falsche Forum zu sein scheintXD
    Aber dazu muss man sagen: HIer antwortet wenigstens jemand^^ Ich hab dieselbe ff auf nem Forum wo es wirklich um Fangeschichten geht, auch um Mangas wie Inuyasha, aber da hat sich bisher noch niemand gemeldet. Ich hab also eigentlich auch nicht vor, das ganze hier abzubrechen.
    Zu deiner Frage: Ich denke, das mit dem VErwandeln ist so etwas wie ein Schutzmechanismus, damit es niemand außer Inuyasha benutzen kann. Mit einer rostigen, alten Klinge kann man ja schlecht kämpfen, die hat ja keine dämonischen Kräfte, außer vielleicht den Bannkreis. Wenn ein Feind die in die Hände bekommt, kann er damit nichts anfangen.
    Außerdem: Wie würde das denn aussehen, wenn Inu mit so nem Teil an der Hüfte rumlaufen würde?! Da bräuchte man eine extrem große Schwertscheide.


    Kapitel: Neue Fragen
    Inhalt: Anis muss höflich sein, Sesshoumaru macht sich untypischerweise einen Haufen Gedanken und Inuyasha rastet dank dem Verlust seines geliebten Schwertes vollkommen aus, kurz: Alle treiben sich gegenseitig in den Wahnsinn.


    Suchend sah er sich um.
    "Ähm, ... Wo habt ihr denn mein Schwert hingetan?" fragte er irritiert.
    Stille.
    . . .
    "Ähm..." stotterte Miroku.
    . . .
    ". . ." Auch Kagome wollte nicht unbedingt diejenige sein, die den Hanyou aufklärte.
    . . .
    "Das... ist schwer zu erklären, weißt du..." sagte das Mädchen leise. Sie hatte den Kopf eingezogen und machte sich auf ein Donnerwetter gefasst.
    Inuyasha stutzte. Wenn sie so daher redeten, war etwas ganz und gar nicht in Ordnung und da es hier um Tessaiga, seinen wertvollsten Besitz, das Erbe seines Vaters ging und er das Schlimmste zu befürchten hatte, zitterte seine Stimme vor Anspannung, als er die folgenden Worte aussprach:
    "Was. - Ist. - LOS?!" rief er erstickt.
    Miroku atmete tief ein. Es war besser, ihm sofort die Wahrheit zu sagen. Inuyasha würde es sowieso erfahren und Kagome machte nicht die geringsten Anstalten mit der Sprache herauszurücken.
    "Sesshoumaru hat Tessaiga mitgenommen." stieß er gepresst hervor.
    Stille.
    "WAS?!" schrie Inuyasha.
    . . .
    Kagome stieß ein gekünsteltes Hüsteln aus, um nichts sagen zu müssen.
    Miroku scharrte mit der Fußspitze im Staub, der auf dem Hüttenboden lag.
    Keiner der Beiden sah dem Hanyou ins Gesicht, der mittlerweile auf hundertachtzig war.
    "WAS SOLL DAS HEIßEN, SESSHOUMARU HAT TESSAIGA MITGENOMMEN?!"
    . . .
    Nun hustete auch Miroku.
    Schließlich ließ sich Kagome zu einer Antwort herab:
    "Nun ja, es heißt, dass ein berüchtigter Menschenmörder nun im Besitz eines Schwertes ist, das hundert Leben auf einmal auslöschen kann." Und das die Welt somit kurz vor dem Untergang steht..., fügte sie in Gedanken hinzu.
    Inuyasha stöhne und ließ sich zurück auf den Boden fallen.
    "Danke das du uns die Hoffnungslosigkeit dieser Lage so schön verdeutlicht hast." sagte er sarkastisch zu Kagome.
    Doch dann überlegte er kurz. "Moment mal. Sesshoumaru kann Tessaiga doch gar nicht berühren, geschweige denn beherrschen. Er wird von dem Schutzsiegel zurückgewiesen!" protestierte er und sah seine Freunde erwartungsvoll an.
    Stille.
    . . .
    "Hm..." murmelte Kagome.
    "Tja..." stotterte Miroku.
    "Ähm... Das Problem hat er umgangen..." druckste Kagome herum, darauf bedacht, Inuyasha nicht wieder zum Schreien zu bringen. Was ihr nicht sehr gut gelang.
    "WIE BITTE?!", brüllte Inuyasha noch eine Lautstärke höher als zuvor, "Was hat sich dieser Mistkerl denn jetzt schon wieder ausgedacht?!"
    "Nun beruhige dich doch erstmal." versuchte es Miroku.
    Doch Inuyashas Drang zum Lautwerden hatte jetzt auch Kagome angesteckt.
    "WIE SOLL ER SICH DENN BERUHIGEN?! ES IST JA SCHLIEßLICH NOCH VIEL SCHLIMMER, ER WEIß JA NOCH NICHT EINMAL ALLES!!!" Sie klang jetzt schon leicht hysterisch und raufte sich die Haare.
    "ERZÄHLT MIR ENDLICH WAS PASSIERT IST!" schrie Inuyasha wütend.
    "RUHE!" kreischte Miroku.
    "ICH BIN RUHIG!" brüllte Inuyasha jetzt lauter als jemals zuvor.
    . . .
    Stille.
    Langsam beruhigten sich alle wieder ein bisschen.
    Inuyasha seufzte und ließ sich im Schneidersitz nieder. "Erzählt mir einfach, was passiert ist, okay?"
    Kagome nickte, etwas irritiert von seinem plötzlichen Stimmungswechsel und setzte sich neben ihn.
    Dann begann sie zu erzählen.
    Sie redete lange, wurde aber manchmal von Miroku unterbrochen, der wichtige Details hinzufügte, die Kagome vergaß.
    Nach einer Weile kamen auch Sango und Shippo herein, die sich wegen dem Gekreische erst nicht rein getraut hatten, und die beiden mussten noch einmal von vorne anfangen.
    Als sie dann alle Fakten zusammengetragen hatten und Inuyasha seinen Halbbruder mit einer halben Millionen Flüchen bedacht hatte, konnten sie sich endlich Gedanken darüber machen, was sie jetzt zu tun hatten.
    Alle beschlossen einstimmig, dass sie Sessoumaru folgen würden. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Kagome, Sango, Miroku und Shippo, wollten hauptsächlich Anis befreien. Inuyasha war dieses 'Weib' völlig egal, er wollte lediglich Tessaiga zurück. Deshalb gab es natürlich auch noch einige Diskussionen: Inuyasha meinte, Anis sei eine Verräterin und zum Feind übergelaufen. Kagome jedoch war der festen Überzeugung, dass Anis nur mit Sesshoumaru gegangen war, um sie alle zu schützen. Miroku hatte sowieso von jeder schönen Frau ein gutes Erscheinungsbild. Auch auf Sango hatte die junge Frau keinen bösartigen Eindruck gemacht. Und Shippo wurde nicht gefragt.
    Wie auch immer, zuerst einmal mussten sie an den Inuyoukai herankommen.

    Also verließ Inuyasha, gefolgt von seinen Freunden, die Hütte und schritt über das zerstörte Kampffeld. Überall hing Sesshoumarus und auch Anis' Geruch, den er immer noch nicht recht identifizieren konnte, in der Luft.
    Inuyasha blieb bei dem Felsen stehen, an dem er selbst lange Zeit bewusstlos gelegen hatte.
    "Hier lag sie eine Zeit lang." stellte er fest und betrachtete das getrocknete Blut auf dem Boden, das ihren Geruch trug. Sie musste sehr schwer verletzt sein. Vermutlich war sie längst tot, mal davon abgesehen das Sessoumaru sich in ihrer Nähe aufhielt.
    Kagome nickte: "Und dann ist er mit ihr in Richtung Westen verschwunden."
    Schnüffelnd reckte der Hanyou die Nase in den Wind. Dann ging er ein paar Schritte zum Waldrand.
    "Hast du eine Spur?" fragte Kagome hoffnungsvoll.
    "Nicht wirklich, sie hört nämlich hier schon wieder auf." murrte der Angesprochene.
    "Wie, nach nur drei Schritten, das kann doch wohl nicht wahr sein!", stöhnte Kagome, "Wie ist das möglich?"
    "Ganz einfach: Sesshoumaru muss ab dem Punkt, an dem seine Spur aufhört, geflogen sein. Wenn er es nicht selbst will, dann finden wir ihn nie." stellte Inuyasha fest.
    Sango und Miroku machten verzweifelte Gesichter.
    "Und es gibt keine Möglichkeit...?" fragte Shippo der genauso verzweifelt war, wie seine Freunde aus der Wäsche schauten.
    Nur Kagome machte ein nachdenkliches Gesicht. Ohne irgendwelche Erklärungen abzugeben, lief sie auf Kaedes Hütte zu, deren Besitzerin sich irgendwohin verzogen hatte.
    "Kagome, was...?" rief Inuyasha.
    Doch Kagome hörte ihm nicht zu, sondern verschwand hinter der Tür. Der Hanyou stand zusammen mit dem Rest der Gruppe etwas bedeppert draußen und wartete darauf, das sie wieder auftauchte. Das geschah dann auch recht schnell.
    "Hier, seht mal!" Kagome ging zu ihren Freunden zurück. In der Hand hielt sie eine schmale Schwertscheide.
    "Tessaiga...?" fragte Inuyasha hoffnungsvoll.
    "Unsinn, das ist das Schwert von Anis!" antwortete das schwarzhaarige Mädchen.
    "Und was willst du damit, Kagome-chan?" fragte Sango.
    "Ich? Gar nichts! Aber wenn wir Glück haben, wird Anis von ganz alleine hier auftauchen, um es zurückzuholen." erklärte das Mädchen weiter.
    "Tja, vorausgesetzt, Sesshoumaru bringt sie nicht vorher um die Ecke." flüsterte der Hanyou leise.
    "Nun, wir können wohl nur abwarten. Aber so, wie Anis gegen ihn gekämpft hat, hätte sie vielleicht sogar eine Chance." erwiderte Miroku.
    "Eine Chance für was? Um Sesshoumaru zu erledigen?" fragte Shippo, der ganz begeistert von dieser Idee zu sein schien.
    "Na, na, na! Ich würde mir an deiner Stelle keine falschen Hoffnungen machen. Ich meinte eigentlich, dass sie es schaffen könnte zu fliehen." klärte der Mönch den jungen Fuchsdämon in seine Gedankengänge ein.
    Der machte noch kurz ein enttäuschtes Gesicht, freute sich aber gleichzeitig, Anis womöglich bald wieder zu sehen. Er hatte die junge Frau sofort ins Herz geschlossen, obwohl er sie nur kurz gesehen hatte. Doch in dieser kurzen Zeit war es ihr immerhin gelungen, Inuyasha aus der Fassung zu bringen und zu einem Wutausbruch zu animieren, auch wenn sie dabei von Sessoumarus Ankunft unterbrochen worden waren. Doch diese Tatsache machte Anis in Shippos Augen doch gleich einmal viel sympathischer. Hoffentlich kam sie bald zurück!
    Doch das sollte sich als sehr schwierig erweisen...

    ~eine Woche später bei Sesshoumaru&Co.~

    Sesshoumaru beobachtete Anis misstrauisch. Seit einer knappen Woche war sie nun schon bei ihm und er wurde einfach nicht schlau aus diesem Weib.
    Als er mit ihr gekämpft hatte, war sie vorlaut und frech gewesen. Selbst wenn sie nichts gesagt hatte, oder auch gerade dann, hatte sie ihn wütend gemacht.
    Doch seit Rin, Jaken und Ah-Uhn zu ihnen gestoßen waren, benahm sie sich wie ausgewechselt. War sie vorher so respektlos gewesen, das er mehrmals in Versuchung geraten war, ihr einfach den Kopf abzuschlagen, so war sie nun dermat achtungsvoll - das es schon fast wieder unheimlich war. Dabei tat sie nichts Falsches, sie benahm sich einfach wie eine gewöhnliche Dienerin. Aber nicht jedem der Gruppe brachte sie den selben Respekt entgegen. So redete sie beispielsweise mit Rin anders als mit ihm selbst. Zu dem kleinen Mädchen war sie... mütterlich. Sie kümmerte sich mit Hingabe um das Kind. Anis spaßte mit ihr und brachte ihr auch nützliche Dinge bei. Die junge Frau erklärte Rin alle Kräuter, die man zum Versorgen von Wunden, zum Würzen von Speisen, Heilen von Krankheiten und sogar zum Vergiften verwendet wurden.
    Doch sie ließ sich die meisten Informationen einzeln aus der Nase ziehen und war eher wortkarg. Dass sie nicht sehr viel sprach, schien weder Rin noch Jaken etwas auszumachen. Doch Sesshoumaru störte es. Denn so bekam er den Verdacht, dass sie ihn irgendwann hintergehen würde. Unsinn, natürlich würde sie das, oder eher: Sie würde es versuchen. Aber dass der Youkai keinen einzigen ihrer aufmüpfigen Gedanken zu spüren bekam, verunsicherte ihn ein wenig. So hätte er nicht einmal einen triftigen Grund sie zu töten, wenn ihm danach war! Nicht, das er sich irgendwie hätte rechtfertigen müssen, aber ob er Rins lautstarkes Gequengel aushalten würde...? Er hatte nämlich nicht wirklich damit gerechnet. dass sie seine Forderung bezüglich der Höflichkeit ernst nehmen würde. Bisher jedoch hatte sie ihm noch keine einzige Gelegenheit geboten seinen Frust an ihr aus zu lassen. Bedauernswert!
    Außerdem hätte Sesshoumaru damit gerechnet, das Jaken lautstark gegen seine Entscheidung, ein Menschenweib in seiner Nähe zu dulden, protestierte. Doch das tat der kleine Krötendämon nicht, denn selbst ihn behandelte Anis mit dem Respekt, der einem Diener des Erben der westlichen Länder - Jakens Meinung nach - gebührte.
    So etwas war Sesshoumaru einfach nicht gewohnt. Das seine Befehle ohne Widerworte oder Nachfragen ausgeführt wurden. Denn genau das tat Anis und zwar nicht auf Jakens, schleimige Art. Sie tat es, als wäre es ihr im Grunde gleichgültig, ja fast sogar schon, als machte es ihr Freude. Wäre er sich nicht so sicher, dass sie etwas im Schilde führte: Er hätte diesen Luxus glatt genossen. Doch auch sonst mochte er dieses Verhalten nicht. Es war angemessen - aber es gefiel ihm einfach nicht.
    Sie schien ihm eine vorzügliche Kämpferin zu sein, die eine Niederlage nicht ohne Widerstand hinnahm - und sei es nur in Form von Worten. Solche Krieger schätzte er. Schade nur, dass sie eine Frau, noch dazu ein Mensch war. Wobei er immer noch seine Zweifel hatte, ob sie tatsächlich ein NUR Mensch war.
    Dass sie ihm jetzt so unterwürfig diente, passte einfach nicht. Es wirkte falsch, als sei es nicht richtig. Hatte er sie so falsch eingeschätzt?
    Doch trotz allem empfand Sesshoumaru keine rechte Verachtung ihr gegenüber, auch wenn es nach außen so scheinen mochte. Zu sehr schmerzten ihn die Erinnerungen an den Kampf. Für eine Kriegern, die selbst ihn - Sesshoumaru - in einem Schwertkampf beeindruckte, gehörte es sich irgendwie nicht, Feuerholz zu sammeln oder sich um Ah-Uhns Pflege zu kümmern, wenn es solch niedere Dämonen wie Jaken gab, die das jeder Zeit hätten übernehmen können. Doch was sollte er da schon sagen, er hatte ja selbst angeordnet, das Anis ihm dienen sollte. Trotzdem schien es ihm eine Schande zu sein, ihr Talent so verkümmern zu lassen. Für eine gewöhnliche Menschenfrau waren diese Aufgaben vielleicht angemessen, doch wie schon erwähnt hatte Anis Sesshoumaru zum wiederholtem Male Grund zur Annahme gegeben, dass diese unmöglich ein Mensch sein konnte.
    Als er ihr nämlich das Angebot gemacht hatte, ihn zu begleiten, da hatte sie sich kaum bewegen können. Doch schon jetzt - etwa vier Tage später - waren ihre Wunden schon fast völlig verheilt. Zwar hatte sie immer noch zahlreiche Verbände an den Armen, doch sie versorgte die Verletzungen schon selbstständig. Zuvor hatte sie Rin erklärt, welche Kräuter sie auf die Wunden legen wusste. Das kleine Mädchen hatte ihr mit Freuden geholfen. Anis konnte auch schon ohne fremde Hilfe laufen und das erstaunlich schnell. Ein normaler Mensch hätte nicht einmal den Flug hierher überlebt, da er ja nicht gerade sanft mit ihr umgesprungen war. Doch bis auf ihre, außergewöhnlich schnell heilenden Wunden, konnte der Inuyoukai noch immer keine Anzeichen feststellen die darauf hindeuteten, dass sie eventuell ein Dämon war. Aber es war nun einmal unter seiner Würde, sie darauf anzusprechen und damit zu gestehen, das er nicht den leisesten Schimmer hatte, was es mit ihrer Herkunft auf sich hatte. Stattdessen beobachtete Sesshoumaru die junge Frau genaustes.
    Sie saß mit dem Rücken zu ihm unter einem hohem Baum, ihre Haare wehten im Wind und sie unterhielt sich gerade mit Rin...

    Anis spürte Sesshoumarus Blick. Wie zwei kleine, juckende Mückenstiche spürte sie seine Augen in ihrem Rücken - und genauso unangenehm fühlte es sich auch an. Sie hasste es hier zu sein. Sie hasste es, wie eine niedere Dienerin behandelt zu werden und sich auch so benehmen zu müssen. Sie hasste es, diesen hochnäsigen Eisklotz so unterwürfig entgegentreten zu müssen.
    Aber Anis wollte ihr Leben nicht frühzeitig beenden, indem sie Sesshoumaru unnötig reizte. Abgesehen davon hatte sie nun einmal einen Handel mit dem Youkai abgeschlossen. Und dieser Handel beinhaltete auch, dass sie ihm gehorchen musste. Das tat sie am besten, indem sie sich auf diese Art verstellte. Doch dieses Lieb-Mädchen-sein spielen, diese übertriebene Höflichkeit, hatte auch noch einen anderen Grund, außer das sie befohlen war. Wenn ihr das alles hier zu viel wurde und sie fliehen wollte, so würde sich ihre Arbeit reichlich auszahlen. Denn wenn sie die gehorsame Dienerin spielte, dann würde er nicht mit einem Fluchtversuch rechnen.
    Die einzigen, die Anis in dieser Gruppe wirklich mochte, waren Rin und Ah-Uhn. Der zweiköpfige Drache war - entgegen seinem Erscheinungsbild - eher sanftmütig. Er mochte Anis auf Anhieb und ließ sich auch bereitwillig von ihr streicheln.
    Rin war ein sehr verspieltes Mädchen. Ständig war sie in Bewegung, doch sie war auch sofort still, wenn Sesshoumaru sich beschwerte und meinte, sie würde nerven. Doch diese Ruhe hielt allerhöchstens zwei Minuten an. Dann begann sie wieder leise mit Jaken, Anis oder manchmal sogar mit Ah-Uhn zu flüstern. Dabei wurde sie mit der Zeit immer lauter, bis Sesshoumaru sie wieder zum Schweigen brachte.
    Doch das kleine Mädchen war auch sehr wissbegierig. Also hatte Anis angefangen, ihr alles über die verschiedenen Heilkräuter zu erzählen.

    "Und wozu sind diese großen, flauschigen Blätter gut, Anis-sama?" fragte Rin und deutete auf eine große Pflanze, die aus Ah-Uhns Satteltasche ragte.
    Die beiden hatten immer hier und da ein paar Kräuter ausgerupft, während sie hinter Sesshoumaru hertrabten, seit sie sich wieder auf den Weg gemacht hatten. Die Pause nach dem Frühstück hatte nicht sehr lange angedauert.
    "Die kann man zerstampfen und einen Tee daraus kochen, der das Fieber lindert." erklärte Anis ihrer kleinen Schülerin.
    "Ooooh, das ist ja sehr nützlich, nicht, Anis-sama?" sagte diese eifrig. Anis schmunzelte und nickte.
    "Habt ihr da auch Kräuter zum verschließen von Wunden?" fragte Rin. Anis nickte wieder und griff kurz in eine der Satteltaschen. Nach kurzem Suchen zog sie ein kleines, faseriges Kraut heraus. "Daraus macht man eine Paste." erzählte sie.
    "Wären die auch für eure Verletzungen gut gewesen?" erkundigte sich Rin neugierig.
    "Nein, dieses Kraut ist nur für kleinere Schnitte gedacht." antwortete Anis.
    "Hm. Aber wer hat euch überhaupt so schwer verletzt?"
    Anis senkte den Kopf. Diese Frage hatte sie erwartet und sich auch schon eine Geschichte zusammengedichtet.
    "Nun, ich hatte einen Kampf mit einem sehr starken Gegner hinter mir. Die Wunden waren so schwer, dass sie mich vermutlich umgebracht hätten. Doch dann kam Sesshoumaru-sama und sorgte dafür, dass meine Verletzungen heilten. Dabei hast du selbst mir ja geholfen. Da er mit somit das Leben gerettet hat, bleibe ich also hier und diene ihm." Die Story war mächtig verdreht, aber im Großen und Ganzen stimmte sie sogar irgendwie.
    Verstohlen blickte Anis zu Sesshoumaru hinüber. Seine langen Haare, die wie flüssiges Silber aussahen, wehten im Wind. Doch - Täuschte sie sich? - eine einzelne Haarsträne am Rand bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung. Fast so, als hätte Sesshoumarus für eine Sekunde daran gedacht, sich umzudrehen. Er hatte also keineswegs ihr Gespräch so sehr ignoriert wie er das vorgab. Bedenklich. Wenn er dauernd auf alles ein Auge hatte, würde es schwer werden eine Gelegenheit zur Flucht zu finden.
    Anis zog eine Wasserflasche aus einer ledernen Halterung an Ah-Uhns Sattel und trank etwas daraus, während Rin freudig verkündete:
    "Jaha, Sesshoumaru-sama ist sehr gütig. Mich hat er ja damals auch gerettet!"
    Fast hätte Anis das Wasser hustend und prustend wieder ausgespuckt. Sie hielt sich gerade noch so zurück, was dazu führte, das sie sich verschluckte.
    "Das musst du mir genauer erzählen!" forderte sie.
    Und Rin erzählte.
    Und erzählte.
    Und erzählte.
    Sie erzählte bis zum Abend und wurde schließlich von Sesshoumaru unterbrochen, der befahl ein Nachtlager aufzuschlagen.

    Sesshoumaru lehnte an einem Baum. Wieder beobachtete er Anis, die zwischen Rin und dem fast erloschenem Feuer saß. Es war bereits mitten in der Nacht und Rin, Jaken und sogar Ah-Uhn schliefen. Doch die junge Frau war noch hellwach. Die ganze Zeit über hatte Rin gequengelt, sie könne nicht einschlafen. Schließlich hatte Anis sich zu ihr gesetzt und ihr einige Schlaflieder gesungen.
    Ihre Stimme klang selbst für Sesshoumaru herrlich, auch wenn er den Text der Lieder ziemlich albern fand. Doch als sie bemerkte, dass Rin eingeschlafen war, hatte sie dennoch nicht aufgehört zu singen. Aber ihre Lieder klangen nun anders. Sesshoumaru konnte ihren Text nicht mehr verstehen, sie sang in einer anderen Sprache. Doch auch so wusste der Youkai, wovon das Lied handelte, denn es war voller Trauer und Schmerz. Selbst die Schlaflieder vorhin hatten alles andere als fröhlich geklungen. Doch jetzt war es noch intensiver, vielleicht, weil er die Sprache nicht kannte.
    Doch Sesshoumaru war froh, dass sie nicht aufgehört hatte. Ihre wunderschöne, liebliche Stimme war eine Wohltat für seine empfindlichen Ohren, die immer nur Rins Gemeckere zu hören bekamen. Er hätte diesem Lied die ganze Nacht lang zuhören können.
    Entspannt schloss er die Augen, genoss diesen Augenblick. Seine Achtsamkeit dem Rest der Welt gegenüber ließ keineswegs nach, doch seine Gedanken schienen sich im Takt der Musik allein um Anis zu drehen. Es war völlig neu für ihn, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und einfach nur zuzuhören. Eine wunderbar beruhigende Wärme schien sich in ihm auszubreiten. Das Lied berührte etwas in ihm. Etwas in seinem Herzen, von dem er nie gedacht hätte, dass er so etwas besäße.
    Die Lippen, von denen sich solch wunderschöne Töne lösten, konnten nicht zu einem gewöhnlichem Menschenweib gehören!
    War es vielleicht sogar ein Zauber, dem er hier unterlag? Sofort kam das alte Misstrauen gegen Anis und den Rest der Welt zurück. Sesshoumaru öffnete die Augen wieder.
    Er hielt seinen Blick jetzt fest auf das Feuer gerichtet und konzentrierte sich auf das leise Knistern der Flammen. Doch noch immer hörte er Anis' Gesang.
    Trotzdem wollte er sie nicht dazu auffordern still zu sein und legte stattdessen etwas mehr Holz nach, um dem Geräusch der brechenden Äste dazu zu verhelfen, die Musik zu übertönen. Es half jedoch alles nichts, denn je lauter das Feuer prasselte, desto mehr spitzte Sesshoumaru die Ohren, um ja kein Wort dieser seltsamen Sprache zu verpassen, die Anis in harmonische Melodien kleidete.
    Er hätte sich wohl dagegen wehren können hinzuhören, doch das Lied klang einfach zu schön, trotz, oder auch gerade wegen seiner Traurigkeit. Sesshoumaru fragte sich, ob Anis selbst einen solchen Schmerz mit sich rumtrug, oder ob das nur eine ihrer vorübergehenden Launen war.
    Erst jetzt fiel ihm auf, das er rein gar nichts über seine unfreiwillige Begleiterin wusste. Woher kam sie, in welcher Sprache sang sie dort, was hatte es mit ihrer seltsamen Kleidung auf sich und vor allem: Was für ein Wesen war sie überhaupt? Doch welche Frage ihm im Moment am meisten beschäftigte: Was machte sie so besonders?! Denn DAS sie etwas besonderes war, stand für ihn außer Zweifel. Erstens hatte sie Tessaiga beherrschen können und zweitens hatte er ihren Geruch nicht identifizieren können. Aber es gab auch einige Sachen, die Anis allein in Sesshoumarus Augen besonders zu machen schienen: allein ihr wundervolles, äußeres Erscheinungsbild, die respektlose Art wie sie zuvor mit ihm umgegangen war, die Tatsache das sie ihm unendlich viele Rätsel aufgab, von denen er kein einziges lösen konnte und vor allem ihre Lieder, die ein nie gekanntes Gefühl in ihm hervorruften. Dieses Gefühl war sehr schwach, doch da er sonst so gut wie gar keine Gefühle hatte, achtete er unweigerlich besonders darauf. War es etwa das, was die anderen ... Zuneigung nannten??? Nein, das ganz bestimmt nicht. Entweder mochte er jemanden nicht, oder er war ihm gleichgültig, aber nie hatte er eine Person wirklich gemocht. Nun ja... außer vielleicht Rin? Wobei diese kleine Göre ihn auch oft genug genervt hatte. Nicht selten hatte man ihn gefragt, was er denn an Rin fände. Sessoumaru wusste die Antwort selbst nicht so recht, aber vielleicht war es die Tatsache, dass dieses Mädchen nie auch nur die kleinste Spur von Furcht vor ihm gezeigt hatte, seitdem sie mit ihm zog. Das Menschenmädchen war ihm mit der Zeit doch ein wenig ans Herz gewachsen, doch er würde nicht viel mehr als Bedauern empfinden, sollte sie einmal sterben. Dass er sie mit Tenseiga wieder zum Leben erwecken konnte und der Tod in seinen Augen keine Endgültigkeit mehr darstellte, war dabei allerdings auch ein wichtiger Punkt.
    Doch selbst der Gedanke an Rin führte Sesshoumaru jetzt wieder zu Anis zurück und eine neue Frage deckte sich auf: Wieso hatte die junge Frau Rin solchen Unsinn erzählt, als diese nach ihren Wunden gefragt hatte?! Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Anis sich bei ihm einschleimen wollte, schließlich hasste sie ihn sicher.
    Sie hasste ihn.
    Warum stimmte ihn das, wenn auch nur ein ganz klein wenig, traurig?
    Sesshoumaru verstand sich selbst nicht mehr und schob diesen Gedanken rasch wieder beiseite. Es brachte nichts, darüber zu grübeln. Dieses Weib konnte ihm doch gleichgültig sein! Er sollte lieber praktisch denken, das tat er doch sonst auch immer.
    Anis hörte auf zu singen. Unwillkürlich wandte sich Sesshoumaru zu ihr um. Im nächsten Moment hätte er sich jedoch dafür ohrfeigen können: Dieses Weib sollte nicht erfahren, wie aufmerksam er ihrem Gesang gelauscht hatte! Oder hatte sie es bereits bemerkt und war deshalb verstummt? Nein, seine Sorge war unbegründet: Anis hatte ihr Lied einfach beendet, stimmte jedoch bereits ein neues an.
    Doch Sesshoumaru konnte seinen Blick jetzt nicht mehr von ihr nehmen. Wie gebannt hing er an ihren Lippen, um ja kein Wort des Liedes zu verpassen. Auch jetzt konnte er die Sprache nicht verstehen, doch es klang noch viel wunderbarer als das letzte. Sesshoumaru hätte es kaum für möglich gehalten, das sie sich darin noch bessern könnte, doch dies klang so außergewöhnlich, dass es mit bloßen Worten nicht zu beschreiben war.
    Gleichzeitig aber fragte er sich, wie lange dies hier noch anhalten mochte. Ob Anis nun ein Mensch war oder nicht: Sie brauchte doch sicher ihren Schlaf. Nur Youkai wie er selbst waren überhaupt nicht auf so etwas angewiesen. Doch alle anderen Dämonen hatten doch zumindest eine Zeit, in der sie in einer Art Halbschlaf versanken und vor sich hin dösten. Wenn Anis heute Nacht kein einziges Mal die Augen schloss, dann würde sie morgen gewiss nur rummeckern, so etwas kannte er von Rin.
    Da Anis Anstalten machte, die ganze Nacht durchzusingen - was ihm sehr wohl gefallen hätte - er aber kein todmüdes, meckerndes Weib am nächsten Tag ertragen wollte, sagte er schließlich leise, aber mit Nachdruck:
    "Hey, Weib! Komm her."
    Er wusste selbst nicht, wieso er sie aufforderte zu ihm zu kommen, für das, was er ihr zu sagen hatte, hätte sie auch dort sitzen bleiben können. Aber jetzt war es zu spät seinen Befehl zu widerrufen, denn sie war bereits verstummt und aufgestanden.
    Anis kam zu ihm herüber und blieb neben ihm stehen.
    "Was wünscht ihr, Sesshoumaru-sama?" fragte sie mit demütig gesenktem Kopf.
    Das ging zu weit! Erstmals störte ihre Art ihn nicht mehr, sie missfiel ihm richtig!
    "Sprich gefälligst anständig mit mir und setz dich hin." murrte er. Anis folgte seinem Befehl sofort und setzte sich. Ihm wäre es lieber gewesen, sie hätte es nicht getan.
    "Rede ich nicht anständig?" fragte sie höflich.
    Hatte sie ihn noch immer nicht verstanden? Sie sollte sich nicht vor ihm verstellen! Er wusste doch ganz genau, das sie ihm sofort ein Messer in den Rücken stoßen würde, ergäbe sich eine Gelegenheit für sie!
    "Sprich einfach so, wie du sonst immer mit mir gesprochen hast." forderte er mit einem kühlen Blick. Jetzt war er gespannt auf ihre Reaktion.

    Stille.

    Kapitel: Verwirrung, Wut und Panik
    Inalt: Anis hat eine erstaunliche Fähigkeit gezeigt, sie kann Tessaiga beherrschen. Dennoch sieht der Kampf gegen Sesshoumaru nicht gut für sie aus.
    Aber dieses Mal hat sie noch mehr Glück als Verstand. Ewig wird sie damit nicht durchkommen, vor allem nicht bei unserem unterkühltem Lord.


    Sesshoumaru, der total verdattert war es sich aber natürlich nicht anmerken ließ, hatte Tokjin vor sich in die Erde gerammt, um dem Angriff seine größte Härte zu nehmen.
    Doch er merkte noch nicht, wie sehr ihn diese Attacke verletzte. Aber als er wieder aufstand, spürte er das viele Blut an sich herunter rinnen und fühlte einen heftig pochenden Schmerz, der seinen linken Arm emporschoss. Dieser war so stark verdreht, dass sogar ihm schlecht geworden wäre, hätte er dort hingesehen. Doch damit verschwendete er keine Zeit. Er richtete Tokjin jetzt wieder auf Anis, die auf der nun völlig zerstörten Wiese stand.
    Auch an ihr war dieser Angriff nicht spurlos vorbei gegangen, denn solche ungeheuren Attacken riefen immer einen gewissen Rückstoß hervor. Die Druckwelle hatte auch sie sehr heftig mitgenommen, heftiger als alle anderen, da sie nun einmal diejenige war, die Tessaiga in der Hand hielt.
    Ihre linke Schulter war nun so gut wie zerfetzt und aus vielen mittleren Wunden floss Blut. Der Schmerz raste durch ihren reichlich lädierten Körper.
    Aber noch war ihr das egal. Sie sah, dass Sesshoumaru dieser Angriff nicht annähernd so sehr mitgenommen hatte, wie es ihre Absicht gewesen war. Noch immer wollte er gegen sie kämpfen, sie selbst aber verließ langsam alle Hoffnung, dieser Kampf könnte noch ein gutes Ende nehmen.
    Sie hasste das Gefühl versagt zu haben. Und eben hatte sie das eindeutig. Doch durch diesen Hass auf sich selbst, schalteten sich ihre allerletzten Kraftreserven frei. Die Schmerzen waren verschwunden.
    Das alles spielte sich unter ihrer täuschend echten Fassade ab, die ein schmerzverzerrtes Gesicht zeigte. Damit wollte sie Sesshoumaru weis machen, dass sie schon so gut wie kampfunfähig war.
    Tatsächlich sprang ihr Gegner mit einer Eleganz auf sie zu, die sie bei seinen schweren Wunden doch nicht erwartet hatte und wollte ihr sein Schwert in den Leib rammen. Doch sie hob Tessaiga, welches wie durch ein Wunder in ihrer Hand geblieben war und ein letzter, unerbittlicher Schwertkampf entbrannte zwischen den beiden...
    Sesshoumaru, der durch ihren letzten Angriff so sehr geschwächt war, dass er keine magischen Attacken einsetzen konnte, sagte sich, dass er wegen solch einem widerlichen, unbrauchbaren und schwachen Menschenweib nicht seine wahre Gestalt annehmen wollte, auch wenn dies im Moment vielleicht sinnvoll erschien. Wenn sie nur so schwach wäre, wie er das gern hätte, das hätte ihm weitaus besser gefallen. Aber ein Youkailord hatte nun einmal seinen Stolz...
    Auch Anis konnte keine weitere anspruchsvolle Attacke abfeuern. Mit ihren letzten Kräften wollte sie so sparsam wie möglich umgehen. Jetzt ging es nur noch um Schnelligkeit und Schwerkampffährtigkeit. Bei Letzerem war keiner der beiden wirklich im Vorteil. Anis kannte zwar viele Tricks die im Mittelalter noch nicht existierten, aber Sesshoumaru hatte mehr Erfahrung in der harten Praxis. Die Chancen standen relativ gleich.

    Beide hoben gleichzeitig ihre Schwerter und der Aufprall der beiden Klingen ergab einen riesigen Krach, der sicher noch eine Meile weiter zu hören war. Das Kampffeld erzitterte unter dem heftigen Aufprall und für einen kurzen Moment war das Flimmern der Luft wahrnehmbar, das durch die dämonische Magie der Waffen erzeugt wurde. Die beiden Kämpfenden stoben auseinander, wobei sie dem großen Felsen an dem Inuyasha lag, gefährlich nah kamen. Doch sie blieben nicht lange auf dieser Distanz und trafen bald wieder aufeinander. Jetzt ging es erst richtig los.
    Anis versetzte Sesshoumaru einen starken Schwerthieb der seinen, so oder so schon sehr lädierten linken Arm traf. Er jedoch machte sich nichts daraus und hieb auf die freigewordene Lücke in ihrer Deckung ein. Sein Schlag zielte auf ihre Beine.
    Anis sprang über das Schwert hinweg, bekam aber trotzdem einen langen Schnitt am rechten Knie ab.
    Als sie wieder auf dem Boden aufkam spritzte das Blut aus der Wunde. Der Schnitt war tief, aber nicht sehr groß. Anis machte jetzt einen großen Fehler: Sie starrte auf die Wunde hinab. Als sie das viele Blut erblickte, wurde ihr auch prompt einmal schlecht. Sesshoumarus Schwert hatte nämlich auch die Haut unterhalb ihres Knies zerrissen und nun war das blanke Fleisch zu sehen. Dabei hatte sie es doch bisher so gut geschafft, nicht allzu sehr auf das viele Blut zu achten. Seinem Schwerthieb auszuweichen war mehr ein Reflex gewesen, doch Anis nahm sich jetzt vor, von nun an mit dem Schwert abzublocken. Das konnte sie sich mittlerweile schon recht gut leisten, weil Sesshoumarus Kraft durch seine vielen Wunden schon auf ein annähernd menschliches Maß gesunken war.

    Doch die junge Kämpferin konnte sich keine Atempause leisten. Schon prallten die Schwerter wieder aufeinander und Sesshoumaru, der dieses mal schneller war, schaffte es ein zweites Mal, ihre Deckung zu überwinden und holte zu einem Schlag aus, der ihr eigentlich ihren Kopf abtrennen sollte. Seine Gegnerin schaffte es jedoch gerade noch so, Tessaiga rumzureißen um seinen Angriff zu parieren und setzte einen, weniger mächtigen, Schlag hinterher. Sesshoumaru wehrte ihn mit Leichtigkeit ab und ließ jetzt, so schnell das Anis keine Zeit mehr hatte eine Blockade aufzustellen, einen Schwertschlaghagel auf sie nieder prasseln.
    Anis hatte keine Möglichkeit mehr auszuweichen und landete schließlich unsanft neben dem immer noch bewusstlosen Inuyasha auf dem Boden. Als hätte sie nicht schon genug Pech, schlug ihr Sesshoumaru plötzlich auch noch Tessaiga aus der Hand. In hohem Bogen landete es hinter dem Youkai. Der riesige Stoßzahn blieb außerhalb ihrer Reichweite in der Erde stecken.
    Sofort wollte sie wieder aufspringen, bevor das Schwert ihres Gegners sie in zwei Hälften teilte, doch das sollte ihr nicht mehr vergönnt sein.
    Ihre zahlreichen Wunden hatten sich bei dem Aufprall schmerzlich bemerkbar gemacht.
    Sesshoumarus Schläge hatten Anis sehr stark verletzt. Eine blutende Wunde zog sich vom Armansatz hinunter bis zu ihrer Hand. Die Wunde war so tief, das sie den Arm nicht mehr bewegen konnte. Auch ihr anderer Arm war durch die Verletzung an der Schulter nun gelähmt. Selbst ihr verwundetes Bein spürte sie nur noch als einzigen, pochenden Schmerzfaktor. Auch auf Rücken und Brust hatte sie viele kleinere Schnitte und Prellungen davon getragen. Im Großen und Ganzen konnte sie sich überhaupt nicht mehr bewegen.
    Langsam fühlte sie, wie das Leben und damit die Hoffnung für ihre neuen Freunde, um die sie so hart gekämpft hatte, sie verließ.

    Anis und Sesshoumaru hatten über ihren Kampf hinaus völlig die Zeit vergessen.
    So war die schwerverletzte Frau milde überrascht, als sie über sich einen klaren Sternenhimmel sah. Auch der Mond war bereits aufgegangen. Sie wandte ihre Augen nicht von den blitzenden Lichtern am Himmelszelt ab. Das hätte sie womöglich auch gar nicht gekonnt, denn anscheinend hatte sie sich zu allem Überfluss bei dem Sturz wohl auch noch ein paar Halswirbel angeknackst. Aber sie freute sich, dass das Letzte was sie sah, etwas so Schönes war. Genau in diesem Moment flog eine Sternschnuppe über das dunkle Blau des Himmels. Jetzt darf ich mir was wünschen..., dachte sie sich ironisch. Ein letzter Wunsch, bevor sie starb. Doch was hatte sie jetzt schon für einen Wunsch? Ihr fiel keiner ein.
    Leider schob sich jetzt auch noch Sesshoumarus Gesicht in ihr Blickfeld. Nicht, das er kein gut aussehender Youkai gewesen wäre, doch mit ihm hatte sie einfach jetzt mehr als genug zu tun gehabt.

    Angesichts des harten Kampfes, der hinter ihm lag, spürte Sesshoumaru doch in gewisser Weise eine Art Triumph in sich aufsteigen. Dieses Weib war eine verdammt gute Kämpferin, das musste er ihr lassen.
    Aber am Ende hatte er gesiegt. Natürlich. Und trotzdem hatte er, wenn auch nur für eine Sekunde, an seinem Sieg gezweifelt.
    Das war bisher nur passiert, als er zum ersten Mal beobachtet hatte, wie sich Inuyasha in einen Dämon verwandelte. Da jedoch war seine Sorge völlig unbegründet gewesen, da er ja auch so stärker als sein Halbbruder war. So hatte er sich hinterher mächtig über diese kurzweilige Angst geärgert. Doch bei Anis schien ihm das anders gewesen zu sein.
    Er war jetzt endgültig zu dem Schluss gekommen, dass sie nie und nimmer ein stinknormales Menschenweib war. Sonst hätte sie weder Tessaiga beherrschen, noch im Schwertkampf mit ihm irgendetwas ausrichten können. Natürlich hatte sie zu Anfang gleich einen großen Vorteil durch ihre Kaze no Kizu gehabt, die ihn sehr geschwächt hatte. Dann hatte sie sogar im richtigem Schwertkampf ein paar raffinierte Techniken draufgehabt. Das hatte ihn ebenfalls überrascht. Wer rechnete auch schon damit, das eine Menschenfrau mit dem Schwert, noch dazu mit Tessaiga, fechten konnte!?
    Aber trotz allem hatte er sie besiegt.
    Da lag sie, vollkommen kampfunfähig und starrte mit glasigem Blick zu den Sternen hinauf.
    Ob sie schon tot war?
    Eigentlich nur mäßig interessiert beugte er sich über sie. Nein, sie war nicht tot. Sie schien auch nicht sonderlich begeistert darüber zu sein, dass er sie leicht über sie beugte, denn ihr Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig. Auf einmal schien sie wütend.
    "Geh mir aus der Optik, du verdeckst den Mond!" fauchte sie.
    Ähem, hatte er sich da gerade verhört? Nein, schon wieder hatte sie ihn kalt erwischt. Sesshoumaru war vollkommen verdattert und wusste beim besten Willen nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte. Er hatte sie doch gerade besiegt und sie ignorierte ihn schon wieder! Sie war besiegt, so gut wie tot und benahm sich wie ein siegreicher Heerführer einer großen Schlacht! Machte ihr das etwa Spaß!?
    Komischerweise fühlte er sich plötzlich gar nicht mehr wie der Gewinner dieses Duells.
    "Ich glaube ich habe dich nicht richtig verstanden." sagte er so kalt wie möglich, um seine Verblüffung zu überspielen.
    "Wasch´ dir die Ohren, du sollst deinen Schädel da weg nehmen. Ich will in Ruhe sterben und deine Visage macht mich fertig!" schleuderte sie ihm unwirsch entgegen.
    Was zum Teufel ist eine Visage und was bedeutet ´Optik´...?, war Sesshoumarus erster Gedanke, nachdem er diese ungeheure Antwort erstmal geschluckt hatte. Er wusste nicht genau warum, aber er richtete sich wieder auf. Erst einige Sekunden zu spät bemerkte er, was er da gerade tat: Er gehorchte ihr! Das war doch nicht zu fassen! Aber was sollte er schon machen, schließlich hatte sie sich mit ihrem Tod abgefunden. Auf eine Art und Weise die ihn rasend machte, mal nebenbei bemerkt. Doch es würde ihm keine Genugtuung bereiten, sie jetzt zu töten, weil er ihr womöglich sogar noch einen Gefallen damit täte, da er somit ihre Qualen beendet hätte.
    Und trotzdem tat er was sie verlangte. Wieso? Weil er nicht den geringsten Schimmer hatte, was sonst hätte tun sollen. Und er wusste es noch immer nicht.
    Nachdenklich wanderte sein Blick zu Inuyasha, der nicht weit von Anis bewusstlos auf dem Boden lag.
    Warum war er eigentlich hierher gekommen? Ach ja, Tessaiga.
    Langsam wandte er sich um.
    Sein linker Arm, der wahrscheinlich gleich zweimal gebrochen war, hing nutzlos an ihm herunter. Doch die Wunde würden heilen. Ebenso wie alle anderen Verletzungen. Ebenso, wie seine Kraft bald wieder zurückkommen würde. Schon jetzt, nur eine Minute nach dem Kampf, fühlte er sich besser.
    Langsam schritt er auf Tessaiga zu. Noch immer hatte es sich nicht zurückverwandelt.
    Sesshoumaru streckte seine Hand nach dem Griff der Waffe aus, doch es lag keine Feierlichkeit in diesem Moment. Wie denn auch, wenn alle anwesenden Personen entweder bewusstlos und halbtot oder außer Sichtweite waren. Etwas schade war das ja schon. Wenn wenigstens Anis kurz mal den Kopf gewendet hätte, doch die scherte sich einen Dreck um ihn. Fast schon stimmte ihn das traurig. Da hatte er sich so sehr angestrengt und keiner, nicht einmal diejenige, die so erbitternd hierum gekämpft hatte, beachtete seine Bemühungen.
    Zum ersten Mal fand Sesshoumaru das Leben richtig ungerecht. Alles schien ihm umsonst...
    Der Youkai fuhr zusammen. Entsetzt starrte er auf seine Handfläche. Sie waren total verbrannt!
    Er war doch tatsächlich so in Gedanken versunken, das er gar nicht bemerkt hatte, wie Tessaigas Schutzsiegel ihn zurückwies. Verfluchter Mist, daran hätte er aber auch früher denken können. Was war er doch für ein Narr! Die Tatsache, das er als vollblütiger Dämon mit seiner Abneigung gegen Menschen Tessaiga nicht einmal berühren konnte, war ihm doch glatt entfallen. Na super. Jetzt hatte er überhaupt keinen Lohn für seine Arbeit. Nicht einmal die übliche Genugtuung über seinen Sieg war ihm geblieben, die hatte Anis ihm erfolgreich mit ihren vorlauten Worten geraubt.
    Er fühlte sich - zum ersten mal in seinem Leben - wie ein Versager. Und es war ein richtig mieses Gefühl.
    Noch immer ruhte sein Blick auf dem Schwert. Bei seiner Berührung hatte sich der riesige Stoßzahn wieder zurück in eine alte, rostige Klinge verwandelt.
    Das wurde ja immer besser! Eine Menschenfrau konnte Tessaiga beherrschen, ja sogar damit fechten und auch die ´Wunde des Windes´ spüren, er selbst hingegen konnte es nicht einmal berühren! Das war einfach nicht fair! Er konnte sich doch nicht einfach unverrichteter Dinge wieder davon machen. Naja, er könnte seinen Halbbruder und dessen Freunde endgültig abschlachten... Nein, warum denn? Es würde ihm nichts bringen und es war einfach unter seiner Würde, völlig grundlos irgendwelche niederen Menschen umzubringen. Er wollte seine Klauen gewiss nicht mit solch schmutzigem Blut beflecken.
    Aber das sowohl dieses Miststück von einem Weib, wie auch sein widerlicher kleiner Halbbruder tatsächlich Tessaiga beherrschen konnten, er selbst hingegen nicht, das ärgerte ihn wirklich.
    Moment mal.
    Was wäre, wenn er jemanden hätte, der an seiner Stelle Tessaiga führte, jemanden der ihm diente...?
    Ja, das schien ihm eine sehr gute Vorstellung. Dann könnte er von Tessaigas Macht profitieren, es wäre nicht mehr in Inuyashas Besitz und gleichzeitig hätte er jemanden, der ihm all die lästigen kleinen Fische aus dem Weg räumte, die Jaken mit seinem Menschenkopfstab nicht schaffte und die es im Grunde nicht wert waren, von ihm selbst getötet zu werden. Ja, je länger darüber nach dachte, desto mehr gefiel ihm diese Idee.
    Es gab nur ein Problem: Die einzige Person, die dafür infrage kam, lag dort hinten und hatte mit ihrem Leben schon so gut wie abgeschlossen.
    Dabei wäre sie perfekt, sie war eine Menschenfrau. Da hätte Rin dann so etwas wie eine Mutter und würde ihm weniger auf die Nerven gehen. Vorausgesetzt natürlich, das Weib machte ihm keine Schwierigkeiten.
    Ob sie jetzt endlich tot war?
    Vorsichtig ging Sesshoumaru zu Anis zurück. Sie lag noch immer reglos auf der selben Stelle, wo er sie zurückgelassen hatte.

    Anis spürte, wie der Youkai wieder näher kam. Was wollte denn noch? Ihr den Gnadenstoß verpassen?! Darauf konnte sich verzichten!
    "Was?!" fuhr sie ihn an, ohne sich jedoch annähernd die Mühe zu machen, in seine Richtung zu sehen. Zu ihrer großen Überraschung antwortete er sofort. Auch WAS er sagte, machte sie stutzig:
    "Du musst hier nicht sterben. Wenn deine Wunden rechtzeitig versorgt werden, kannst du überleben." Sesshoumarus Stimme war dabei so ausdruckslos wie eh und je.
    "Vielen Dank, aber weder ich noch meine Freunde können sich rühren, also gibt es wohl kaum noch Hoffnung, das meine Wunden rechtzeitig versorgt werden!" Ihre Stimme klang extrem giftig, denn dieser Typ fing an, Anis zu nerven. Man verspottete keine Dame, die im Sterben lag, das gehörte sich einfach nicht. Naja, sie war aber auch nicht wirklich eine Dame...
    "Du bist eine sehr gute Kämpferin. Ich habe dir ein Angebot zu machen." erwiderte der Dämon ruhig. Diesmal schien er unbeeindruckt von Anis´ frecher Antwort zu sein.
    Doch diese überhebliche, besserwisserische Art fand Anis buchstäblich zum kotzen. Trotzdem verzichtete sie auf eine Erwiderung, die zweifellos ziemlich unhöflich ausgefallen wäre. Aber ein Angebot von ihm... Das hörte sich nach einem Pakt mit dem Teufel an.
    Aber Sesshoumaru sprach schon weiter: "Ich sorge dafür, das deine Wunden versorgt werden und schenke dir somit das Leben. Dafür wirst du mir dienen, dich um Rin kümmern und Tessaiga einsetzen, wie und wann ich es dir befehle."
    Anis dachte nach.
    Wieso eigentlich nicht? War sie nicht hergekommen, um gegen Dämonen zu kämpfen? Ob sie das nun im Dienst eines Youkais machte oder nicht, war doch egal, oder? Sie hatte zwar keine Ahnung wer Rin war und konnte sich auch nicht genau vorstellen, wie sie Sesshoumaru dienen sollte, doch beim zweiten Punkt hatte sich so eine Vermutung. Wahrscheinlich würde er sie zur Hausfrau degradieren. Wie erniedrigend! Aber wenn sie dadurch ihr Leben ein wenig verlängern konnte... Fliehen konnte sie immer noch.
    Also, abgesehen davon, das sie diesen kaltherzigen Kerl nicht ausstehen konnte - Was sprach schon dagegen?
    "Ich habe Bedingungen." sagte Anis schließlich, nach langem Zögern. Sie wusste durchaus, dass Sesshoumaru auf sie angewiesen war, wenn er nicht unverrichteter Dinge abziehen wollte. Sie hatte das Blitzen der Energie wahrgenommen, als er vom Schutzsiegel zurückgewiesen wurde. Weshalb sonst würde er ihre Hilfe in Anspruch nehmen sollen?
    "Die wären?" fragte Sesshoumaru gelangweilt.
    Wow, er ist bereit mir entgegenzukommen..., dachte Anis sarkastisch. Laut sagte sie: "Ich werde nicht unnütz töten. Und ich werde weder Inuyasha, noch Kagome, Sango, Miroku oder einem anderen ihrer Freunde etwas antun. Ich verlange, dass du auch deinen Krieg mit deinem Halbbruder fallen lässt." Doch da hatte sie sich wohl etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt.
    "Bis auf deine letzte Forderung bin ich einverstanden, solange du dich anständig benimmst und mir genügend Höflichkeit entgegenbringst." sagte Sesshoumaru, jetzt wieder mit seiner eiskalten Stimme. Anis hätte am liebsten geseufzt. War ja klar... Sie hatte auch nicht wirklich erwartet, dass er seinen Geschwisterstreit aufgeben würde. Doch wenn man einen Handel abschloss, dann musste man seine Forderungen stets höher setzen, als man es wirklich benötigte. Entweder ging der andere darauf ein und man hatte einen zusätzlichen Vorteil, oder er ging nicht darauf ein, lehnte aber dann oftmals die ersten Forderungen nicht ab.
    "So verschone sie wenigstens heute und ich werde euch dienen, Sesshoumaru... -sama.." gab sie sich schließlich geschlagen.
    Sesshoumaru war mit dieser Antwort zufrieden.
    Er bückte sich kurz zu Inuyasha, der sich immer noch nicht rührte, und riss einen Streifen Stoff von seinem Gewand aus Feuerrattenhaar ab. Sein eigener Kimono war ihm dafür entschieden zu schade.
    Damit ging er jedenfalls zu Tessaiga und knotete den Stoff um den Griff des Schwertes. Jetzt konnte er das Ende des behelfsmäßigen Halteseils in die Hand nehmen und mit ihm Tessaiga aus dem Boden ziehen, ohne von dem Siegel zurückgewiesen zu werden. Er nahm Inuyasha auch die Scheide ab und steckte das Schwert hinein. Dann ließ er es vorsichtig neben Tenseiga und Tokjin in das gelb-violette Band gleiten, das wie eine Art Gürtel um seine Hüfte lag. Er würde Anis später das Schwert geben damit sie ihren Dienst antreten konnte, wenn sie wieder kampffähig war.
    Nun hatte er beide Hände frei und packte die junge Frau am Kragen, die sich ohne fremde Hilfe nicht mehr bewegen konnte.
    Ohne sich zu bemühen ihr noch einmal richtig in die Augen zu sehen, warf er sich ihren Körper einfach über die Schulter. Anis, deren Wunden bei dieser unsanften Behandlung wieder anfingen zu schmerzen, sagte erzürnt und alle versprochene Höflichkeit vergessend:
    "Hey, ich dachte du hättest davon abgelassen, mich zu töten! Achte gefälligst darauf, mir nicht auch noch die restlichen Knochen zu brechen, die du noch nicht ramponiert hast!"
    Sesshoumaru zuckte nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen festigte er seinen Griff noch und quetsche Anis förmlich zusammen. Die junge Frau keuchte schmerzerfüllt auf. Der Youkai warf ihr einen hämischen Blick zu und wieder machte sich das Gefühl des Triumphes in ihm breit, als sie sich daraufhin wütend abwandte. Normalerweise hätte er sie sicher noch unsanfter behandelt, aber da sie tatsächlich kurz vor dem Tode stand unterließ er das lieber - er brauchte sie noch.
    Nachdem Anis begriffen zu haben schien, das ihr Rumgemeckere nicht mehr viel zu bringen schien, machte sich Sesshoumaru endlich auf den Rückweg zu seinen beiden Begleitern, von denen er meinte sie würden sich mit dem verarzten von Wunden besser auskennen. Außerdem käme es natürlich überhaupt nicht infrage, dass er das selbst erledigen würde, so weit kommt´s noch!
    Das Fell, dass immer über seine Schulter gewunden war, bewegte sich wie von einer plötzlichen Windböe erfasst - Nur das sich nicht das leiseste Lüftchen regte.
    Natürlich lief er nicht, wie ein gewöhnlicher Mensch, sondern flog.

    Die Luft blies Anis angenehm ins Gesicht, während sie sich in die Lüfte erhoben. Das war aber auch das einzig Angenehme, denn ihr schmerzte jeder Teil ihres Körpers ganz fürchterlich. Selbst ihr Kopf schmerzte, wenn sie sich ausmalte, was sie in Zukunft wohl erwarten mochte. Diesem hochnäsigem Fatzke HÖFLICH gegenüber zu treten würde alle Selbstbeherrschung brauchen die ihr zur Verfügung stand und das war leider nicht besonders viel. Aber es wäre ja nicht für immer - sobald sich auch nur die kleinste Möglichkeit ergab, würde sie sich sofort aus dem Staub machen, so viel stand bereits jetzt fest.
    Bald waren sie für die anderen Personen am Erdboden nicht mehr zu sehen, wobei die meisten nicht einmal mehr imstande wären sie zu sehen, wen sie direkt vor ihnen stünden.

    ~am nächsten Tag bei Inu&Co.~

    Kagome seufzte. "Seine Wunden sind diesmal wirklich schwer."
    Doch niemand hörte sie. Natürlich nicht. Sie war allein mit dem bewusstlosen Inuyasha in der kleinen Holzhütte. Miroku war draußen bei Sango und redete leise auf die Dämonenjägerin ein. Kagome hatte vor kurzem nach ihnen gesehen. Auch Sango konnte Mirokus Worte nicht hören, da sie ebenfalls nicht bei Bewusstsein war, doch der Mönch meinte trotzdem, das es ihr helfen würde.
    Während Kagome Inuyashas Pflege übernommen hatte und Miroku sich um Sangos Verletzung kümmerte, huschte die alte Kaede von einem zum anderen, gab Anweisungen und kramte allerlei seltsame Heilkräuter aus ihren Vorräten hervor. Selbst Shippo bemühte sich nach Kräften, irgendwo zu helfen und war gerade auf dem Weg zum Fluss, um frisches Wasser zu holen.
    Kagome sah wieder zu Inuyasha hinunter. Kaede hatte, so gut es ihr möglich gewesen war, ein Gegenmittel für das Gift, mit dem Inuyasha durch Sessoumarus Dokkasso gelähmt worden war, zusammen gemischt. Doch natürlich war dieses dämonische Gift sehr stark und hartnäckig. Ein normaler Mensch wäre natürlich schon lange mausetot. Selbst Inuyasha hatte als Hanyou noch sehr damit zu kämpfen. Obwohl Kaede Kagome schon hundertmal versichert hatte, dass er es überleben würde, machte sich das Mädchen große Sorgen. Inuyasha hatte ja schließlich schon etliche Wunden vom Kampf mit Naraku abbekommen.
    Sorgenvoll wechselte Kagome das nasse Tuch, das sie auf Inuyashas Stirn gelegt hatte, gegen ein neues aus. Wieder seufzte sie.
    "Ka...Kagome... Wieso...siehst du so traurig aus?" ertönte auf einmal eine schwache Stimme von unten.
    Kagome hätte fast einen Satz in die Luft gemacht, so erschrocken und überrascht war sie. Denn der Sprecher war niemand anderes als Inuyasha selbst, der jetzt endlich aufgewacht war.
    "Inuyasha! Du bist ja wieder wach! Wie geht es dir? Hast du Schmerzen?" rief Kagome besorgt, ohne auf seine Frage einzugehen.
    Inuyasha lächelte schwach, doch statt zu antworten, versuchte er sich mühsam aufzurichten. Doch er hatte nicht sonderlich viel Erfolg dabei. Stöhnend sank er wieder auf den Boden zurück.
    Kagome hatte ihn gewähren lassen, sie kannte seinen Stolz. Aber die Sorge stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. Wieder versuchte sich der Hanyou zu erheben und diesmal gelang es ihm tatsächlich. Keuchend setzte er sich auf, streifte die Decke zurück und stand auf. Einen Moment schwankte er und stützte sich rasch an der Wand der Hütte ab. Langsam arbeitete er sich zur Tür vor. Seine Hände krallten sich vor Anstrengung in das Holz der Bretter und hinterließen tiefe Spuren.
    "Inuyasha?" fragte das Mädchen zaghaft. Auch sie war inzwischen aufgestanden. Doch Inuyasha sagte nur unwirsch: "Es ist nichts!"
    Doch Kagome ließ sich nicht abschrecken. Sie kannte solche Töne von ihm. Langsam ging sie auf den Hanyou zu, der jetzt stehen geblieben war. Sie stellte sich absichtlich zwischen ihn und die Tür. Er sollte nicht hinaus gehen, er sollte sich ausruhen! Schließlich war er schwer verletzt!
    "Wirklich nicht?" fragte sie nach und klang jetzt fast schon forsch. Sie kam noch näher. Natürlich machte sie sich wahnsinnige Sorgen um ihn. Er tat immer so stark und unnahbar. Doch in Wahrheit musste es ihm jetzt doch sehr schlecht gehen. Dabei hatte er noch gar nicht von den Ereignissen, die sich während seiner Bewusstlosigkeit abgespielt hatten, erfahren.
    "Inuyasha..." Diesmal klang ihre Stimme traurig.
    "Kagome..." Auch in seiner Stimme klang eine Spur von Traurigkeit mit. Doch sie war auch sanft, als wolle er sie beruhigen. Tatsächlich fühlte Kagome sich jetzt nicht mehr ganz so schrecklich. Inuyasha würde bald wieder gesund seine. Vielleicht sogar schon morgen.
    Plötzlich ertönte ein lauter Knall.
    Kagome spürte einen grässlichen Schmerz im Rücken.
    Die Tür war mit einem Ruck aufgerissen worden und das schwarzhaarige Mädchen, das genau davor stand, wurde mit voller Wucht getroffen und in Inuyashas Arme geworfen.
    Für einen Augenblick schien die Zeit still zu stehen. Kagome sah nur noch die goldenen Augen des verletzten Hanyous, den sie so sehr liebte. Sie schien in Zeitlupe auf ihn zuzuschweben.
    Inuyashas Augen weiteten sich erschrocken und seine knuffigen Hundeohren zuckten. Instinktiv fing er das Mädchen auf, wobei er es gerade noch so schaffte, nicht selbst den Halt zu verlieren, auch wenn seine Wunden dabei sehr schmerzten. Auch er hatte nur noch Augen für das Mädchen in seinen Armen.
    Ihre Gesichter kamen sich immer näher...
    Kagome spürte ein wohliges Kribbeln im Bauch. Inuyashas Arme hielten sie so fest, als wolle er sie nie wieder loslassen
    Doch diese romantische Situation hielt nur einige Sekunden lang an.
    "Stör ich?!" Miroku stand in der Tür und sah sich die Szene schmunzelnd an. Wie gerne hätte er jetzt mit Sango dort gestanden...
    "JA!" rief Kagome, die sauer war wegen der Unterbrechung eines der schönsten Momente ihres Lebens und "NEIN!" rief Inuyasha ebenso laut und zur gleichen Zeit wie Kagome, sodass Miroku nicht recht verstehen konnte, wer jetzt was gesagt hatte.
    Hastig stieß Inuyasha nun Kagome von sich.
    Beide hatte knallrote Köpfe, Kagome aber war jetzt noch angefressener als vorher, ihr gefiel Inuyashas Antwort und seine Reaktion auf Mirokus Frage nicht gerade.
    "SITZ!" schrie sie deshalb.
    Inuyasha knallte auch prompt auf den Boden. All seine Wunden schmerzten wieder wie verrückt, doch das schien das Mädchen überhaupt nicht beachtet zu haben. Jetzt war der Hanyou natürlich auch wütend.
    "Was soll das denn, ich hab dir doch gar nichts getan!" fuhr er sie an.
    "Eben!" Doch das war nicht Kagome, sondern Miroku, der an ihrer Stelle geantwortet hatte. Während Inuyasha, begriffsstutzig wie immer, jetzt erstmal eingeschnappt auf dem Boden saß und Kagome dem Mönch einen vernichtenden Blick nach dem anderem zuwarf, begann Miroku ungerührt zu erklären, warum er sie überhaupt in dieser, ach so wichtigen, undefinierbaren Angelegenheit gestört hatte:
    "Sango ist endlich wieder aufgewacht und hat sich auch schon recht gut erholt. Ich dachte nur, das könnte euch interessieren. Wir sind jetzt alle wieder bereit für den nächsten Schritt."
    Kagome, der plötzlich etwas an dem Mönch aufgefallen war, beäugte diesen misstrauisch.
    "Sag mal Miroku... Du hast sicher dazu beigetragen, das sie sich so schnell erholt hat, nicht wahr?" fragte sie voller Ironie.
    "Ähem, ich wüsste nicht worauf ih jetzt anspielt, Kaom-sama..." sagte Miroku mir Unschuldsmiene.
    "Ich denke, sie spielt auf den roten Handabdruck auf deiner Wange an, werter Mönch!" sagte Inuyasha amüsiert, als er bemerkte, was auch Kagome schon aufgefallen war.
    Er sprang auf und fing an, Miroku zu hänseln: "Ihr hat wohl die Art, wie du sie aufgeweckt hast, nicht sonderlich gefallen, was?" Seine Stimme triefte förmlich vor Sarkasmus.
    "Hör auf damit! Wir haben jetzt ganz andere Probleme!" sagte Miroku, um das Thema zu wechseln. Kagome gab ihm Recht: "Das stimmt. Sesshoumaru - " Weiter kam sie nicht, denn Inuyasha schnitt ihr das Wort ab.
    "Macht euch da mal keine Gedanken, den Kerl werd ich einfach - " Er stutzte. Instinktiv war seine Hand sofort zu Tessaigas Griff gewandert.
    Nur, das da kein Griff mehr war.

    Es stört mich nicht sonderlich, wen ich nicht so viele Kommentare bekommen. Obwohl mich so was natürlich immer sehr freut.
    Aber ich weiß ja nicht, wie viele das lesen und nichts dazu sagen. Ich schreibe halt für mich und wer es lesen will, dem will ich auch die Möglichkeit dazu geben, deswegen stell ich die ff auch in weniger besuchte Foren.
    Natürlich hör ich mir gern alle Meinungen an!^^


    Kapitel: Kampf mit Tessaiga
    Inhalt: Wenn die Hundebrüder aufeinander treffen, müssen selbstverständlich die Fetzen fliegen. Doch diesmal bekommt Sesshoumaru noch einen zweiten Gegner...


    Shippo stieß einen hellen Schreckensschrei aus. Sango und Miroku griffen nach ihren Waffen und Kagome zog einen Pfeil aus ihren Köcher.
    Anis musterte sie nur verwirrt. Sie hatte zwar gespürt, dass sich da ein Dämon nährte, und zwar rasend schnell, doch die Gruppe schien ihn bereits zu kennen.
    Inuyasha trat als erstes aus der Hütte. Sango und Miroku folgten ihm. Kagome sah sich noch einmal zu Anis um. „Bleib bitte hier drinnen Anis-san, ja? Sesshoumaru ist ein wirklich gefährlicher Gegner.“ Anis wartete darauf das sie fortfuhr und ihr erklärte was hier eigentlich los war, doch Kagome verließ ohne ein weiteres Wort ebenfalls die Hütte. Nur Kaede war jetzt noch da. Fragend sah Anis die Miko an.
    „Sesshoumaru ist Inuyashas älterer Halbbruder und ein vollständiger Dämon.“, erklärte sie, „Er hasst Inuyasha, weil er die Menschen verabscheut und er in seinen Augen eine Schande für die Familie darstellt. Außerdem hat Inuyasha das Schwert Tessaiga geerbt, welches hundert Dämonen auf einen Schlag vernichten kann. Sesshoumaru aber bekam Tenseiga, das hundert Leben retten kann und seiner Meinung nach nutzlos ist. Deswegen hat er schon oft versucht, Inuyasha Tessaiga abzunehmen. Naja und in ihrem Streit versuchen sie sich immer gegenseitig umzubringen...“ Kaede hatte geendet. Anis starrte sie verwundert an. Die beiden waren Halbbrüder und bekämpften sich trotzdem!? Beim besten Willen; das verstand sie nicht!
    Kaede bemerkte ihren verwirrten Blick. Schnell erklärte sie: „Dämonen und Menschen sind schon seit Urzeiten miteinander verfeindet.“ Anis blickte noch verwirrter drein. Das war ihr zwar bekannt, aber in der eigenen Verwandtschaft... Sicher, die Menschen fürchteten die Dämonen und diese wiedrum verachtete sie, aber das es SO schlimm war...
    Stirnrunzelnd folgte Anis Kagome nach draußen.

    Draußen währenddessen waren die Halbbrüder bereits aneinander geraten.

    Inuyasha machte einen Hechtsprung zur Seite und entging so nur um Haaresbreite Tokjins tödlichen Energiewirbeln. Keuchend hob er Tessaiga um die Windnarbe ein drittes Mal auf Sesshoumaru zurasen zu lassen. Er hatte keine Kraft mehr sein berüchtigtes `KAZE NO KIZU´ heraus zu schreien. Doch wieder wich Sesshoumaru aus indem er in die Luft sprang. Sein Gegner war einfach zu schnell für ihn. Inuyasha hätte das niemals zugegeben und schrieb diese Niederlage seinen Wunden zu.
    Dass Sesshoumaru jetzt wieder in der Luft war, machte es für Inuyasha nicht gerade leichter. Er wusste einfach nie genau, wo sich sein Halbbruder gerade befand. Das machte ihn halb wahnsinnig!
    Suchend ließ er seinen Blick schweifen - und entdeckte Anis, die gerade aus der Hütte kam.
    Verdammt, die soll gefälligst wieder rein gehen! Ich hab einfach jetzt keine Nerven für noch einen Menschen, den ich beschützen muss!, dachte er sich stumm.
    Er wollte Anis gerade etwas sehr Unhöfliches entgegen rufen, da spürte er auf einmal warmen Atem im Nacken.
    "Du passt nicht auf!" sagte eine leise, bedrohliche Stimme, gefährlich nah an seinem Ohr.
    Blitzschnell fuhr er herum - und sah in das kalte, ausdruckslose Gesicht seines Halbbruders.
    Er hatte keine Zeit mehr, Tessaiga hochzureißen.
    Er spürte nur noch den Schmerz.
    Sah das grüne Aufblitzen von Sesshoumarus Dokkasso.
    Spürte, wie das Gift seinen Körper innerhalb von Sekunden lähmte.
    Und er hörte Kagomes entsetzten Aufschrei.

    Sesshoumaru sah nur die Farbe aus Inuyashas Gesicht weichen, doch das reichte um zu wissen wie sehr er litt. Schade das er so schwer verletzt war, sonst hätte der Kampf vielleicht etwas mehr Spaß gemacht. Nun ja jetzt konnte er sich erst einmal Tessaiga holen. Das war fast so gut wie ein ordentlicher Kampf. Bei diesem schändlichem Halbblut verkümmerte es ja geradezu..., dachte sich Sesshoumaru und streckte seine Hand nach der Waffe aus.
    Doch halt!
    Inuyasha... plötzlich rührte er sich wieder! Sesshoumaru war erstaunt. Nicht, das er seinen Halbbruder für tot gehalten hätte, noch hatte er es nicht als zwingend notwendig empfunden, ihm den Gar aus zu machen. Doch er sollte doch zumindest bewusstlos sein...
    Langsam erhob sich der Hanyou. Er keuchte schwer und es bereitete ihn sichtliche Mühe, nicht gleich wieder zusammenzubrechen. Schwächlich...
    Voller Verachtung sah Sesshoumaru auf Inuyasha hinunter. Doch zu seiner großen Verwunderung schnellte dessen Hand auf einmal vor - und packte Tessaiga!
    Keuchend sprach er: "Du . . . wirst Tessaiga nie bekommen!"
    Er bäumte sich noch ein letztes Mal auf und schleuderte die Waffe von sich und Sesshoumaru fort.
    Doch das Gift forderte seinen Tribut und Inuyasha sank kraftlos und mit einem leisen Stöhnen zurück auf den Boden.
    "So ist es recht Inuyasha! Krieche im Dreck!" Sesshoumarus Stimme war so eisig, dass es allen Anwesenden kalt den Rücken herab lief.

    Anis beobachtete die Szene stumm, geschockt von der Kaltblütigkeit des Youkais, als er seinen eigenen Halbbruder niederstreckte. Voller Grauen wandte sie sich ab. Sie wollte das ganze Blut nicht sehen, das sich auf dem Boden ausbreitete und Ekel in ihr hervorrief.
    Warum zum Teufel half denn niemand dem Hanyou?!
    Sie sah sich suchend nach Kagome um. Bald hatte sie sie entdeckt. Das Mädchen wurde von dem Mönch namens Miroku festgehalten. Kagome schrie sich die Seele aus dem Leib und wollte unbedingt zu Inuyasha hinüber laufen. Ihr Bogen lag zerbrochen neben ihr auf dem Boden. Selbst Miroku schien verletzt zu sein und wäre Kagome nicht so geschwächt durch ihre Angst um Inuyasha, so hätte er sie wohl kaum festhalten können.
    Anis Blick suchte nun nach der Dämonenjägerin. Doch auch von der war keine Hilfe mehr zu erwarten. Sie lag bewusstlos an einen Baum gelehnt. Kirara und Shippo hockten besorgt neben ihr.
    Anscheinend war Anis die einzige, die noch kämpfen konnte.
    Dummerweise war ihr Schwert immer noch in Kaedes Hütte und wenn sie jetzt rein ging um es zu holen, dann würde sie damit die Aufmerksamkeit des Youkais auf sich ziehen und dazu hatte sie absolut keine Lust. Diesen Eisklotz konnte man nur mit einem Überraschungsangriff etwas zu leide tun.
    Verdammt, wenn ich doch nur eine Waffe hätte!, dachte sie verbissen.
    Genau in diesem Moment kam Tessaiga angeflogen und bohrte sich neben ihr in den Boden.

    JETZT hatte sie die volle Aufmerksamkeit des Youkais!

    Sesshoumaru wandte sich verächtlich von Inuyasha ab, der sich nun nicht mehr rührte.
    Warum der das Schwert weggeworfen hatte, das konnte er sich nicht erklären. Schließlich würde es ihm überhaupt keine Mühe bereiten, einfach hinterher zu gehen und es aufzuheben. Wahrscheinlich war es nur ein letztes, verzweifeltes Aufbegehren gewesen. Wie erbärmlich!
    Er sah, wie sich das Schwert neben einer jungen Frau mit schwarzen Haaren in die Erde bohrte.
    Misstrauisch betrachtete er sie.
    Er brauchte sich nicht zu beeilen, er hatte alle Zeit der Welt und seinen Sieg trug er schon so gut wie in der Tasche. Nichts würde ihn davon abhalten, sich Tessaiga zu holen, die Freunde seines schwächlichen Halbbruders waren alle kampfunfähig, dafür hatte er gesorgt.
    Sesshoumaru betrachtete die junge Frau nun näher. Ihre Haare waren sehr lang, sie reichten fast bis zum Boden. Ihre Augen waren grün und in ihrem Gesicht lag ein, ihm nicht zu definierender Ausdruck. Ihre Kleidung sah ebenfalls sehr seltsam aus. Sie trug eine Dreivierteljeans und dazu ein weißes, ärmelloses T-Shirt. Sesshoumaru, der solche Kleidung nicht gewohnt war, vermutete das sie ähnliche Fähigkeiten wie Kagome hatte. Diese konnte ja solche Bannpfeile schießen. Aber die junge Frau trug keinen Bogen bei sich, war also höchstwahrscheinlich ungefährlich. Aber natürlich wollte er noch keine voreiligen Schlüsse ziehen. Aber erstaunlich war, das er nicht sofort feststellen konnte, WAS sie war. Ein Mensch? Oder eine Dämonin? Oder am Ende nichts von beidem?!
    War sie nur ein schwaches Weib, das sein niederer Halbbruder beschützte, oder hatte Inuyasha Tessaiga absichtlich zu ihr geworfen, um ihn zu einen Kampf mit einem starken Gegner zu zwingen? Nein, so raffiniert war der Hanyou gewiss nicht.
    Doch die Frau hatte keinerlei Merkmale eines übernatürlichen Wesens. Sesshoumaru suchte nach typisch dämonischen Anzeichen, doch er konnte nichts finden. Sie hatte keine Zeichen im Gesicht, wies keine Ähnlichkeit mit irgendeinem Tier, eine Art Fell oder so auf und ihre Ohren konnte der Youkai nicht erkennen, da sie von ihren Haaren verdeckt wurden. Das diese wiederum schwarz waren, brachte ihn auch nicht weiter, denn das war eine Haarfarbe, die sowohl unter Menschen als auch unter Dämonen üblich war. Auch konnte er bei ihr keine Aura wahrnehmen. Doch das hatte nichts zu sagen, geübte Dämonen konnten ihre Aura verbergen.
    Aber all das stellte er erst als zweites fest. Seine erste Amtshandlung war natürlich gewesen, die Nase in die Luft zu strecken und ihren Geruch aufzunehmen.
    Und genau da lag das eigentliche Problem, der Umstand, wieso Sesshoumaru dieses Weib nicht einfach für einen normalen Menschen hielt: Sie roch weder nach Mensch, noch nach Dämon. Auch nicht nach einem Halbdämon oder nach sonst irgendeinem Wesen, das Sesshoumaru je gerochen hatte.
    Und doch kam ihm ihr Geruch bekannt vor.
    Irgendwann hatte er diesen Duft schon einmal in der Nase gehabt, wenn auch stärker als bei dieser Frau. Aber wo... Wo nur?!
    Aber es lag nichts Bedrohliches in diesem Geruch. Im Gegenteil, ihm gefiel er sogar sehr gut. Er hatte etwas Beruhigendes.
    Während er die Frau seiner gründlichen Musterung unterzog, schritt er ihr unaufhaltsam entgegen. Doch obwohl seine Haltung eindeutig feindlich ihr gegenüber war und sie gesehen hatte, wozu er fähig war, sah er nicht die leiseste Spur von Angst in ihren Augen. Das machte ihn stutzig, denn das einzige, halbwegs intelligente Wesen das ihn jemals so angeschaut hatte, war Rin. Mit dem Unterschied das diese hier sehr wohl wusste, das mit ihm nicht gut Kirschenessen war. Also, entweder hatte sie sich schon mit ihrem Tod abgefunden, oder sie bildete sich ein, es mit ihm aufnehmen zu können. Beides fand Sesshoumaru mehr als unwahrscheinlich.
    Nun ja, was auch immer sie war, sollte sie ihm Tessaiga verwehren . . .
    Ach was, sie war sicher nur einer besonders törichte Menschenfrau! In dieser Hinsicht war es natürlich schon eine Respektlosigkeit, nicht vor ihm zurück zu weichen. Und eine solche Respektlosigkeit konnte er natürlich nicht dulden.
    Ja, es war einfacher zu glauben sie wäre nur eine einfache Menschenfrau, dann brauchte er sich nicht darüber den Kopf zerbrechen, was er sowieso nicht sehr gerne tat. Zumal sie eh gleich tot sein würde...

    Um so erstaunter war Sesshoumaru, als die junge Frau ihre Hand nach Tessaiga ausstreckte, es aus dem Boden zog und schützend vor sich hielt.
    Sein Gesicht verriet natürlich mit keiner Regung was er dachte, aber für lebensmüde hatte er sie nun wirklich nicht gehalten. Na ja, aber mit seiner Menschenkenntnis war es auch nicht sehr weit her. Aber das sie Tessaiga gegen ihn verwenden wollte, kam einer Unterschrift auf ihrem eigenem Todesurteil gleich. Das musste sie doch wissen!
    Spöttisch fragte er: "Huh, willst du dich wirklich mir entgegenstellen?"
    Sie gab keine Antwort. Natürlich, es war ja klar das sie ihn angreifen würde, wenn sie mit erhobenen Schwert vor ihm stand, aber das sie seine Frage und damit auch Sesshoumaru selbst völlig ignorierte, das gefiel ihm überhaupt nicht. Zudem hätte er gerne noch gewusst, wie sich ihre Stimme anhörte und eine Tote konnte nicht mehr sprechen...

    Anis spürte Tessaigas Kraft.
    Hatte Kagome ihr nicht irgendwann mal erzählt, das es ein menschenbeschützendes Schwert war? Schmunzelnd fragte sie sich, ob sie vielleicht auch in der Lage war, es zu führen.
    Inuyashas Halbbruder schien es jedenfalls nicht anzunehmen und noch hatte Tessaiga die Gestalt einer alten, rostigen Klinge.
    Das sie Sesshoumaru nicht auf seine Frage geantwortet hatte, schien ihm nicht zu gefallen. Um ihn noch ein wenig zu ärgern, achtete sie weiterhin überhaupt nicht auf den Youkai vor ihr und besah sich stattdessen die Waffe in ihrer Hand etwas näher.
    Sanft strich sie mit ihrer Hand über die Breitseite der Klinge.
    Sie spürte, dass ihr Gegner immer wütender wurde. Sein Youki sammelte sich um ihn herum und es war verdammt stark! Doch er griff noch immer nicht an. Dabei stand er ganz dicht vor Anis und hätte sie mit einem Schlag zerfetzen können. Nur Tessaigas Klinge stand noch zwischen ihnen.
    Offenbar wartete Sesshoumaru darauf, dass sie den ersten Schritt machte. Vielleicht erwartete er aber noch immer eine Antwort.
    Anis war mit ihren Fingern nun fast am Griff der Waffe angekommen. Der Stahl, oder aus was auch immer es gefertigt sein mochte, vibrierte unter ihren Fingern. Anis spürte, dass die Energien, die dieses Schwert verbarg, in Unruhe gerieten. Sie wollten heraus brechen!
    Sie hatte beobachtet, wie Tessaiga sich bei Inuyasha verwandelte.
    Aus den Augenwinkeln schielte sie zu Sesshoumaru hinüber und lächelte in sich hinein.
    Die Waffe hielt sie ausgestreckt und tat weiterhin als würde sie sie noch untersuchen.
    Immer mehr Energie staute sich.
    Als Anis das Gefühl hatte, die Klinge werde gleich zerbrechen, nahm sie ihre Hand herunter und die Energien des Schwertes drückten mit ungeheurer Kraft gegen ihr Gefängnis. Doch anstatt zu zerbrechen, wurde Tessaiga immer größer. Der Rost verschwand und die kleinen Risse in der Klinge schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.
    In Sekundenschnelle hatte Tessaiga die Größe und Form eines riesigen Stoßzahnes bekommen.
    Eigentlich hatte Anis vorgehabt, einfach standhaft zu bleiben. Da Sesshoumaru direkt vor ihr stand, hätte er durch Tessaigas Größenwechsel einfach aufgespießt werden müssen. Leider Gottes bemerkte er die Gefahr noch rechtzeitig und trat bedächtig einen Schritt zurück.
    Anis sah dem Youkai seine Überraschung an. Zwar war sein kalter und desinteressierter Gesichtsausdruck der selbe geblieben, doch einen winzigen Moment lang hatte seine Hand gezuckt.
    Anis zweifelte nicht daran, das diese, frühzeitig gestoppte, Bewegung zu dem Griff seines Schwertes ihm aus reinem Reflex unterlaufen war. So eitel und arrogant wie er hier rumstolziert war, würde er seine Waffe - wenn es nicht unter seiner Würde war, seine Hände mit dem Blut einer normalen Menschenfrau zu verschmutzen - in einer eleganten, fließenden Bewegung, unterstrichen mit ein paar verächtlichen Worten, wie zum Beispiel: ´Glaubst du wirklich, ein jämmerliches Weib wie du könnte mich besiegen!?´, ziehen. Und vorher würde er noch mit irgend so einen Spruch wie: ´Gib mir Tessaiga, oder du wirst sterben!´ ankommen. Total abgegriffen.
    Jedenfalls war das das Bild, was sie sich inzwischen von ihm gemacht hatte. Und ihre Dämonenkenntniss war recht gut...
    Sie sah, das Sesshoumaru sich auf einen Angriff vorbereitete, doch sie wollte ihn noch ein wenig schmoren lassen. Außerdem wollte sie sich noch einige Gedanken über dieses Schwert machen und wenn sie ihn weiterhin ignorierte, würde er im Kampf extrem wütend sein und Wut machte nun einmal blind. Das war bei Dämonen noch schlimmer als bei Menschen, weil dämonische Wut nun einmal sehr viel größer sein konnte. Sicher könnte man Sesshoumaru mit Worten nicht so einfach reizen, die Taktik war ihm ja sicher bekannt und er konnte sich da beherrschen, aber mit Schweigen anscheinend schon...
    Die junge Frau wusste, dass sie im Ernstfall eines Kampfes sehr im Nachteil war. Zweifellos war sie Sesshoumaru an Kraft unterlegen. Zwar hatte sie von Kindesbeinen an gelernt, mit dem Schwert umzugehen, doch das hier war etwas ganz anderes. Das hier war ernst. Die Übungskämpfe die sie mit ihrem Vater und Geschwistern ausgefochten hatte, zählten nicht. Dort war das Ziel nie der Tod des Gegners gewesen. Von ihrer Mutter war sie in der Kunst des Heilens unterrichtet worden. Auch war sie immerhin über die Jahre hinweg zu einer Meisterin in sämtlichen Arten des Kampfes geworden. Egal, ob die Waffe ein Schwert, Pfeil und Bogen oder gar eine Axt war. Selbst unbewaffnet war sie noch ein starker Gegner. Jedenfalls für einen Menschen. Aber Sesshoumaru war ein so mächtiger Dämon... So gut sie auch auf ein Leben in diesen kriegerischen Staaten vorbereitet war, das ihr erster, ernstzunehmender Gegner gleich ein Youkai dieses Formates war...!
    Das Glück schien ihr gar nicht hold zu sein.
    Dabei war sie Kagome doch nur hierher gefolgt, weil sie ihre Kräfte erproben wollte. Aus reiner Abenteuerlust sozusagen. Schließlich gab es in der Neuzeit keine Dämonen.
    Obwohl sie wusste, dass sie Sesshoumaru weder mit ihrer Körperkraft, noch mit Schnelligkeit oder Fechtkunst beikommen konnte, so wollte sie doch nicht aufgeben.
    Zweifelnd musterte Anis den Stoßzahn. Tessaiga lag trotz seiner Größe sehr gut in ihrer Hand und hatte kaum ein Gewicht. Im Normalfall hätte sie einen Kampf mit Sesshoumaru vielleicht sogar überlebt, doch dieses wuchtige Ding konnte man ja wohl kaum ein Schwert nennen! Wie sollte sie denn damit fechten?! Solche Waffen waren für Dämonen mit Sesshoumarus Statur gefertigt. Anis´ zierlicher Körper konnte da nicht mithalten.
    Wieder kam ihr der Gedanke, dass sie auf jeden Fall den Überraschungseffekt nutzen musste. Sie hatte gesehen, wie Inuyasha seine ´Kaze no Kizu´ auf Sesshoumaru losgelassen hatte.
    Klar, der war immer ausgewichen, doch wenn sie diese Kraft jetzt aktivieren könnte, dann... Nun ja, Sesshoumaru stand noch immer direkt vor ihr. Viele Ausweichmöglichkeiten hatte er nicht. Und wenn er dann schwer geschwächt war, konnte sie es vielleicht mit einem Schwertkampf probieren...
    Pah, sicher denkt er, er könne mich mit einem Schlag besiegen. Er glaubt, ich wäre eine ungeübte Niete im Schwertkampf und könnte Tessaigas volle Kraft nicht nutzen. Aber dem werd ich´s zeigen!, dachte sie zornig.
    Doch man sah ihr nicht an was sie dachte. Auch das war eine ihrer Eigenheiten, sie konnte ihrem Gesicht jeden Ausdruck verpassen und niemand sah, was sie wirklich fühlte. Sie konnte ein entsetztes Gesicht machen und sich innerlich totlachen oder scheinbar vor Wut heulen und in Wahrheit völlig gefasst ihre Rachepläne schmieden. Die berühmte Maskentechnik, die auch Sesshoumaru anwandte. Doch bei ihm konnte man erahnen, dass es in seinem Innerem anders aussah. Doch bei Anis kaufte jeder ihr ihr Theater ab. Selbst Dämonen fielen auf sie herein. Sie war eine klasse Schauspielerin. Und im Gegensatz zu Sesshoumaru beherrschte sie alle Formen einer Maske, die man anwenden konnte, um seine wahren Gedanken und Gefühle zu verbergen. Natürlich hatten sowohl Anis als auch Sesshoumarus Variante den selben Effekt, dass man sie nicht durchschauen konnte, nur das Anis damit auch noch alle anderen herein legte.
    Und wenn der Youkai so dachte, wie Anis dachte das er dachte, dann wäre der Überraschungseffekt auf ihrer Seite.

    Sesshoumaru war nun mehr als ungeduldig. Wie lange wollte sie denn noch auf dieses Schwert starren!? Wieso griff sie nicht endlich an?
    "Gib mir Tessaiga, oder du wirst sterben!" sagte er ungehalten, nicht ahnend, das Anis exakt diese Wortwahl von ihm erwartet hatte.
    Dabei wusste er selbst nicht, warum er ihr noch die Wahl ließ. Vielleicht weil er wusste, dass sie kämpfen würde. Um so zorniger wurde er jedoch, als Anis auch darauf nichts erwiderte. Sie starrte einfach nur weiter auf die schimmernde Klinge und beachtete ihn überhaupt nicht! Das gefiel dem Youkai ganz und gar nicht. Vor ihm fiel man auf die Knie und bettelte um Gnade oder tat sonst irgendwas Unterwürfiges oder aber man griff ihn sofort an, aber man ignorierte ihn doch nicht einfach! Jedenfalls war ihm das noch nie untergekommen.
    "Antworte, wenn ich mit dir rede!" fuhr er sie an, wobei es ihn schon allein in seinem Stolz verletzte, überhaupt mit einem Menschen zu reden. Es bereitete ihm jetzt schon richtig große Mühe, seiner eisige Maske aufzubehalten und die junge Frau nicht einfach in Stücke zu reißen. Dieses Duell basierte lediglich auf der jeweiligen Ausdauer des anderen und ER würde gewiss nicht der sein, der als erster ausrastete! Überhaupt würde er sich von diesem Biest nicht reizen lassen! Nicht mit ihm! Sesshoumaru wurde immer wütender und gereizter.
    Anis hob den Kopf, als hätte sie ihn eben erst bemerkt. "Bleib mal auf dem Teppich, ich überleg doch noch!" Verärgert wandte sie sich wieder Tessaiga zu - und ignorierte ihn schon wieder! Sesshoumaru hätte jetzt alles von ihr erwartet, aber gewiss nicht solch eine Antwort! Da sie sich nicht weiter mit ihm beschäftigte, fühlte er sich wie bestellt und nicht abgeholt. Er! Sesshoumaru! Lord der westlichen Länder und Sohn vom ehrenwerten Inu no Taishu! Er fühlte sich fehl am Platz, als hätte er hier nichts zu suchen, wäre ein ungebetener Gast und was noch viel schlimmer war - Zum ersten mal in seinem Leben machte ihm das etwas aus! Er hatte sich nie um die Meinung seiner Gegner geschert! Verdammt noch mal, er war einer der mächtigsten Dämonen des Landes und sie behandelte ihn wie ein kleines Kind! Noch nie hatte es jemand gewagt, derart respektlos mit ihm umzuspringen! ... Das gefiel ihm. Er bewunderte sie schon fast für ihre Kühnheit. Sie hatte etwas an sich, das - Nein! Solche Gedanken sollte er jetzt nicht denken. Trotzdem wäre es schade um ihren Tod. Sie war wirklich eine Schönheit... Was soll´s.
    Dieser Kampf würde schnell beendet sein.
    So schwach wie sie aussieht, werde ich sie mit einem Schlag besiegen können. Sie ist eine ungeübte Niete im Schwertkampf und kann Tessaigas volle Kraft nicht nutzen., waren seine Gedanken. Wenn er wüsste, das Anis sogar einige Zeit vor ihm wusste, dass er genau diese Gedanken denken würde, hätte er sich seine Mordpläne vielleicht etwas sorgfältiger zurecht gelegt.
    Mit einem überlegendem Grinsen sagte er so verächtlich wie möglich: "Glaubst du wirklich, ein jämmerliches Weib wie du könnte mich besiegen!?"
    Mit einer eleganten, fließenden Bewegung zog er sein Schwert Tokjin. Hätte er gewusst, dass Anis seine Worte, ja sogar seine Bewegungen vorausgeahnt hatte und sie sich jetzt innerlich kugelte vor Lachen, hätte er gewusst, dass er sich mit seinen Worten gerade ein Eigentor geschossen hatte - hätte er das alles gewusst, er hätte sich grün und blau geärgert. So aber war er nur ein wenig irritiert, als sich auf einmal ein schelmisches Grinsen auf Anis´ Gesicht ausbreitete.

    Anis spürte, wo Sesshoumarus Youki auf Tessaigas dämonischen Energien stieß. Sie hatte genau beobachtet, wie Inuyasha mit dem Schwert einfach nur durch die Luft schnitt und somit die spezielle Kampfkraft des Schwertes auf seinen Gegner losgelassen hatte.
    Anis spürte das Youki des Dämons vor ihr. Und sie spürte die Energien des Schwertes. Sie unterschieden sich voneinander. Genau dort, wo beide Energien zusammentrafen, dort war die ´Wunde des Windes´, auf der Tessaiga seine volle Kraft entwickelte. Auch davon hatte Kagome ihr erzählt. Zum Glück hatte Anis sich alles genau von ihr erklären lassen, bevor sie hierher gekommen war! Dieses Wissen kam ihr jetzt zugute.
    Sie zauberte ein überlegendes Grinsen auf ihr Gesicht, das ihren Gegner - der gerade sein Schwert gezogen hatte und zwar genau so, wie sie es erwartet hatte - verwirren sollte.
    "Ich wähle den Kampf!" Vergnügt stellte sie sich das Gesicht vor, das Sesshoumaru machen würde, wäre er nicht so verschlossen. "Jetzt wirst du lernen, was es heißt sich mit einer Vanderobe anzulegen!" Mit diesen Worten schlug sie zu. Genau an der Wunde des Windes entlang.

    Sesshoumaru riss erstaunt die Augen auf. Er machte einen letzten Versuch, noch auszuweichen, doch bei dieser kurzen Entfernung war das nicht möglich. Die fünf Lichtstrahlen der Kaze no Kizu trafen ihn mit voller Wucht. Der Youkai wurde etliche Meter nach hinten geschleudert.
    Anis war nicht so stark wie sein Halbbruder Inuyasha, doch trotzdem wunderte er sich, wieso er noch auf den Beinen stehen konnte. Langsam legte sich der aufgewirbelte Staub und die tiefen Furchen in der Erde wurden sichtbar. Jetzt wurde Sesshoumaru klar, was für ein großes Glück er gehabt hatte! Naja, Glück im Umglück. Er stand nämlich genau zwischen zweien dieser Furchen.
    Das hätte verdammt böse ausgehen können. Als Inuyasha ihn das letzte Mal, und natürlich das einzige Mal, mit der ganzen Kraft dieser Attacke getroffen hatte, war er so schwer verletzt gewesen, dass er von einem kleinem Menschenmädchen abhängig gewesen war! Selbst ein einfacher Schlag Tessaigas hatte ihm einmal fast den linken Arm gekostet. Auch damals hatte er nur vom Glück reden können, dass dieser nicht ganz abgetrennt worden war. Natürlich war die Wunde längst schon wieder verheilt, doch er wollte so etwas natürlich nicht noch einmal erleben!
    Was Sesshoumaru gerade aber wirklich zu schaffen machte waren nicht seine Wunden oder die Tatsache das er jetzt ziemlich geschwächt war, nein, was ihn wirklich schockte war, dass ein einfaches Menschenweib das Schwert seines Vaters beherrschen konnte. Das war doch ungeheuerlich!
    Doch all diese Gedanken ließ er sich nicht anmerken.
    "War das alles, was du drauf hast? Dann spüre MEINE Macht und verneige dich vor dem Tod!"
    Mit diesen Worten hob er sein Schwert Tokjin etwas höher und vollführte eine unvollständige Kreisbewegung. Blaue Energiewirbel lösten sich von der Klinge und rasten auf Anis zu.
    Ein grausames Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
    Der Kampf versprach, interessant zu werden. Er würde es sicher nicht bereuen, sich darauf eingelassen zu haben.

    Anis stemmte Tessaiga in die Erde, um es als Schutzschild für Sesshoumarus Energie zu nutzen, wobei sie Schwierigkeiten hatte, es überhaupt zu bewegen. Dieses Schwert ist wirklich schrecklich., dachte Anis und stieß einen sehr fantasievollen Fluch aus, weil an beiden Seiten der Klinge noch immer die Energiewirbel von Sesshoumarus Angriff durchkamen.
    Mit einer Schnelligkeit die das bloße Auge nicht erfassen konnte, stand Sesshoumaru plötzlich vor ihr und stieß Tessaiga bei Seite.
    Er hob Tokjin und ließ es auf Anis zu rasen. Sein Schwerthieb verletzte sie an der linken Schulter, doch die junge Frau achtete nicht auf den Schmerz.
    Mit einem fast schon verzweifelten Hieb steckte sie so viel Energie wie möglich in Tessaigas nächsten Schlag und brachte somit Sesshoumaru sogar leicht, aber nur ganz leicht - was trotzdem schon eine beachtliche Leistung war - zum Schwanken.
    Die Umstehenden sahen dem Schauspiel gebannt zu, wobei Kagome sogar vergaß gegen Miroku´s Umklammerung anzukämpfen.
    Sesshoumaru, der etwas verdutzt war, setzte jetzt wieder und wieder neue Schwerthiebe auf Anis an. Die besaß aber zum Glück noch genügend Geschicklichkeit und konnte so seinen beachtlich starken Angriffen auszuweichen.
    Anis, die immer wieder versuchte den starken Youkai und seinem Schwert Tokjin irgendwie zu entwischen, verzweifelte so langsam schon.
    Wehmütig dachte sie an Kagome und die Anderen. Sie focht diesen Kampf nicht, weil diese ihr irgendwas bedeuteten. Es hatte sie nur aufgeregt, was für ein leichtes Spiel Sesshoumaru mit ihnen hatte. Es regte sie auf, wie arrogant er sich benahm. Jetzt aber war ihr klar geworden, dass er durchaus das Recht hatte, so eingebildet zu sein: Er war verdammt gut!
    Doch Anis kämpfte natürlich nicht nur, weil sie Sesshoumaru eine Lektion erteilen wollte oder um ihre Kräfte zu erproben. Auch nicht wirklich nur, um ihr eigenes Leben zu verteidigen: Zu hause hatte man ihr beigebracht, dass ihr eigenes Leben ihr in einem ernsten Kampf überhaupt nichts wert sein durfte. Nur so konnte sie ihr Bestes geben. Sie durfte sich keine Sorgen um ihren Tod machen. Tatsächlich war ihr der Umstand, das sie hierbei höchstwahrscheinlich sterben würde zwar bewusst, aber er war ihr gleichgültig. Doch es wäre ihr nicht gleichgültig gewesen, wenn auch Kagome und deren Freunde hierbei umgekommen wären. Und genau deshalb durfte sie diesen Kampf nicht verlieren. Selbst wenn Sesshoumaru sie alle am Leben ließ: Er würde sich Tessaiga nehmen und bei seiner nächsten Begegnung würde er kurzen Prozess mit Inuyasha machen. Ganz einfach deshalb, weil der Hanyou nie die Klappe halten konnte...!
    Der Gedanke an all diese Tatsachen gab Anis neue Kraft und eine wilde Entschlossenheit entbrannte in ihr.
    Anis ließ Tessaigas ganze, restliche Kraft in eine Windnarbe fließen.
    Unter ihrer Attacke erzitterte die Erde.
    Die umstehenden Personen, die größtenteils auf dem Boden lagen, wurden von der enormen Druckwelle einfach davon geweht. Inuyasha, der immer noch bewusstlos war, wurde ebenfalls von ihr erfasst und schlug einige Meter weiter entfernt an einem großen Felsen auf. Er gab ein leises aber dennoch hörbares Stöhnen von sich. Kagome, die zuerst betroffen und dann entsetzt darüber war, wurde nun auch von der mächtigen Druckwelle erfasst und zusammen mit den mehr oder weniger noch lebendigen anderen Personen mindestens sechzig Meter nach hinten geschleudert, wo die, die noch bei Bewusstsein waren, alle einen erstickten Schrei von sich gaben.
    Riesige Mengen an Staub wurden aufgewirbelt und keiner konnte wirklich erkennen, ob diese mächtige Attacke den Kampf zu Anis´ Vorteil zu entscheiden. Gespannt warteten sie, bis sich die dunklen Wolken gelegt hatten...

    Kapitel: Kampf mit Tessaiga
    Inhalt: Wenn die Hundebrüder aufeinander treffen, müssen selbstverständlich die Fetzen fliegen. Doch diesmal bekommt Sesshoumaru noch einen zweiten Gegner...

    Shippo stieß einen hellen Schreckensschrei aus. Sango und Miroku griffen nach ihren Waffen und Kagome zog einen Pfeil aus ihren Köcher.
    Anis musterte sie nur verwirrt. Sie hatte zwar gespürt, dass sich da ein Dämon nährte, und zwar rasend schnell, doch die Gruppe schien ihn bereits zu kennen.
    Inuyasha trat als erstes aus der Hütte. Sango und Miroku folgten ihm. Kagome sah sich noch einmal zu Anis um. „Bleib bitte hier drinnen Anis-san, ja? Sesshoumaru ist ein wirklich gefährlicher Gegner.“ Anis wartete darauf das sie fortfuhr und ihr erklärte was hier eigentlich los war, doch Kagome verließ ohne ein weiteres Wort ebenfalls die Hütte. Nur Kaede war jetzt noch da. Fragend sah Anis die Miko an.
    „Sesshoumaru ist Inuyashas älterer Halbbruder und ein vollständiger Dämon.“, erklärte sie, „Er hasst Inuyasha, weil er die Menschen verabscheut und er in seinen Augen eine Schande für die Familie darstellt. Außerdem hat Inuyasha das Schwert Tessaiga geerbt, welches hundert Dämonen auf einen Schlag vernichten kann. Sesshoumaru aber bekam Tenseiga, das hundert Leben retten kann und seiner Meinung nach nutzlos ist. Deswegen hat er schon oft versucht, Inuyasha Tessaiga abzunehmen. Naja und in ihrem Streit versuchen sie sich immer gegenseitig umzubringen...“ Kaede hatte geendet. Anis starrte sie verwundert an. Die beiden waren Halbbrüder und bekämpften sich trotzdem!? Beim besten Willen; das verstand sie nicht!
    Kaede bemerkte ihren verwirrten Blick. Schnell erklärte sie: „Dämonen und Menschen sind schon seit Urzeiten miteinander verfeindet.“ Anis blickte noch verwirrter drein. Das war ihr zwar bekannt, aber in der eigenen Verwandtschaft... Sicher, die Menschen fürchteten die Dämonen und diese wiedrum verachtete sie, aber das es SO schlimm war...
    Stirnrunzelnd folgte Anis Kagome nach draußen.

    Draußen währenddessen waren die Halbbrüder bereits aneinander geraten.

    Inuyasha machte einen Hechtsprung zur Seite und entging so nur um Haaresbreite Tokjins tödlichen Energiewirbeln. Keuchend hob er Tessaiga um die Windnarbe ein drittes Mal auf Sesshoumaru zurasen zu lassen. Er hatte keine Kraft mehr sein berüchtigtes `KAZE NO KIZU´ heraus zu schreien. Doch wieder wich Sesshoumaru aus indem er in die Luft sprang. Sein Gegner war einfach zu schnell für ihn. Inuyasha hätte das niemals zugegeben und schrieb diese Niederlage seinen Wunden zu.
    Dass Sesshoumaru jetzt wieder in der Luft war, machte es für Inuyasha nicht gerade leichter. Er wusste einfach nie genau, wo sich sein Halbbruder gerade befand. Das machte ihn halb wahnsinnig!
    Suchend ließ er seinen Blick schweifen - und entdeckte Anis, die gerade aus der Hütte kam.
    Verdammt, die soll gefälligst wieder rein gehen! Ich hab einfach jetzt keine Nerven für noch einen Menschen, den ich beschützen muss!, dachte er sich stumm.
    Er wollte Anis gerade etwas sehr Unhöfliches entgegen rufen, da spürte er auf einmal warmen Atem im Nacken.
    "Du passt nicht auf!" sagte eine leise, bedrohliche Stimme, gefährlich nah an seinem Ohr.
    Blitzschnell fuhr er herum - und sah in das kalte, ausdruckslose Gesicht seines Halbbruders.
    Er hatte keine Zeit mehr, Tessaiga hochzureißen.
    Er spürte nur noch den Schmerz.
    Sah das grüne Aufblitzen von Sesshoumarus Dokkasso.
    Spürte, wie das Gift seinen Körper innerhalb von Sekunden lähmte.
    Und er hörte Kagomes entsetzten Aufschrei.

    Sesshoumaru sah nur die Farbe aus Inuyashas Gesicht weichen, doch das reichte um zu wissen wie sehr er litt. Schade das er so schwer verletzt war, sonst hätte der Kampf vielleicht etwas mehr Spaß gemacht. Nun ja jetzt konnte er sich erst einmal Tessaiga holen. Das war fast so gut wie ein ordentlicher Kampf. Bei diesem schändlichem Halbblut verkümmerte es ja geradezu..., dachte sich Sesshoumaru und streckte seine Hand nach der Waffe aus.
    Doch halt!
    Inuyasha... plötzlich rührte er sich wieder! Sesshoumaru war erstaunt. Nicht, das er seinen Halbbruder für tot gehalten hätte, noch hatte er es nicht als zwingend notwendig empfunden, ihm den Gar aus zu machen. Doch er sollte doch zumindest bewusstlos sein...
    Langsam erhob sich der Hanyou. Er keuchte schwer und es bereitete ihn sichtliche Mühe, nicht gleich wieder zusammenzubrechen. Schwächlich...
    Voller Verachtung sah Sesshoumaru auf Inuyasha hinunter. Doch zu seiner großen Verwunderung schnellte dessen Hand auf einmal vor - und packte Tessaiga!
    Keuchend sprach er: "Du . . . wirst Tessaiga nie bekommen!"
    Er bäumte sich noch ein letztes Mal auf und schleuderte die Waffe von sich und Sesshoumaru fort.
    Doch das Gift forderte seinen Tribut und Inuyasha sank kraftlos und mit einem leisen Stöhnen zurück auf den Boden.
    "So ist es recht Inuyasha! Krieche im Dreck!" Sesshoumarus Stimme war so eisig, dass es allen Anwesenden kalt den Rücken herab lief.

    Anis beobachtete die Szene stumm, geschockt von der Kaltblütigkeit des Youkais, als er seinen eigenen Halbbruder niederstreckte. Voller Grauen wandte sie sich ab. Sie wollte das ganze Blut nicht sehen, das sich auf dem Boden ausbreitete und Ekel in ihr hervorrief.
    Warum zum Teufel half denn niemand dem Hanyou?!
    Sie sah sich suchend nach Kagome um. Bald hatte sie sie entdeckt. Das Mädchen wurde von dem Mönch namens Miroku festgehalten. Kagome schrie sich die Seele aus dem Leib und wollte unbedingt zu Inuyasha hinüber laufen. Ihr Bogen lag zerbrochen neben ihr auf dem Boden. Selbst Miroku schien verletzt zu sein und wäre Kagome nicht so geschwächt durch ihre Angst um Inuyasha, so hätte er sie wohl kaum festhalten können.
    Anis Blick suchte nun nach der Dämonenjägerin. Doch auch von der war keine Hilfe mehr zu erwarten. Sie lag bewusstlos an einen Baum gelehnt. Kirara und Shippo hockten besorgt neben ihr.
    Anscheinend war Anis die einzige, die noch kämpfen konnte.
    Dummerweise war ihr Schwert immer noch in Kaedes Hütte und wenn sie jetzt rein ging um es zu holen, dann würde sie damit die Aufmerksamkeit des Youkais auf sich ziehen und dazu hatte sie absolut keine Lust. Diesen Eisklotz konnte man nur mit einem Überraschungsangriff etwas zu leide tun.
    Verdammt, wenn ich doch nur eine Waffe hätte!, dachte sie verbissen.
    Genau in diesem Moment kam Tessaiga angeflogen und bohrte sich neben ihr in den Boden.

    JETZT hatte sie die volle Aufmerksamkeit des Youkais!

    Sesshoumaru wandte sich verächtlich von Inuyasha ab, der sich nun nicht mehr rührte.
    Warum der das Schwert weggeworfen hatte, das konnte er sich nicht erklären. Schließlich würde es ihm überhaupt keine Mühe bereiten, einfach hinterher zu gehen und es aufzuheben. Wahrscheinlich war es nur ein letztes, verzweifeltes Aufbegehren gewesen. Wie erbärmlich!
    Er sah, wie sich das Schwert neben einer jungen Frau mit schwarzen Haaren in die Erde bohrte.
    Misstrauisch betrachtete er sie.
    Er brauchte sich nicht zu beeilen, er hatte alle Zeit der Welt und seinen Sieg trug er schon so gut wie in der Tasche. Nichts würde ihn davon abhalten, sich Tessaiga zu holen, die Freunde seines schwächlichen Halbbruders waren alle kampfunfähig, dafür hatte er gesorgt.
    Sesshoumaru betrachtete die junge Frau nun näher. Ihre Haare waren sehr lang, sie reichten fast bis zum Boden. Ihre Augen waren grün und in ihrem Gesicht lag ein, ihm nicht zu definierender Ausdruck. Ihre Kleidung sah ebenfalls sehr seltsam aus. Sie trug eine Dreivierteljeans und dazu ein weißes, ärmelloses T-Shirt. Sesshoumaru, der solche Kleidung nicht gewohnt war, vermutete das sie ähnliche Fähigkeiten wie Kagome hatte. Diese konnte ja solche Bannpfeile schießen. Aber die junge Frau trug keinen Bogen bei sich, war also höchstwahrscheinlich ungefährlich. Aber natürlich wollte er noch keine voreiligen Schlüsse ziehen. Aber erstaunlich war, das er nicht sofort feststellen konnte, WAS sie war. Ein Mensch? Oder eine Dämonin? Oder am Ende nichts von beidem?!
    War sie nur ein schwaches Weib, das sein niederer Halbbruder beschützte, oder hatte Inuyasha Tessaiga absichtlich zu ihr geworfen, um ihn zu einen Kampf mit einem starken Gegner zu zwingen? Nein, so raffiniert war der Hanyou gewiss nicht.
    Doch die Frau hatte keinerlei Merkmale eines übernatürlichen Wesens. Sesshoumaru suchte nach typisch dämonischen Anzeichen, doch er konnte nichts finden. Sie hatte keine Zeichen im Gesicht, wies keine Ähnlichkeit mit irgendeinem Tier, eine Art Fell oder so auf und ihre Ohren konnte der Youkai nicht erkennen, da sie von ihren Haaren verdeckt wurden. Das diese wiederum schwarz waren, brachte ihn auch nicht weiter, denn das war eine Haarfarbe, die sowohl unter Menschen als auch unter Dämonen üblich war. Auch konnte er bei ihr keine Aura wahrnehmen. Doch das hatte nichts zu sagen, geübte Dämonen konnten ihre Aura verbergen.
    Aber all das stellte er erst als zweites fest. Seine erste Amtshandlung war natürlich gewesen, die Nase in die Luft zu strecken und ihren Geruch aufzunehmen.
    Und genau da lag das eigentliche Problem, der Umstand, wieso Sesshoumaru dieses Weib nicht einfach für einen normalen Menschen hielt: Sie roch weder nach Mensch, noch nach Dämon. Auch nicht nach einem Halbdämon oder nach sonst irgendeinem Wesen, das Sesshoumaru je gerochen hatte.
    Und doch kam ihm ihr Geruch bekannt vor.
    Irgendwann hatte er diesen Duft schon einmal in der Nase gehabt, wenn auch stärker als bei dieser Frau. Aber wo... Wo nur?!
    Aber es lag nichts Bedrohliches in diesem Geruch. Im Gegenteil, ihm gefiel er sogar sehr gut. Er hatte etwas Beruhigendes.
    Während er die Frau seiner gründlichen Musterung unterzog, schritt er ihr unaufhaltsam entgegen. Doch obwohl seine Haltung eindeutig feindlich ihr gegenüber war und sie gesehen hatte, wozu er fähig war, sah er nicht die leiseste Spur von Angst in ihren Augen. Das machte ihn stutzig, denn das einzige, halbwegs intelligente Wesen das ihn jemals so angeschaut hatte, war Rin. Mit dem Unterschied das diese hier sehr wohl wusste, das mit ihm nicht gut Kirschenessen war. Also, entweder hatte sie sich schon mit ihrem Tod abgefunden, oder sie bildete sich ein, es mit ihm aufnehmen zu können. Beides fand Sesshoumaru mehr als unwahrscheinlich.
    Nun ja, was auch immer sie war, sollte sie ihm Tessaiga verwehren . . .
    Ach was, sie war sicher nur einer besonders törichte Menschenfrau! In dieser Hinsicht war es natürlich schon eine Respektlosigkeit, nicht vor ihm zurück zu weichen. Und eine solche Respektlosigkeit konnte er natürlich nicht dulden.
    Ja, es war einfacher zu glauben sie wäre nur eine einfache Menschenfrau, dann brauchte er sich nicht darüber den Kopf zerbrechen, was er sowieso nicht sehr gerne tat. Zumal sie eh gleich tot sein würde...

    Um so erstaunter war Sesshoumaru, als die junge Frau ihre Hand nach Tessaiga ausstreckte, es aus dem Boden zog und schützend vor sich hielt.
    Sein Gesicht verriet natürlich mit keiner Regung was er dachte, aber für lebensmüde hatte er sie nun wirklich nicht gehalten. Na ja, aber mit seiner Menschenkenntnis war es auch nicht sehr weit her. Aber das sie Tessaiga gegen ihn verwenden wollte, kam einer Unterschrift auf ihrem eigenem Todesurteil gleich. Das musste sie doch wissen!
    Spöttisch fragte er: "Huh, willst du dich wirklich mir entgegenstellen?"
    Sie gab keine Antwort. Natürlich, es war ja klar das sie ihn angreifen würde, wenn sie mit erhobenen Schwert vor ihm stand, aber das sie seine Frage und damit auch Sesshoumaru selbst völlig ignorierte, das gefiel ihm überhaupt nicht. Zudem hätte er gerne noch gewusst, wie sich ihre Stimme anhörte und eine Tote konnte nicht mehr sprechen...

    Anis spürte Tessaigas Kraft.
    Hatte Kagome ihr nicht irgendwann mal erzählt, das es ein menschenbeschützendes Schwert war? Schmunzelnd fragte sie sich, ob sie vielleicht auch in der Lage war, es zu führen.
    Inuyashas Halbbruder schien es jedenfalls nicht anzunehmen und noch hatte Tessaiga die Gestalt einer alten, rostigen Klinge.
    Das sie Sesshoumaru nicht auf seine Frage geantwortet hatte, schien ihm nicht zu gefallen. Um ihn noch ein wenig zu ärgern, achtete sie weiterhin überhaupt nicht auf den Youkai vor ihr und besah sich stattdessen die Waffe in ihrer Hand etwas näher.
    Sanft strich sie mit ihrer Hand über die Breitseite der Klinge.
    Sie spürte, dass ihr Gegner immer wütender wurde. Sein Youki sammelte sich um ihn herum und es war verdammt stark! Doch er griff noch immer nicht an. Dabei stand er ganz dicht vor Anis und hätte sie mit einem Schlag zerfetzen können. Nur Tessaigas Klinge stand noch zwischen ihnen.
    Offenbar wartete Sesshoumaru darauf, dass sie den ersten Schritt machte. Vielleicht erwartete er aber noch immer eine Antwort.
    Anis war mit ihren Fingern nun fast am Griff der Waffe angekommen. Der Stahl, oder aus was auch immer es gefertigt sein mochte, vibrierte unter ihren Fingern. Anis spürte, dass die Energien, die dieses Schwert verbarg, in Unruhe gerieten. Sie wollten heraus brechen!
    Sie hatte beobachtet, wie Tessaiga sich bei Inuyasha verwandelte.
    Aus den Augenwinkeln schielte sie zu Sesshoumaru hinüber und lächelte in sich hinein.
    Die Waffe hielt sie ausgestreckt und tat weiterhin als würde sie sie noch untersuchen.
    Immer mehr Energie staute sich.
    Als Anis das Gefühl hatte, die Klinge werde gleich zerbrechen, nahm sie ihre Hand herunter und die Energien des Schwertes drückten mit ungeheurer Kraft gegen ihr Gefängnis. Doch anstatt zu zerbrechen, wurde Tessaiga immer größer. Der Rost verschwand und die kleinen Risse in der Klinge schienen sich in Luft aufgelöst zu haben.
    In Sekundenschnelle hatte Tessaiga die Größe und Form eines riesigen Stoßzahnes bekommen.
    Eigentlich hatte Anis vorgehabt, einfach standhaft zu bleiben. Da Sesshoumaru direkt vor ihr stand, hätte er durch Tessaigas Größenwechsel einfach aufgespießt werden müssen. Leider Gottes bemerkte er die Gefahr noch rechtzeitig und trat bedächtig einen Schritt zurück.
    Anis sah dem Youkai seine Überraschung an. Zwar war sein kalter und desinteressierter Gesichtsausdruck der selbe geblieben, doch einen winzigen Moment lang hatte seine Hand gezuckt.
    Anis zweifelte nicht daran, das diese, frühzeitig gestoppte, Bewegung zu dem Griff seines Schwertes ihm aus reinem Reflex unterlaufen war. So eitel und arrogant wie er hier rumstolziert war, würde er seine Waffe - wenn es nicht unter seiner Würde war, seine Hände mit dem Blut einer normalen Menschenfrau zu verschmutzen - in einer eleganten, fließenden Bewegung, unterstrichen mit ein paar verächtlichen Worten, wie zum Beispiel: ´Glaubst du wirklich, ein jämmerliches Weib wie du könnte mich besiegen!?´, ziehen. Und vorher würde er noch mit irgend so einen Spruch wie: ´Gib mir Tessaiga, oder du wirst sterben!´ ankommen. Total abgegriffen.
    Jedenfalls war das das Bild, was sie sich inzwischen von ihm gemacht hatte. Und ihre Dämonenkenntniss war recht gut...
    Sie sah, das Sesshoumaru sich auf einen Angriff vorbereitete, doch sie wollte ihn noch ein wenig schmoren lassen. Außerdem wollte sie sich noch einige Gedanken über dieses Schwert machen und wenn sie ihn weiterhin ignorierte, würde er im Kampf extrem wütend sein und Wut machte nun einmal blind. Das war bei Dämonen noch schlimmer als bei Menschen, weil dämonische Wut nun einmal sehr viel größer sein konnte. Sicher könnte man Sesshoumaru mit Worten nicht so einfach reizen, die Taktik war ihm ja sicher bekannt und er konnte sich da beherrschen, aber mit Schweigen anscheinend schon...
    Die junge Frau wusste, dass sie im Ernstfall eines Kampfes sehr im Nachteil war. Zweifellos war sie Sesshoumaru an Kraft unterlegen. Zwar hatte sie von Kindesbeinen an gelernt, mit dem Schwert umzugehen, doch das hier war etwas ganz anderes. Das hier war ernst. Die Übungskämpfe die sie mit ihrem Vater und Geschwistern ausgefochten hatte, zählten nicht. Dort war das Ziel nie der Tod des Gegners gewesen. Von ihrer Mutter war sie in der Kunst des Heilens unterrichtet worden. Auch war sie immerhin über die Jahre hinweg zu einer Meisterin in sämtlichen Arten des Kampfes geworden. Egal, ob die Waffe ein Schwert, Pfeil und Bogen oder gar eine Axt war. Selbst unbewaffnet war sie noch ein starker Gegner. Jedenfalls für einen Menschen. Aber Sesshoumaru war ein so mächtiger Dämon... So gut sie auch auf ein Leben in diesen kriegerischen Staaten vorbereitet war, das ihr erster, ernstzunehmender Gegner gleich ein Youkai dieses Formates war...!
    Das Glück schien ihr gar nicht hold zu sein.
    Dabei war sie Kagome doch nur hierher gefolgt, weil sie ihre Kräfte erproben wollte. Aus reiner Abenteuerlust sozusagen. Schließlich gab es in der Neuzeit keine Dämonen.
    Obwohl sie wusste, dass sie Sesshoumaru weder mit ihrer Körperkraft, noch mit Schnelligkeit oder Fechtkunst beikommen konnte, so wollte sie doch nicht aufgeben.
    Zweifelnd musterte Anis den Stoßzahn. Tessaiga lag trotz seiner Größe sehr gut in ihrer Hand und hatte kaum ein Gewicht. Im Normalfall hätte sie einen Kampf mit Sesshoumaru vielleicht sogar überlebt, doch dieses wuchtige Ding konnte man ja wohl kaum ein Schwert nennen! Wie sollte sie denn damit fechten?! Solche Waffen waren für Dämonen mit Sesshoumarus Statur gefertigt. Anis´ zierlicher Körper konnte da nicht mithalten.
    Wieder kam ihr der Gedanke, dass sie auf jeden Fall den Überraschungseffekt nutzen musste. Sie hatte gesehen, wie Inuyasha seine ´Kaze no Kizu´ auf Sesshoumaru losgelassen hatte.
    Klar, der war immer ausgewichen, doch wenn sie diese Kraft jetzt aktivieren könnte, dann... Nun ja, Sesshoumaru stand noch immer direkt vor ihr. Viele Ausweichmöglichkeiten hatte er nicht. Und wenn er dann schwer geschwächt war, konnte sie es vielleicht mit einem Schwertkampf probieren...
    Pah, sicher denkt er, er könne mich mit einem Schlag besiegen. Er glaubt, ich wäre eine ungeübte Niete im Schwertkampf und könnte Tessaigas volle Kraft nicht nutzen. Aber dem werd ich´s zeigen!, dachte sie zornig.
    Doch man sah ihr nicht an was sie dachte. Auch das war eine ihrer Eigenheiten, sie konnte ihrem Gesicht jeden Ausdruck verpassen und niemand sah, was sie wirklich fühlte. Sie konnte ein entsetztes Gesicht machen und sich innerlich totlachen oder scheinbar vor Wut heulen und in Wahrheit völlig gefasst ihre Rachepläne schmieden. Die berühmte Maskentechnik, die auch Sesshoumaru anwandte. Doch bei ihm konnte man erahnen, dass es in seinem Innerem anders aussah. Doch bei Anis kaufte jeder ihr ihr Theater ab. Selbst Dämonen fielen auf sie herein. Sie war eine klasse Schauspielerin. Und im Gegensatz zu Sesshoumaru beherrschte sie alle Formen einer Maske, die man anwenden konnte, um seine wahren Gedanken und Gefühle zu verbergen. Natürlich hatten sowohl Anis als auch Sesshoumarus Variante den selben Effekt, dass man sie nicht durchschauen konnte, nur das Anis damit auch noch alle anderen herein legte.
    Und wenn der Youkai so dachte, wie Anis dachte das er dachte, dann wäre der Überraschungseffekt auf ihrer Seite.

    Sesshoumaru war nun mehr als ungeduldig. Wie lange wollte sie denn noch auf dieses Schwert starren!? Wieso griff sie nicht endlich an?
    "Gib mir Tessaiga, oder du wirst sterben!" sagte er ungehalten, nicht ahnend, das Anis exakt diese Wortwahl von ihm erwartet hatte.
    Dabei wusste er selbst nicht, warum er ihr noch die Wahl ließ. Vielleicht weil er wusste, dass sie kämpfen würde. Um so zorniger wurde er jedoch, als Anis auch darauf nichts erwiderte. Sie starrte einfach nur weiter auf die schimmernde Klinge und beachtete ihn überhaupt nicht! Das gefiel dem Youkai ganz und gar nicht. Vor ihm fiel man auf die Knie und bettelte um Gnade oder tat sonst irgendwas Unterwürfiges oder aber man griff ihn sofort an, aber man ignorierte ihn doch nicht einfach! Jedenfalls war ihm das noch nie untergekommen.
    "Antworte, wenn ich mit dir rede!" fuhr er sie an, wobei es ihn schon allein in seinem Stolz verletzte, überhaupt mit einem Menschen zu reden. Es bereitete ihm jetzt schon richtig große Mühe, seiner eisige Maske aufzubehalten und die junge Frau nicht einfach in Stücke zu reißen. Dieses Duell basierte lediglich auf der jeweiligen Ausdauer des anderen und ER würde gewiss nicht der sein, der als erster ausrastete! Überhaupt würde er sich von diesem Biest nicht reizen lassen! Nicht mit ihm! Sesshoumaru wurde immer wütender und gereizter.
    Anis hob den Kopf, als hätte sie ihn eben erst bemerkt. "Bleib mal auf dem Teppich, ich überleg doch noch!" Verärgert wandte sie sich wieder Tessaiga zu - und ignorierte ihn schon wieder! Sesshoumaru hätte jetzt alles von ihr erwartet, aber gewiss nicht solch eine Antwort! Da sie sich nicht weiter mit ihm beschäftigte, fühlte er sich wie bestellt und nicht abgeholt. Er! Sesshoumaru! Lord der westlichen Länder und Sohn vom ehrenwerten Inu no Taishu! Er fühlte sich fehl am Platz, als hätte er hier nichts zu suchen, wäre ein ungebetener Gast und was noch viel schlimmer war - Zum ersten mal in seinem Leben machte ihm das etwas aus! Er hatte sich nie um die Meinung seiner Gegner geschert! Verdammt noch mal, er war einer der mächtigsten Dämonen des Landes und sie behandelte ihn wie ein kleines Kind! Noch nie hatte es jemand gewagt, derart respektlos mit ihm umzuspringen! ... Das gefiel ihm. Er bewunderte sie schon fast für ihre Kühnheit. Sie hatte etwas an sich, das - Nein! Solche Gedanken sollte er jetzt nicht denken. Trotzdem wäre es schade um ihren Tod. Sie war wirklich eine Schönheit... Was soll´s.
    Dieser Kampf würde schnell beendet sein.
    So schwach wie sie aussieht, werde ich sie mit einem Schlag besiegen können. Sie ist eine ungeübte Niete im Schwertkampf und kann Tessaigas volle Kraft nicht nutzen., waren seine Gedanken. Wenn er wüsste, das Anis sogar einige Zeit vor ihm wusste, dass er genau diese Gedanken denken würde, hätte er sich seine Mordpläne vielleicht etwas sorgfältiger zurecht gelegt.
    Mit einem überlegendem Grinsen sagte er so verächtlich wie möglich: "Glaubst du wirklich, ein jämmerliches Weib wie du könnte mich besiegen!?"
    Mit einer eleganten, fließenden Bewegung zog er sein Schwert Tokjin. Hätte er gewusst, dass Anis seine Worte, ja sogar seine Bewegungen vorausgeahnt hatte und sie sich jetzt innerlich kugelte vor Lachen, hätte er gewusst, dass er sich mit seinen Worten gerade ein Eigentor geschossen hatte - hätte er das alles gewusst, er hätte sich grün und blau geärgert. So aber war er nur ein wenig irritiert, als sich auf einmal ein schelmisches Grinsen auf Anis´ Gesicht ausbreitete.

    Anis spürte, wo Sesshoumarus Youki auf Tessaigas dämonischen Energien stieß. Sie hatte genau beobachtet, wie Inuyasha mit dem Schwert einfach nur durch die Luft schnitt und somit die spezielle Kampfkraft des Schwertes auf seinen Gegner losgelassen hatte.
    Anis spürte das Youki des Dämons vor ihr. Und sie spürte die Energien des Schwertes. Sie unterschieden sich voneinander. Genau dort, wo beide Energien zusammentrafen, dort war die ´Wunde des Windes´, auf der Tessaiga seine volle Kraft entwickelte. Auch davon hatte Kagome ihr erzählt. Zum Glück hatte Anis sich alles genau von ihr erklären lassen, bevor sie hierher gekommen war! Dieses Wissen kam ihr jetzt zugute.
    Sie zauberte ein überlegendes Grinsen auf ihr Gesicht, das ihren Gegner - der gerade sein Schwert gezogen hatte und zwar genau so, wie sie es erwartet hatte - verwirren sollte.
    "Ich wähle den Kampf!" Vergnügt stellte sie sich das Gesicht vor, das Sesshoumaru machen würde, wäre er nicht so verschlossen. "Jetzt wirst du lernen, was es heißt sich mit einer Vanderobe anzulegen!" Mit diesen Worten schlug sie zu. Genau an der Wunde des Windes entlang.

    Sesshoumaru riss erstaunt die Augen auf. Er machte einen letzten Versuch, noch auszuweichen, doch bei dieser kurzen Entfernung war das nicht möglich. Die fünf Lichtstrahlen der Kaze no Kizu trafen ihn mit voller Wucht. Der Youkai wurde etliche Meter nach hinten geschleudert.
    Anis war nicht so stark wie sein Halbbruder Inuyasha, doch trotzdem wunderte er sich, wieso er noch auf den Beinen stehen konnte. Langsam legte sich der aufgewirbelte Staub und die tiefen Furchen in der Erde wurden sichtbar. Jetzt wurde Sesshoumaru klar, was für ein großes Glück er gehabt hatte! Naja, Glück im Umglück. Er stand nämlich genau zwischen zweien dieser Furchen.
    Das hätte verdammt böse ausgehen können. Als Inuyasha ihn das letzte Mal, und natürlich das einzige Mal, mit der ganzen Kraft dieser Attacke getroffen hatte, war er so schwer verletzt gewesen, dass er von einem kleinem Menschenmädchen abhängig gewesen war! Selbst ein einfacher Schlag Tessaigas hatte ihm einmal fast den linken Arm gekostet. Auch damals hatte er nur vom Glück reden können, dass dieser nicht ganz abgetrennt worden war. Natürlich war die Wunde längst schon wieder verheilt, doch er wollte so etwas natürlich nicht noch einmal erleben!
    Was Sesshoumaru gerade aber wirklich zu schaffen machte waren nicht seine Wunden oder die Tatsache das er jetzt ziemlich geschwächt war, nein, was ihn wirklich schockte war, dass ein einfaches Menschenweib das Schwert seines Vaters beherrschen konnte. Das war doch ungeheuerlich!
    Doch all diese Gedanken ließ er sich nicht anmerken.
    "War das alles, was du drauf hast? Dann spüre MEINE Macht und verneige dich vor dem Tod!"
    Mit diesen Worten hob er sein Schwert Tokjin etwas höher und vollführte eine unvollständige Kreisbewegung. Blaue Energiewirbel lösten sich von der Klinge und rasten auf Anis zu.
    Ein grausames Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
    Der Kampf versprach, interessant zu werden. Er würde es sicher nicht bereuen, sich darauf eingelassen zu haben.

    Anis stemmte Tessaiga in die Erde, um es als Schutzschild für Sesshoumarus Energie zu nutzen, wobei sie Schwierigkeiten hatte, es überhaupt zu bewegen. Dieses Schwert ist wirklich schrecklich., dachte Anis und stieß einen sehr fantasievollen Fluch aus, weil an beiden Seiten der Klinge noch immer die Energiewirbel von Sesshoumarus Angriff durchkamen.
    Mit einer Schnelligkeit die das bloße Auge nicht erfassen konnte, stand Sesshoumaru plötzlich vor ihr und stieß Tessaiga bei Seite.
    Er hob Tokjin und ließ es auf Anis zu rasen. Sein Schwerthieb verletzte sie an der linken Schulter, doch die junge Frau achtete nicht auf den Schmerz.
    Mit einem fast schon verzweifelten Hieb steckte sie so viel Energie wie möglich in Tessaigas nächsten Schlag und brachte somit Sesshoumaru sogar leicht, aber nur ganz leicht - was trotzdem schon eine beachtliche Leistung war - zum Schwanken.
    Die Umstehenden sahen dem Schauspiel gebannt zu, wobei Kagome sogar vergaß gegen Miroku´s Umklammerung anzukämpfen.
    Sesshoumaru, der etwas verdutzt war, setzte jetzt wieder und wieder neue Schwerthiebe auf Anis an. Die besaß aber zum Glück noch genügend Geschicklichkeit und konnte so seinen beachtlich starken Angriffen auszuweichen.
    Anis, die immer wieder versuchte den starken Youkai und seinem Schwert Tokjin irgendwie zu entwischen, verzweifelte so langsam schon.
    Wehmütig dachte sie an Kagome und die Anderen. Sie focht diesen Kampf nicht, weil diese ihr irgendwas bedeuteten. Es hatte sie nur aufgeregt, was für ein leichtes Spiel Sesshoumaru mit ihnen hatte. Es regte sie auf, wie arrogant er sich benahm. Jetzt aber war ihr klar geworden, dass er durchaus das Recht hatte, so eingebildet zu sein: Er war verdammt gut!
    Doch Anis kämpfte natürlich nicht nur, weil sie Sesshoumaru eine Lektion erteilen wollte oder um ihre Kräfte zu erproben. Auch nicht wirklich nur, um ihr eigenes Leben zu verteidigen: Zu hause hatte man ihr beigebracht, dass ihr eigenes Leben ihr in einem ernsten Kampf überhaupt nichts wert sein durfte. Nur so konnte sie ihr Bestes geben. Sie durfte sich keine Sorgen um ihren Tod machen. Tatsächlich war ihr der Umstand, das sie hierbei höchstwahrscheinlich sterben würde zwar bewusst, aber er war ihr gleichgültig. Doch es wäre ihr nicht gleichgültig gewesen, wenn auch Kagome und deren Freunde hierbei umgekommen wären. Und genau deshalb durfte sie diesen Kampf nicht verlieren. Selbst wenn Sesshoumaru sie alle am Leben ließ: Er würde sich Tessaiga nehmen und bei seiner nächsten Begegnung würde er kurzen Prozess mit Inuyasha machen. Ganz einfach deshalb, weil der Hanyou nie die Klappe halten konnte...!
    Der Gedanke an all diese Tatsachen gab Anis neue Kraft und eine wilde Entschlossenheit entbrannte in ihr.
    Anis ließ Tessaigas ganze, restliche Kraft in eine Windnarbe fließen.
    Unter ihrer Attacke erzitterte die Erde.
    Die umstehenden Personen, die größtenteils auf dem Boden lagen, wurden von der enormen Druckwelle einfach davon geweht. Inuyasha, der immer noch bewusstlos war, wurde ebenfalls von ihr erfasst und schlug einige Meter weiter entfernt an einem großen Felsen auf. Er gab ein leises aber dennoch hörbares Stöhnen von sich. Kagome, die zuerst betroffen und dann entsetzt darüber war, wurde nun auch von der mächtigen Druckwelle erfasst und zusammen mit den mehr oder weniger noch lebendigen anderen Personen mindestens sechzig Meter nach hinten geschleudert, wo die, die noch bei Bewusstsein waren, alle einen erstickten Schrei von sich gaben.
    Riesige Mengen an Staub wurden aufgewirbelt und keiner konnte wirklich erkennen, ob diese mächtige Attacke den Kampf zu Anis´ Vorteil zu entscheiden. Gespannt warteten sie, bis sich die dunklen Wolken gelegt hatten...

    Also, weiter geht's mit dem ersten kap. Viel Spaß!

    Kapitel: Gruppenzuwachs
    Inhalt: Inuyasha hat sich mal wieder mit Naraku angelegt und das ist ihm nicht sonderlich gut bekommen.

    Die makellos weißen Wände. Die Grünen Bäume auf dem Hof davor. Die spiegelglatten Fenster, die so abweisend wirkten. Die Turnhalle, aus der schon jetzt fröhliches Geschrei drang. Und die Menschen. Hunderte, lachende Kinder.
    Wie sehr sie das alles verabscheute. Sie verabscheute diese ganze, minderbemittelte Schule. Sie verabscheute überhaupt die ganze Stadt, Tokyo. Oh wäre sie doch nur nie nach Japan gekommen! Aber das hätte wohl auch keinen Unterschied gemacht. Ob sie ihre Strafe jetzt hier absaß oder in ihrer Heimat, in Frankreich, das war ja eigentlich egal. Und es war ja auch nicht für die Ewigkeit.
    Ewigkeit! Sie lachte hohl. Diese grausame Strafe würde ihr gewiss wie eine Ewigkeit vorkommen, denn sie hatte nichts, worauf sie sich freuen konnte. Ihr Leben war einfach nur stinklangweilig. Wie gerne hätte sie diese ganze Schule einfach dem Erdboden gleichgemacht. Alle Menschen hier getötet. Ihre Knochen zertrümmert und ihre - nur selten vorhandenen - Gehirne aus ihren Dickschädeln gequetscht. Aber das ging ja nicht. Sonst würde sie sich noch eine viel härtere Strafe einfangen. Da war es dann nicht mehr mit einem Aufenthalt in der Schule getan, obwohl ihr das schon schlimm genug vorkam.
    Oh, wie gerne käme sie einmal hier raus! Einmal so sein können, wie sie wirklich war. Einmal wieder das Schwert schwingen. Einmal wieder Blut spritzen sehen. Einmal wieder volles Risiko eingehen.
    Aber das war ihr verwehrt. Im einundzwanzigstem Jahrhundert gab es keine echten Kämpfe mehr. Die waren schon vor Jahrhunderten verboten worden. Nichts war ihrer Gesellschaft geblieben, außer ein paar Turniere einmal im Jahr, um sich abzureagieren. Dabei konnte sie diese eigentlich auch nicht so besonders leiden. Es war nicht unbedingt so, das sie den Kampf liebte. Er war nur halt immer notwendig gewesen. Jetzt, wo sie nicht mehr zu kämpfen brauchte, fehlte etwas in ihrem Leben. Ein Inhalt. Etwas, das ihr Kraft gab. Sie liebte weder Gewalt, Leid, noch das Abschlachten der Menschen - wie gewisse andere Mitglieder ihrer Familie. Aber manchmal wäre es doch gut, ihrem Frust freien Lauf zu lassen. Denn nichts war ihr wichtiger, als ihre Freiheit. Hier war sie nicht frei. Hier konnte sie nicht machen was sie wollte, wie es eigentlich ihre Art war. Hier konnte sie ihre Fähigkeiten nicht voll einsetzen. Hier, in dieser friedlichen Zeit, mit ihren friedlichen Ländern, ihren friedlichen Städten und diesen dreimal verflucht friedlichen Schulen, fühlte sie sich einfach nur eingesperrt. Sie wollte endlich raus hier!

    Doch trotz des übermächtigen Dranges, einfach auf der Stelle wieder umzudrehen und das weiße Gebäude hinter sich zu lassen, trat sie einige Schritte vor. Schon jetzt liefen einige Kinder auf dem Hof herum und starrten sie an. Oh, wie sie das hasste!
    Aber sie ließ sie starren. Sie überquerte wortlos den Hof und betrat das höllengleiche Teufelshaus, in der Hoffnung, die nächsten Tage irgendwie überleben zu können. In der Hoffnung, vielleicht doch nicht vor Langeweile zu sterben, denn das war der grauenerregendste Tod den sie sich vorstellen konnte. Leider starben immer mehr ihrer Art an diesem... Symptom. Sie konnte es nachvollziehen. Noch vor ein paar Jahrhunderten jedoch hätte sie darüber nur gelacht. Jetzt war ihr das Lachen gründlich vergangen. Eine verbitterte Grimasse hatte seinen Platz eingenommen. Aber da musste sie durch.
    Nachdem sie das Schulhaus betreten hatte, sah sie sich erst einmal suchend um. Wie lief das noch einmal ab? Ach ja, sie müsste sicher zum Sekretariat, um sich einer Klasse zuordnen zu lassen. Leider stand sie gerade vor einer Kreuzung. Wenn sie nur wüsste, wo dieses verdammte Zimmer war... Aber sie würde den Teufel tun, einen dieser minderwertigen Geschöpfe hier nach dem Weg zu fragen. Da kam sie lieber eine halbe Stunde zu spät zum Unterricht. Durch die Gänge zu laufen war sicher noch angenehmer als die Schulbank zu drücken.
    Mit einem leisen Seufzer entschied sie sich für den rechten Gang und machte sich auf den Weg.
    Doch plötzlich ertöne ein ohrenbetäubenes Geräusch, das die junge Frau aus ihren Gedanken riss. Beinahe zu Tode erschrocken hielt sie sich die Ohren zu und sah sich hastig nach dem Verursacher dieses Lärms um. Bald schon hatte sie ihn - oder besser gesagt es - ausgemacht. Es war eine Art Glocke, die frevelhafterweise genau über ihrem Kopf postiert war, und ihr künstliches Klingen durch das ganze Gebäude jagte. Für einen Moment war sie versucht aufzuspringen, und das Ding mit einem Schlag zu zerfetzen. Doch dann erinnerte sie sich daran, das dies wohl eine Schulglocke war und es damit sicher nicht gern gesehen war, wenn sie das Teil zertrümmerte. Das eben war wohl das Vorbereitungsklingeln. Aber das wiederum bedeutet, das sie diesen monströsen Krach jetzt immer zu Anfang und Ende der Stunden und Pausen zu hören bekäme?! Da platzte einem ja das Trommelfeld! Bei Kami, diese Strafe war ja noch schlimmer als sie angenommen hatte. Das würde sicher noch ein laaaaanger Tag werden.


    Zur selben Zeit in einem anderen Teil des Schulgebäudes, hetzte ein Mädchen namens Kagome, etwa im Alter von fünfzehn Jahren, keuchend durch die Gänge, auf denen sonst niemand mehr zu sehen war. Überall war es ruhig, denn alle Schüler waren schon in ihren Unterrichtsräumen verschwunden. In Gedanken zählte sie ihre Schritte, bis sie bei ihrem Klassenraum angekommen war. Zum Glück lag es im Erdgeschoss, ob sie es noch die Treppe hoch geschafft hätte war fraglich.
    Schuld daran, das Kagome mal wieder zu spät zur Schule kam, war natürlich Inuyasha. Der Hanyou hatte sie nämlich einfach nicht gehen lassen wollen und sie die halbe Nacht lang zugebrüllt, bis das Mädchen es einfach nicht mehr ausgehalten hatte, und ihn mit einem Sitz-Dauerfeuer bestraft hatte. Daraufhin war er höchst beleidigt abgezogen und Kagome hatten die andere Hälfte der Nacht über unheimlich viele Schuldgefühle geplagt, weswegen sie verständlicherweise nicht sehr viel geschlafen hatte. Da Inuyasha dann - von ihr unbemerkt - seinen Frust wohl auch noch am Wecker ausgelassen hatte, waren die Chancen noch rechtzeitig in der Schule anzukommen, verschwindend gering geworden.
    Mit einer Hand stützte sich das Mädchen an der Wand ab und versuchte ihre Atmung etwas zu verlangsamen. Ihr Herz schien ihr irgendwo in der Nähe des Kehlkopfes zu schlagen, doch langsam beruhigte sie sich wieder.
    Gerade wollte sie die Tür öffnen, als sie überrascht inne hielt. Sie spürte ein leichtes Ziepen in der Magengegend, das nichts mit ihrem Dauerlauf gemein hatte. Sie kannte dieses Gefühl nur zu gut, genau dieses Ziepen warnte sie immer, wenn ein Splitter vom magischem Juwel der vier Seelen in der Nähe war.
    Doch hier konnte doch keiner sein. Nicht hier, in der Neuzeit und erst recht nicht in ihrer Schule. Oder doch? Aber viel länger konnte sie jetzt auch nicht darüber nachgrübeln, denn, wie Kagome nun überrascht feststellte, der Juwelensplitter kam näher. Nein, schalt sie sich in Gedanken, nicht der Splitter kam näher, sondern viel mehr sein Träger. Aber was sollte sie nun tun? Es war zum Verzweifeln, sie hatte doch ihre Waffen, Pfeil und Bogen, gar nicht dabei. Wozu auch, niemand lief heutzutage mit einer Waffe durch die Gegend. Außer vielleicht Inuyasha.
    Das Stundenklingeln riss Kagome aus ihren Gedanken. Einen Moment zögerte sie noch. Sollte sie den Splitter suchen? Aber heute, gleich in der ersten Stunde schrieben sie doch eine wichtige Arbeit in Mathematik und die durfte sie auf keinen Fall verpassen. Letztendlich öffnete Kagome doch die Tür zum Klassenraum und trat ein. Sofort kam ihr der Lärm einer brüllenden Klasse entgegen, bei welcher der Lehrer augenscheinlich noch nicht da war.
    Wenn es tatsächlich einen Splitter hier an der Schule gab, dann würde sie früher oder später sowieso noch einmal darauf treffen, so tröstete sich das Mädchen. Verdammt, Kagome hätte lieber mit hundert Dämonen gekämpft, als diese Matheklassenarbeit zu schreiben. Doch das Schuljahr war bald zu ende und die Zensur bestimmte, was sie auf dem Zeugnis für eine Note bekommen würde. Jetzt durfte sie nicht kneifen! Aber trotzdem hätte sie vorher gern noch ein paar Tage länger in die Bücher geguckt. Sie hatte so viel aufzuholen! Jetzt noch einem Splitter hinterherjagen zu müssen, war das Letzte was sie wollte. Vor allem, da sie nun leider die ganze Zeit über abgelenkt würde sein. Das Leben konnte so ungerecht sein!
    Mit hängenden Schultern schleppte sie sich zu ihrem Platz, die Schüler um sich herum ignorierend. Mit eingezogenem Kopf saß sie auf ihrer Schulbank und wartete auf den Lehrer, der glücklicherweise zu spät kam und nicht bemerkt hatte, das sie den Anfang der Stunde eigentlich verpasst hatte.
    "Kagome-chan, ich hätte nicht gedacht, das du dich so schnell wieder erholst!" klang eine Stimme neben ihr.
    "Hä, was?" Verdutzt sah Kagome sich um und entdeckte Eri, eine ihrer Freundinnen, die sie verwundert ansah. Sie hatte sie gar nicht bemerkt, sondern achtete immer noch auf den Splitter. Sie spürte ihn immer noch. Er kam noch näher, musste jetzt schon direkt vor der Tür sein, aber das konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Doch zu ihrer großen Erleichterung war der Splitter nicht verunreinigt, was bei einem bösen Dämon sicher der Fall gewesen wäre.
    "Na, du hattest doch die Windpocken, das muss ja schrecklich gewesen sein!" erklärte ihre Freundin und holte Kagome in die Wirklichkeit zurück.
    "Ähem, es geht mir schon wieder besser...!" stotterte sie hilflos. Opa, das wirst du mir büßen!, schwor Kagome sich in Gedanken. Ihrem Großvater fielen wohl keine guten Ideen für ein paar neue Krankheiten mehr ein. Und sie musste dafür den Kopf hinhalten!
    Aber Kagome wurde zum Glück von ihrem Lehrer gerettet, der in diesem Moment die Tür aufriss. Nie hatte sie sich so gefreut ihn zu sehen. Doch seltsamerweise war er nicht allein...

    Kagome fühlte sich recht unwohl in ihrer Haut.
    Der Lehrer hatte eine junge Frau, sehr viel älter als der Rest der Klasse, als eine neue Mitschülerin vorgestellt. Kagome schätzte sich um die siebzehn.
    Der Lehrer hatte erklärt, das sie ursprünglich aus Frankreich kam und erst seit einigen Jahren japanisch sprach. Deswegen war sie in diese Klasse gekommen. Das Schuljahr war ja hier sowieso bald vorbei. Die Schülerin hieß Anis Vanderobe. Das war kein typischer französischer Name, ihre Eltern waren beide ausländisch und hatten sich in Frankreich getroffen. Ihr Vater kam aus Japan und ihre Mutter aus Spanien. Doch Anis war in Frankreich großgeworden. Ihr Name war ein Mischmasch aus vielen Sprachen.
    Genau deshalb war sie auch hier, sie hatte japanisch von ihrem Vater gelernt und sollte nun dieses Land kennenlernen. Und da sie hier anderen Schulstoff hatten, war sie eben zurückgesetzt worden.
    Das alles hatte sie vor der Klasse erzählen sollen, da der Lehrer sie gewissermaßen zwang, sich vorzustellen. Das Beste daran war jedoch, das die Klassenarbeit um zwei Wochen verschoben wurde, damit auch Anis die Möglichkeit hatte, sich darauf vorzubereiten.
    Die Neue wurde von dem Lehrer aufgefordert, sich neben Kagome zu setzen. Nachdem diese der Aufforderung widerstandlos gefolgt war, begann der Lehrer mit der Wiederholung des Unterrichtsstoffes.
    Kagome betrachtete ihre neue Banknachberin mit genauso viel Interesse wie alle anderen, aber aus einem anderen Grund. Noch immer spürte sie dieses leichte Ziehen, dessen Ursprung sie nur zu gut kannte. Anis musste einen Splitter des Juwels besitzen. Da war sie sich hundertprozentig sicher! Aber wie sollte sie da heran kommen?
    Unauffällig musterte sie ihre Banknachbarin. Tatsächlich! An ihrem rechten Handgelenk glühte ein kleiner Punkt. Nur Kagome konnte es sehen.
    Erst befürchtete sie, das Anis Vanderobe ein Dämon sein könnte und musterte sie etwas genauer.
    Sie hatte lange, glatte schwarze Haare, die bis zum Boden reichten. Diese umrahmten ihr Gesicht, sodass man ihre Ohren nicht sah. Doch sie trug auch keine verräterischen Zeichen im Gesicht oder auf den Armen und ihre Fingernägel waren rund, nicht wie Inuyashas spitze Krallen. Auch sonst wies sie keine dämonischen Merkmale auf und Kagome konnte auch keine Aura spüren.
    Unsinn, sie kann ja gar kein Dämon sein!, rief das schwarzhaarige Mädchen sich zur Ordnung, Hier gibt es die doch nicht mehr, jedenfalls keine, die sich für Menschen ausgeben würden. Dazu verachten die Youkai die Menschen doch viel zu sehr!

    Die restliche Stunde verging ohne besondere Vorkommnisse.
    Kagome bemerkte, dass Anis die ganze Zeit über auf einem Blatt Papier irgendwelche Zeichnungen machte und dem Lehrer nicht die geringste Beachtung schenkte. Dieser schien an der Tafel Selbstgespräche zu führen. Einmal kam er drohend an ihren Platz und stellte Anis eine knifflige Mathematikaufgabe, die Kagome selbst wohl niemals hätte lösen können, obwohl sie sich nun wirklich bemühte aufzupassen. Die Angesprochene jedoch schaute nicht einmal hoch, malte munter weiter und leierte mit gelangweilter Stimme eine komplizierte Antwort herunter. Daraufhin riss der Lehrer erstaunt die Augen auf, denn er musste feststellen, das ihre Lösung richtig war. Verdattert ging er wieder nach vorne und fuhr mit seinem Unterricht fort. Die neue Schülerin beachtete ihn weiterhin nicht und der Lehrer versuchte sein Bestes, es ihr gleich zu tun.
    Mit der Zeit ahnte Kagome, dass Anis überhaupt nicht zur Schule gegangen wäre, gäbe es nicht dieses fiese Wort namens ‘Schulpflicht’. Tatsächlich schien sie sich hier mehr als unwohl zu führen und wenn ihr Blick durch den Raum streifte, war er voller unterdrückter... Wut?
    Nun gut, was sollte sie auch in der Schule, wo sie doch den Stoff schon kannte, schließlich war sie hier um das Land kennen zu lernen. Wenn sie einmal einige Tage oder Wochen weg wäre, hätte sie sicher keine Probleme. Dennoch wirkte sie ein wenig, als würde sie dies hier als Strafe empfinden. Die Schule war zwar auch für Kagome die reinste Folter, aber wenn man den Stoff konnte, so wie sie, war es doch sicher nicht so schlimm, oder?
    Den Rest des Tages über machte Kagome sich Gedanken darüber, wie sie die Fremde auf den Juwelensplitter ansprechen sollte, aber erst nach der Mittagspause fand sie Gelegenheit dafür.
    Anis saß auf dem Zaun, der das Schulgelände vom Rest der Stadt abgrenzte. Sich dort hinzusetzen, war verboten. Und Kagome hatte das Gefühl, dass sie das auch wusste. Doch es schien ihr überhaupt nichts auszumachen. Vielleicht hatte sie Glück, und sie wusste gar nicht, was das war. Doch das bezweifelte sie. Der Zufall wäre einfach zu groß.
    "Ähm... hallo... Anis-san..." stotterte sie schüchtern. Sie kannte dieses Mädchen ja nicht. Vielleicht war sie irgendwie so eine, die sich gern mal mit den Anderen schlägt...
    "Hallo." antwortete Anis abgehackt. Es klang, als würde sie nicht mehr sprechen wollen als notwendig.
    "Ähm... Darf ich mich zu dir setzen?" fragte Kagome schüchtern. "Wenn es denn sein muss." Die junge Frau vor Kagome schien nicht besonders angetan von ihrer Gesellschaft zu sein und machte auch keine Anstalten weiter zu reden, nachdem Kagome neben ihr auf dem Geländer saß. Etwas unwohl fühlte diese sich schon dabei. Sie brach nicht so oft Schulregeln. Jedenfalls, wenn man ihre gelegentlichen ‘Ausflüge’ nicht als Schwänzen bezeichnete.
    Kagome wusste nicht, wie sie mit ihr reden sollte. Schließlich versuchte sie es auf die vielleicht-merkt-sie-ja-nichts-Art.
    "Du hast da was." sagte sie und deutete auf ihre Hand.
    "Was?", fragte Anis und besah sich ihre Hand, "Wo?"
    Kagome nahm jetzt einfach ihre Hand und strich an ihr entlang. Unauffällig entfernte sie dabei den Splitter. Nur sie konnte ihn aus ihrem Körper holen, ohne das sie es spürte.
    "Nur ein Fussel. Jetzt ist er weg." Sie lächelte und hoffte inständig, das sie nichts bemerkt hatte.
    Doch Fehlanzeige.
    "Was hast du da?" fragte Anis misstrauisch und schon langte sie über Kagome hinweg und schnappte sich den Splitter aus deren Hand. "Och, nur son' komischer Steinsplitter... Der hatte sich da irgendwie verhakt..." versuchte sie die Situation zu retten.
    Doch Fehlanzeige.
    "Hey, das ist meiner! Wehe du nimmst mir den noch mal weg!" fauchte sie mit wütend funkelnden Augen. Dann drehte sie sich demonstrativ von Kagome weg. Die schaute rasch in eine andere Richtung, um sich nichts anmerken zu lassen. Doch nach einiger Zeit sah sie noch mal zu Anis hinüber. Der Splitter steckte wieder in ihrem Handgelenk! Sie wusste also, was es war... oder?
    "Ähm... Weißt du, was das für ein Splitter ist?'"
    "Ja." kam die umgehende Antwort, ohne das die Andere sie anguckte. Kagome riss erstaunt die Augen auf.
    "Kannst du ihn mir nicht geben? Bitte, ich geb dir auch was dafür! Egal was." versuchte sie es erneut. Die ließ sich aber auch wirklich jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen!
    "...ich brauch nichts von dir. Und ich behalte den Splitter." sagte Anis stur.
    "Aber warum?"
    "Ich habe ihn von meinen Eltern. Sie sagten, ich dürfte ihn nie aus der Hand geben." Anis Gesicht blieb ausdruckslos. Irgendwie gruselig, fand Kagome.
    "Aber er steckt IN deiner Hand!"
    "..." Keine Antwort. Nicht einmal ein Wimpernzucken.
    "Was weißt du über den Splitter, Anis-san?" fragte Kagome vorsichtig.
    "Was weißt du denn darüber?" erwiderte die Andere herausfordernd.
    Kagome wusste nicht, wie viel sie ihr erzählen konnte. Wie viel wusste sie wohl?
    "Er gehört zum Juwel der vier Seelen."
    "..." Wieder Keine Antwort. Dennoch schien ihr Interesse ein klein wenig geweckt.
    "Du... weißt was das ist?"
    "Ja." Ihre Gesprächspartnerin sah sie nicht an.
    "Aber... Du bist doch ein Mensch... oder?" versicherte sie sich.
    Anis schnaubte. "Seh' ich etwas aus wie ein Monster?!" Sie warf ihr einen verächtlichen Blick zu.
    "Nein, natürlich nicht. Aber es gibt ja auch zum Beispiel Dämonen, in Menschengestalt." beschwichtigte Kagome sie.
    "Hm." machte Anis, mit den Gedanken schien sie ganz woanders zu sein.
    "Das weißt du?!" Sie hätte damit gerechnet, das Anis sie auslachen würde.
    "Hm." machte Anis wieder. Sie schien ihr auszuweichen.
    "Was heißt 'Hm'?!"
    "Ja, ja ich weiß es." Die junge Frau schien sich unwohl in ihrer Haut zu fühlen. Offenbar mochte sie es nicht, ausgefragt zu werden.
    "Dann weißt du auch, dass dieser Juwelensplitter die dämonischen Kräfte verstärkt?" erkundigte Kagome sich weiter.
    "Ja."
    Kagome war verblüfft. Alles hätte sie erwartet, aber DAS?! Schließlich beschloss sie, ihr auch alles zu erzählen. Vielleicht würde sie ihr ja dann den Splitter geben.
    "Weißt du, ich habe Mikokräfte und kann die Splitter rein halten."
    "Tatsächlich?" sagte Anis, klang aber kein bisschen interessiert.
    "Ja. Hinter unserem Haus steht ein alter Brunnen. Wenn ich da rein springe, dann komm ich auf der anderen Seite im Mittelalter raus! Sozusagen eine Zeitreise." Das endlich schien Auswirkungen auf Anis zu haben.
    "Echt, ist ja krass, kannst du mich da mal mitnehmen, Kagome-chan?" Ihre Augen leuchteten auf, endlich sah sie Kagome an. Auf einmal wirkte sie viel freundlicher. Das Mädchen war erst einmal ziemlich überrumpelt von diesen plötzlichen Sinneswandel. Auch redete diese Fremde sie mit -chan an, als wären sie alte Freunde. So was!
    "WAS?! Äh, nein, das geht nicht! Dort ist es viel zu gefährlich! Die ganze Gegend wimmelt da nur so von Dämonen." Das Mädchen hob abwehrend die Hände.
    "Cool..." Anis’ Gesicht bekam einen träumerischen Ausdruck.
    "Hey, das ist NICHT cool! Was meinst du, wie oft ich da beinahe gestorben wäre! Ich bin nur noch am Leben, weil mich meine Freunde beschützt haben." empörte sich Kagome.
    "Hey, du willst meinen Juwelensplitter, ja? Dann nimm mich mit." forderte sie mit einem mal ärgerlich.
    "Das geht aber nicht... Wahrscheinlich würdest du nicht einmal durch den Brunnen kommen. Da kann nämlich nicht jeder durch." stotterte Kagome.
    Anis grinste. Ihr Blick bekam etwas Bösartiges. "Ich helfe dir auch bei der Klassenarbeit."
    Kagome sah auf. "Och, du bist fies!"
    "Ich weiß. Komm schon, ich bin ein Ass in Mathe, mit meiner Hilfe schaffst du das locker, Kagome-chan."
    Kagome dachte angestrengt nach. Aber was sollte sie schon tun? Anis hatte mitbekommen, wie sie den Splitter stehlen wollte und würde jetzt bestimmt vorsichtiger werden. Abgesehen davon hätte sie wirklich dringend Nachhilfe nötig.
    "Na gut, aber mach mich nicht für das verantwortlich, was dir da passieren wird!"
    Anis grinste noch breiter. "Geht doch. Komm morgen um fünf zu mir, dann kann deine Nachhilfe beginnen."

    ~Zwei Wochen später~

    "Was, so einfach ist das?!"
    Anis schmunzelte. "Ja."
    Kagome starrte auf die Formeln in ihrem Heft. Im Unterricht war ihr das wie eine andere Sprache vorgekommen, aber jetzt, wo Anis es ihr noch einmal erklärt hatte...
    "Ich versteh's! Ich versteh das alles!" Kagome war völlig aus dem Häuschen.
    "Hast du jemals daran gezweifelt?!"
    Kagome grinste. Dann schnappte sie sich das Mathebuch, das Anis ihr zuwarf und suchte sich einige Übungsaufgaben heraus.
    Anis stand auf.
    "Bin gleich zurück."
    Kagome hörte ihr nicht zu. Sie war zu sehr damit beschäftigt, ihren Taschenrechner zu suchen. Anis grinste wieder und verließ dann den Raum.
    Seit vierzehn Tagen kam Kagome jetzt schon jeden Nachmittag zu ihr, um über den Mathebüchern zu büffeln. Zwar war Inuyasha ab und zu bei ihr zu Hause aufgetaucht, doch entweder war sie dann nicht da oder scheuchte ihn mit einem Sitz zurück in den Brunnen. Naraku war sowieso verschwunden, da konnte sie sich auch mal eine Auszeit nehmen. Außerdem war auch bald Neumond gewesen, weshalb Inuyasha ausnahmsweise auch mal einer Pause zugestimmt hatte.
    Doch morgen würde sie wieder in die andere Zeit zurückkehren. Zusammen mit Anis, die sich diese Idee einfach nicht ausreden ließ. Morgen schrieben sie die Klassenarbeit. Gerade waren sie mit dem neuesten Stoff durch, den sie für die Arbeit wiederholen mussten.
    Doch in dieser Zeit hatte Kagome kein einziges Mal Anis Eltern gesehen. Mal waren sie Einkaufen, mal mussten sie länger arbeiten oder waren auf einer Party. Doch Kagome wurde das Gefühl nicht los, das Anis ihre Eltern praktisch versteckte. Warum, das konnte sie sich nicht erklären. Sie wusste nicht, was sie von Beruf machten, doch wahrscheinlich etwas, wo man ordentlich Geld verdiente, denn das Haus war ziemlich groß.
    Es gab aber keine Haushälterin oder so etwas, was dazu geführt hatte, dass der gesamte obere Teil völlig verkommen war. Niemand begab sich dorthin und machte sauber. Alles war eingestaubt.
    Doch die Vanderobes schienen sich darüber überhaupt keine Gedanken zu machen. Kagome hätte gerne mal dort rumgestöbert, doch das hatte ihr Anis verboten. Der Boden könnte dort jeder Zeit einstürzen, hatte sie behauptet.

    ~500 Jahre früher~

    „Wo bleibst du denn?“ Anis lief ungeduldig am Brunnen auf und ab.
    „Ich komm ja schon!“ Kagomes Stimme drang aus dem tiefen Brunnenschacht heraus.
    Ein großes, gelbes Ding schob sich langsam aus dem Brunnen.
    „Nun helf' mir doch mal!“ klagte Kagome.
    Anis packte das gelbe Etwas und zog es mit einem Ruck aus der Brunnenöffnung.
    „Endlich! Mir scheint, der Rucksack wurde mit jeder Sekunde schwerer!“
    Anis erwiderte nichts. Im Gegensatz zu Kagome hatte sie nur eine kleine Tasche dabei.
    Die junge Frau sah sich erstmal die Umgebung näher an. Ihr Blick streifte den alten Zeitenbaum. Dann sah sie zum Dorf Musashi hinüber. Alles wirkte hier so friedlich. Hier sollten blutrünstige Dämonen ihr Unwesen treiben?!
    „Es wirkt alles so friedlich.“ murmelte sie.
    „Das täuscht. ....... Obwohl, jetzt ist es tatsächlich ziemlich ruhig... Zu ruhig... Wo wohl Inuyasha ist? Komm, wir gehen zum Dorf runter!" Kagome hatte ein ungutes Gefühl, doch sie schob es hastig beiseite.
    Dann versuchte sie, das gelbe Monsterteil von einem Rucksack hochzuhieven: Ohne Erfolg. Immer wieder versuchte sie es, doch immer vergeblich. Nach etwa fünf Minuten hielt Anis es nicht länger aus und packte mit an.
    Zu zweit schleppten sie den Riesenrucksack ins Dorf hinunter.
    Nach einer Weile waren sie in Musashi angekommen. Vor Kaedes Hütte blieben sie stehen. Anis schaute zu Kagome. Warum ging sie nicht weiter?
    "Ähm... Kannst du mir jetzt nicht einfach den Splitter geben und dann wieder zurückgehen?" fragte Kagome zögernd. Sie wollte Anis wirklich nicht noch mehr mit rein ziehen.
    "Nein. Wenn ich tot bin, darfst du ihn dir nehmen." sagte sie.Wie gnädig...
    Anis ruckte mit dem Kopf in Richtung Tür.
    Doch Kagome hatte ein ungutes Gefühl. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte.
    Schon allein das ihnen keiner ihrer Freunde entgegengekommen war, grenzte (in Inuyashas Fall) an einem Wunder. Aber das der Hanyou nicht einmal jetzt, wo sie genau vor der Tür stand, eine Reaktion zeigte, hätte sie im Normalfall für unmöglich gehalten. Schließlich hatte Inuyasha eine überaus gute Nase und müsste sie schon längst bemerkt haben.
    Endlich erwachte sie aus ihrer Starre und öffnete unsicher die Tür - und erstarrte erneut.
    Sango, Miroku, Shippo, Kaede und Kirara saßen im Halbkreis um Inuyasha herum. Der lag auf dem Boden zwischen ihnen und war offensichtlich nicht bei Bewusstsein. Anscheinend schwer verletzt, bedeckten zahlreiche Verbände seinen Körper.
    Kagome stieß einen leisen Schrei aus und sank neben dem Hanyou auf die Knie.
    Sofort versuchte Sango sie zu beruhigen. „Schon gut, Kagome-chan. Es sieht schlimmer aus, als es ist. Inuyasha wird das durchhalten, in ein paar Tagen ist er wieder topfitt!“ sagte die Dämonenjägerin. „Du meinst, er wacht bald wieder auf, ja?“ versicherte sich Kagome, die nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte. „Aber sicher. Er müsste jeden Moment zu sich kommen.“
    Kagome nickte langsam. „Was ist denn überhaupt passiert?“
    Jetzt ergriff Miroku das Wort: „Naraku. Er hat uns angegriffen. Vielleicht wusste er, das ihr gerade nicht da seid. Ihr wisst ja, dass Naraku vor euch die meiste Angst zu haben scheint. Na ja, jedenfalls kam eine seiner Marionetten hierher, zusammen mit Kanna. Sie kann ja Inuyashas Kaze no Kizu zurück schleudern. Und genau das hat sie auch getan. Aber zum Glück konnten wir sie beide besiegen. Wir sind nicht sehr verletzt, doch Inuyasha hat fast alles abbekommen. Aber keine Sorge Kagome-sama , er ist bald wieder auf den Beinen!“
    Wieder nickte Kagome, Inuyasha hatte schon viel schlimmere Wunden aushalten müssen.
    Doch da ertönte plötzlich ein leises Stöhnen aus Inuyashas Mund.
    „Uh... Verdammt, ich fühl mich als hätte mich eine Horde wilder Pferde überrannt...“
    Doch Kagome schnitt ihm das Wort ab, indem sie sich ihm in die Arme warf.
    „Inuyasha, ich bin ja so froh, das du wieder wach bist!“
    Inuyasha, der natürlich keinen Sinn für Romantik hatte, rief empört: „Waaahaa, Kagome! Du brichst mir ja alle Rippen!“
    Kagome ließ ihn sofort los, bekam einen Rotschimmer um die Nase und sah ihn entschuldigend an.
    Inuyasha rieb sich den schmerzenden Kopf und richtete sich auf. Sofort drückten Sango und Miroku ihn wieder zu Boden. „Du darfst dich noch nicht bewegen, Inuyasha!“ riefen sie. Doch der Hanyou schob ihre Arme unwirsch zur Seite und setzte sich wieder auf. „Kagome, was zum Teufel machst du denn hier!?“
    „Hast du schon vergessen, ich wollte doch heute zurückkommen! Jetzt sind Sommerferien und ich kann ganze sechs Wochen hier bleiben, ohne für die Schule zu lernen!“

    Anis wartete währenddessen vor der Tür der Hütte. Sie hatte dem Gespräch gelauscht, wollte aber nicht einfach so hereinplatzen, auch wenn sie ein wenig beleidigt war das man sie so einfach zu vergessen hatte. Dieser Inuyasha musste ihr sehr wichtig sein. Kagome hatte seinen Namen nur selten erwähnt, als sie vom Mittelalter erzählt hatte. Seltsam, doch vielleicht... Anis schmunzelte. Vielleicht war sie ja in ihn verliebt? Ob er diese Liebe erwiderte, konnte sie jedoch nicht sagen.
    Irgendwann entschied sie sich jedoch trotzdem dafür, die Hütte zu betreten und trat aus dem Schatten heraus.

    ~Mehrere Meilen entfernt~

    Frischer Wind kam auf und trieb dem weißhaarigem Youkai einen neuen Duft zu. Gestank, sollte man sagen. Der widerliche Gestank eines Halbblutes, vermischt mit dem verlockenden Geruch einer ihm nur zu bekannten Klinge.
    Die schwarze Rüstung knarrte leicht, als der Inuyoukai sich erhob. Zwei prachtvolle Schwerter steckten an seiner Seite. Nur eines von ihnen hatte eine Scheide, das andere wirkte weitgehend unbenutzt.
    Bereits nachdem der Youkai auch nur zwei Schritte gegangen war, ertönte eine helle Kinderstimme:
    „Sesshoumaru-sama, wo wollt ihr denn hin?”
    Der Angesprochene blickte sich nicht nach der Sprecherin um, doch er blieb kurz stehen.
    „Jaken, du wartest mit ihr hier.” sagte er dann kalt und völlig emotionslos, ohne die an ihn gestellte Frage zu beachten.
    Sofort war eine schleimige, kriecherische Stimme zu hören, die auf der Stelle seine Bereitschaft jeden Befehl auszuführen beteuerte und dabei dennoch versteckt seinen Unmut zur Geltung brachte, dass er als Kindermädchen fungieren musste. Diese zweite Stimme war nicht ganz so schrill und tat in den Ohren des Inuyoukais nicht ganz so sehr weh wie die des kleinen Mädchens, aber sie war nicht minder nervtötend.
    Ohne Eile machte sich der Dämon auf den Weg dorthin, wo er seinen verabscheuungswürdigen Halbbruder wusste, seine Begleiter mit Nichtachtung strafend. Schon lange war seine kleine Reisegruppe nicht mehr angegriffen worden und er hatte Lust auf eine kleine Herausforderung. Leider gab es keine starken Dämonen in der Nähe, die es mit ihm aufnehmen könnten. Sein Frust über die Tatsache, das kein ernstzunehmender Gegner in der Nähe war, würde er nun an Inuyasha auslassen können. Viel schlechter konnte seine Laune wegen der ständigen Langweile ohnehin nicht werden. Bisher hatte er diesen schmutzigen Hanyou immer noch verschont, auch wenn er mehrmals kurz davor gewesen war ihn tatsächlich umzulegen. Doch immer war etwas dazwischen gekommen.
    Nun, da er eine besondere Lust nach ein wenig Blut verspürte, bereute er das nicht einmal.

    ~In Musashi~

    Anis sah sich gründlich in der Hütte um. Drei Menschen, zwei Dämonen und ein Hanyou. Komische Zusammensetzung, fand sie.
    „Wer bist du?“ fragte Sango.
    Ihre Hand wanderte sicherheitshalber zu ihrem Knochenbumerang. Kagome blickte jetzt ebenfalls über die Schulter.
    Auweia. Anis-san hab ich doch glatt vergessen., dachte sie reuevoll. Laut sagte sie jedoch: „Schon gut, das ist eine... Schulfreundin von mir. Sie hat einen Splitter des Juwels, wollte ihn mir aber nicht geben. Es sei denn, ich nähme sie hierher mit... Ihr Name ist übrigens Anis...“
    Sango besah sich die junge Frau prüfend.
    „Unsere Reise ist nicht ungefährlich, das wisst ihr sicher schon. Wir werden es uns nicht immer leisten können, auf euch auszupassen, Anis-sama.“
    Inuyasha mischte sich jetzt auch ein: „Wir werden uns das überhaupt nicht leisten können! Verschwinde gefälligst wieder zurück in deine Neuzeit, wo du hingehörst!“ Alle warfen ihm einen wütenden Blick zu. „Inuyasha, Sitz!“
    Anis kicherte leise, als sie den Hanyou auf dem Boden sah.
    Inuyasha wollte gerade zu einer zornigen Antwort ansetzen, da rammte sich ein Schwert in den Stoff seines Suikans und nagelte ihn am Boden fest.
    Deutlich spürte er die Energie der Waffe. Ein magisches Schwert war es, vielleicht sogar mit dämonischem Ursprung. „Das hier ist nicht nur zur Dekoration da.“ flüsterte Anis gefährlich leise.
    Von niemandem erntete sie einen überraschteren Blick als von Kagome. „Anis-san, ich wusste gar nicht, das du mit dem Schwert umgehen kannst!“ sagte sie.
    „Du weißt genauso wenig über mich Bescheid wie dieses Halbblut da.“ Sie deutete auf Inuyasha und zog ihr Schwert aus dem Boden. Langsam ließ sie es in eine Scheide gleiten, die hinter ihrem Rücken befestigt war. Durch ihre langen Haare, die bis zum Boden reichten, war sie sehr gut versteckt gewesen.
    Inuyasha hatte seine Fassung schnell wieder zurück bekommen, sprang auf und fuhr Anis an: „Wenn du etwas gegen Halbblüter hast, dann kannst du mir das offen sagen und ich werd dir deine vorlaute Klappe schon noch stopfen!“
    Doch Anis lächelte ihn vollkommen unschuldig an und sagte mit einer lieblichen Stimme, die fast wie die eines Engels klang: „Ich habe nichts gegen Halbblüter, aber ich wusste, dass dich diese Bezeichnung aufregen würde. In meinen Augen machst du dich nämlich gerade ziemlich lächerlich, wo doch gerade ein vollblütiger Dämon naht, lass deine Wut besser an ihm aus.“ Sie sagte es in einem Tonfall, der überhaupt nicht zu ihren Worten passte, gerade so, als wäre Inuyashas Zorn vollkommen unberechtigt.
    Sie nahm die Schwertscheide von ihrem Rücken und lehnte sie gegen die Wand, als Zeichen das sie nicht auf einen Kampf mit dem Hanyou aus war. Aber das beruhigte den nicht im mindesten. Besonders die Frage, wie sie so schnell bemerkt hatte, dass er ein Halbdämon war, beschäftigte ihn. Doch ihre Worte bezüglich des Dämons, ließen Inuyasha stutzen.
    Schnüffelnd reckte er die Nase in die Luft und fuhr dann zusammen. „Was ist denn, Inuyasha?“ fragte Shippo besorgt. Inuyasha war kreidebleich geworden. „Sesshoumaru kommt.“ antwortete er.

    okay, ich hab bisher nur EINE EINZIGE ff hier zu Sesshoumaru (aus der Serie 'Inuyasha') gefunden, was mich wirklich schockiert hat.
    Deswegen erwarte ich auch nicht, das meine Story hier besonders viel Aufmerksamkeit findet. Wer sie dennoch lesen will, sei hier herzlich willkommen.

    Es ist meine erste ff in diesem Forum. Ich hab sie schon vor langer Zeit geschrieben,seit deshalb bitte nicht böse, wenn ihr ein paar (oder etliche) Fehler entdeckt. Mit der Zeit wird es sicher besser werden (mit eurer unterstützung*gg*). Die ff ist auch sehr lang, aber ich habe schon weit geschrieben und werde sicher immer wieder schnell nachladen.
    In der ff geht es - wie schon erwähnt - hauptsächlich um Sesshoumaru. Der ist noch immer hinter Tessaiga, dem magischem Schwert von Inuyasha her. Dummerweise kann er es ja aber nicht beherrschen. Also holt er sich einfach jemanden ran, der das für ihn erledigen kann, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann, da es eher eine spontane Entscheidung vorort war. Dieser jemand ist weiblich, hört auf den Namen 'Anis' und ist überhaupt nicht davon begeistert, von unserem unterkühltem Lord gekitnappt zu werden.
    Also, los geht's:

    Titel: Vergebliche Flucht
    Kapitel: Prolog
    Inhalt: Sesshoumaru soll heiraten. Dazu hat er aber keine Lust...

    Es war ein ruhiger Tag heute, doch es lag nichts von der sonstigen Unbeschwertheit in der Luft. Die Stille war drückend und kein Lebewesen wagte sich freiwillig aus seinem Schlupfloch. Leider wurden die meisten jedoch genau dazu gezwungen.
    So auch zwei merkwürdige Gestalten die, vollkommen verkrampft, ihre langen Lanzen umklammerten. Es waren keine Menschen, das konnte jeder auf den ersten Blick sehen. Ihre Ohren liefen spitz zu und ihr Haar hatte eine äußerst unnatürliche Farbe - weiß. Die zwei waren Dämonen. Hundedämonen, um genau zu sein. Beide standen völlig starr auf der Stelle und rührten sich nicht. Alle ihre Sinne waren aufs Äußerste geschärft und sie bemühten sich, ja kein Geräusch zu überhören. Doch was erwarteten sie denn wahrzunehmen? Das wussten sie selbst nicht. Einen Schrei vielleicht, ein lautes Klagen oder Wimmern. Beide hatten schreckliche Angst.
    Solche Furcht gehörte sich sicherlich nicht für sie, schließlich waren sie Wachposten und damit eher dazu da, anderen Angst einzuflößen. Zudem war ihre Stellung nicht einmal so unbedeutend, sie bewachten nämlich den Eingang zu einem riesigen, wunderschönen und zugleich auch bedrohlich wirkendem Schloss. Es strahlte eine seltengesehende Ehrfurcht und Würde aus. Die beiden Inuyoukai waren dafür zuständig, das niemand unbefugt in dieses Schloss eintrat und sollte dies doch geschehen, es sofort zu melden.
    Aber warum waren sie dann so verängstigt? Die Antwort war leicht: Vor kurzem war der Herr dieses Schlosses ganz überraschend nach zehn Jahren endlich wieder aufgetaucht, um nach dem Rechten zu sehen. Die zwei Wachposten hatten das unglaubliche Pech gehabt, sich unwissentlich genau seine Ankunftszeit für ein Nickerchen auszuwählen. Der Herr, Sesshoumaru war sein Name, hatte es gar nicht lustig gefunden, die Wachen schnarchend vor dem Tor aufzufinden.
    Im Nachhinein betrachtet grenzte es an ein Wunder, dass sie diese unglückselige Begegnung überhaupt überlebt hatten. Es mochte jedoch gut möglich sein, dass ihr Leben nur noch so lange währte, bis der Herr sich wieder auf den Rückweg machte. Dann würde er sicher schlechtere Laune und das Personal einen Berater weniger haben. So war es jedes Mal.
    Warum?
    Nun, hauptsächlich wegen folgendem Dialog, der sich alle zehn Jahre zu wiederholen schien...

    "Sesshoumaru-sama, möchten sie nicht wenigstens noch einmal darüber nachdenken?" Der Youkai wagte nicht aufzublicken, demütig kniete er am Boden und verfluchte sein Schicksal.
    „Ich sagte NEIN und dabei bleibt es. Wenn du mir noch ein einziges Mal mit diesem Thema kommst, dann wirst du den nächsten Tag nicht mehr erleben!” drohte Sesshoumaru seinem Berater unheilverkündend.
    Sofort neigte sich der alte Youkai vor ihm noch weiter auf den Boden, so dass seine Stirn die Erde berrührte.
    „Verzeihung, mein Lord, ich wollte euch keineswegs verärgern! Doch bedenket, welche Möglichkeiten euch dann offen stehen würden...”
    Der Kerl gab einfach nicht auf! Einmal in zehn Jahren begab sich Sesshoumaru auf das Schloss seines Vaters und seit dessen Tod war es immer wieder das selbe: Stundenlang musste er sich Vorträge über die politische Nützlichkeit einer Heirat anhören. Als ob er nicht schon genug Probleme hätte. Heiraten! So ein Unsinn.
    Sein Berater deutete sein Schweigen leider vollkommen falsch. Für ihn war es wohl ein großes Unglück, das ausgerechnet ER vom Rat ausgewählt worden war, um den jungen Herrn davon zu überzeugen, sich endlich eine Gefährtin zu nehmen. Aber da musste er jetzt durch, es war seine Pflicht es wenigstens zu VERSUCHEN. Wobei all seine Vorgänger diesen - vergeblichen - Versuch nicht überlebt hatten.
    „Seht doch einmal, solange ihr nicht verheiratet, oder zumindest verlobt seit, könnt ihr den Fürstentitel nicht erlangen. Außerdem gibt es einige Länder, die dem Westen nicht gut gesinnt sind und die man durch eine Heirat vielleicht besänftigen könnte.” versuchte er es erneut.
    Die Zeit drängte, Sesshoumaru war schon über neunhundert Jahre alt und damit für eine Heirat überfällig.
    Dieser war allerdings ganz und gar nicht gewillt, seinem Berater nachtzugeben, im Gegenteil. Er hatte sicher nicht vor zu heiraten und seine gelegentlichen Besuche hier tätigte er nur um auf dem neusten Stand der Dinge zu bleiben, nicht um sich solche unwürdigen Kreaturen mit ihren unwichtigen Vorträgen anzuhören. Mit jedem Wort das der andere Youkai aussprach, sank seine ohnehin schon miserable Stimmung noch weiter. Schlimm genug das die Wachen am Tor bei der Arbeit einschliefen, jetzt sollte er auch noch dazu genötigt werden sich des schwächeren Geschlechts anzunehmen. Eine Heirat, egal mit wem, würde ihm sicher nichts bringen. Der Fürstentitel war ihm vollkommen egal. Als Fürst wäre er sowieso nur ein Gefangener des Schreibtisches, auf ewig dazu verdammt, stinklangweiligen Papierkram durchzuarbeiten.
    Sesshoumaru war der rechtmäßige Erbe, ja, aber dank dem gottverdammten Testament seines Vaters konnte er erst Fürst der westlichen Länder werden und den Stand eines Daiyoukai erhalten, wenn er heiratete. So etwas konnte sich auch wirklich nur Inu no Taishu ausdenken!
    Mit seiner jetzigen Position war er aber durchaus zufrieden. Jeder wusste um seine Stärke und bisher hatte es noch keines der anderen drei Länder gewagt, den Westen herauszufordern. Schließlich war er nicht nur durch seine Stärke und Macht, sondern auch durch seine Grausamkeit und Kälte bis weit über die Grenzen des Reiches seines Vaters bekannt. Und dennoch, die Tatsache das der Westen keinen Fürsten hatte, machte ihn zu einem bevorzugten Angriffsziel, sollte eines der anderen Länder, ob nun Norden, Süden oder Osten, sein Reich vergrößern wollen. Sicher, eine Heirat war die einfachste Lösung, doch Sesshoumaru hatte nicht vor, sich in einen bloßen Spielstein im Gefüge der Politik zu verwandeln. Abgesehen davon lief doch bisher auch alles zu seinen Gunsten. Er hatte sich immer geweigert, etwas so schwaches und unbrauchbares wie ein Weib an seine Seite zu holen und es hatte doch auch noch nie Probleme gegeben. Also würde er auch gewiss auch jetzt nicht damit anfangen!
    Er hatte ohnehin nie etwas Nützliches in der weiblichen Seite der Bevölkerung gesehen. Ihre einzige Aufgabe bestand darin, als Mägte oder Dienerinnen zu fungieren und so etwas wie den Haushalt zu erledigen. Und natürlich darin, Kinder zu gebären. Doch auch über solche Sachen hatte Sesshoumaru sich noch nie Gedanken gemacht und er tat es auch jetzt nicht. Er war stark genug und würde sicher in nächster Zeit nicht so leicht abkratzen. Er brauchte noch keinen Erben. Also brachte er auch keine Frau. Wozu auch?
    Unwillkürlich musste er an seinen Vater denken, der sich mit dieser verabscheuungswürdigen Menschenfrau zusammengetan hatte. Aus Liebe, wie er gesagt hatte. Liebe! So etwas Lächerliches. Sogar noch lächerlicher als eine Heirat aus politischen Gründen. Nicht, das er dies deswegen eventuell doch in Betracht ziehen würde!
    „Wollt ihr es euch nicht einmal überlegen?” fragte der Berater erneut verzweifelt dazwischen.
    Es waren die letzten Worte die er je aussprach, da er leider angefangen hatte, Sesshoumaru etwas zu sehr zu nerven.
    Ein kurzes Aufblitzen nur, ein erstauntes Stöhnen des tödlich getroffenen Youkais und Sesshoumarus ehemaliger Berater fiel tot zu Boden. Ohne jegliche Reue befahl Sesshoumaru einige andere Diener herbei, die die Leiche rasch forträumten. Es war immer wieder amüsant mit anzusehen, wie bleich diese bei dem Anblick eines Toten wurden. Dabei sollten sie so etwas doch eigentlich schon von ihm gewohnt sein.
    Das Fell über seiner Schulter wehte im Wind, als er den Raum verließ. Heirat. So etwas Dämliches!

    Der linke Wachposten keuchte erschrocken auf und machte seinen Gefährten auf eine große, leuchtende Energiekugel aufmerksam, die sich rasch vom Umriss des Schlosses löste und nun auf sie zu kam. Beide wussten sofort, dass der junge Herr seinen Besuch anscheinend beendet hatte und sich nun auf dem Rückweg befand, denn außer Lord Sesshoumaru war keiner der hier lebenden Dämonen in der Lage, in die Energieform überzuwechseln.
    Beide wandten rasch wieder den Blick ab, denn wer zu lange in das gleißende Licht sah, der würde - so behauptete man - erblinden. Doch wie sich bald herausstellte, machte das für die Wachen keinen großen Unterschied mehr, denn die Gestalt, die mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit auf die beiden zuraste, schien es sich im letzten Moment anders zu überlegen und landete direkt vor den Inuyoukai, denen beim Anblick ihres Herrn sofort die Knie weich wurden.
    „Seit ihr nicht müde?” flüsterte der kostbar gekleidete Youkai vor ihnen leise.
    „N...N...Nein, Sesshoumaru-sama, Herr!” stotterten die Dämonen und verneigten sich rasch. Kleine Schweißperlen liefen an ihren schwarzen Rüstungen hinunter.
    „Oh doch, ich denke ihr seit müde. Ihr solltet ein wenig schlafen...” meinte Sesshoumaru mit einem Blick, der genauso kalt war wie frisch gefallener Schnee und seine silberweißen Haare unterstrichen dieses Effekt noch zusätzlich. Ebenso weiß waren seine Krallen, die sich eine Sekunde später erst in den Brustkorb des einen und dann in den des anderen Wachposten bohrten. Die Klauen glitten durch die harten Rüstungen und das Fleisch als wären sie aus Butter.
    „Ein wenig Schlaf... Aus dem ihr nie erwachen solltet! Solches Gesinde kann ich hier nicht gebrauchen!” Seine Stimme war bei diesem Satz, den die Youkai freilich nicht mehr hören konnten, noch eine Spur kälter und grausamer geworden. Seine schneeweißen Krallen färbten sich rot und das Blut tropfte von seiner Hand. Sesshoumaru wandte sich von den Leichen ab.
    Ihr Tod war ihm gleichgültig. Er bedeutete nichts. Nur das Blut an seinen Krallen ärgerte ihn etwas. Er hätte besser seine Energiepeitsche nehmen sollen...


    Einige Tage später sollte Sesshoumaru an einen uralten Zeitenbaum gelangen und feststellen, dass dort sein jüngerer Halbbruder von einem magischem Pfeil aufgespießt und gebannt war.
    Weitere Tage später machte er sich auf, um das legendäre Schwert Tessaiga zu suchen und seine Macht noch zu steigern, aus Trotz diese Waffe nicht einem schwächlichem Hanyou zu überlassen, der auf so elende Weise sein Ende fand und dem diese Klinge eigentlich vererbt werden sollte.
    Erst fünfzig Jahre später sollte er es tatsächlich finden und feststellen müssen, dass es für ihn unerreichbar war.
    In diesem ganzen halben Jahrhundert sollte er nicht ein einziges Mal wieder auf das Schloss seines Vaters zurückkehren.
    Den Vorschlag seines Beraters, zu heiraten, verdrängte der Youkai erfolgreich in die hintersten Winkel seines Unterbewusstseins.

    Doch nun soll eine Geschichte erzählt werden, die Sesshoumarus Leben von Grund auf umkrempeln wird...


    So weit zum Prolog.
    Das nächste Kapitel heißt:Gruppenzuwachs.