• Das Café

    Wie jeden Donnerstagabend, kurz vor neun betritt eine schlanke, hochgewachsene Person mit kastanienbraunem Haar das kleine, gemütliche Café. Das Haar reicht bis weit über die Schultern hinab und ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Wie immer. Sie hängt den bordeauxroten Mantel an einen der dafür vorgesehenen Haken an der Wand direkt neben der Tür des kleinen, gemütlichen Cafés. An den zweiten von links. Wie immer. Jedes Mal, wenn sie kommt am Donnerstag Abend, ist er leer. Der zweite Haken von links. Der schwarze Seidenschal wird beiläufig über den selben Haken geworfen, und sie wendet sich ab von den Haken an der Wand direkt neben der Tür des kleinen, gemütlichen Cafés.

    Sie trägt schwarze Jeans, schwarze, lederne Schuhe und dazu ein schwarzes Hemd, wie man es von den drei Musketieren kennt. Weite Puffärmel, ein flacher, angelegter Kragen und ein sich senkrecht weit über die Brust ziehender, schmaler Ausschnitt. Wie immer. Doch am beeindruckendsten sind die tiefbraunen, fast schwarzen Augen, mit denen die schwarze Person den einzigen Raum des kleinen, gemütlichen Cafés überschaut. Alle Gespräche verstummen, wie jeden Donnerstagabend, für wenige Sekunden. Doch bald finden alle wieder zu ihrer vorherigen Tätigkeit zurück. Wie immer. Nur die Gedanken eines kleinen, unscheinbaren Wesens an der Bar bleiben an den dunklen Augen und der ganzen Person hängen, wie sie durch den Raum schreitet zu dem kleinen, runden Tisch ganz hinten links in der Ecke des kleinen, gemütlichen Cafés. Wie immer. Und wie jeden Donnertag Abend, ist er leer, der kleine, runde Tisch ganz hinten links in der Ecke. Kein RESERVIERT-Schildchen, keine Karte, keine Bierdeckel und keine Gäste. Nur eine einsam tropfende Kerze in der Mitte des kleinen, runden Tisches ganz hinten links in der Ecke. Sie setzt sich an dem kleinen, runden Tisch direkt in die Ecke, und bestellt einen Milchkaffe wie jeden Donnerstagabend.

    --------------------

    Wieder schweift ihr Blick durch den Raum des kleinen, gemütlichen Cafés, von Gast zu Gast. Ein paar pokernde Herren, ganz vorne rechts in der Ecke, zwei Studentinnen, vertieft in Erdrotation und Fliehkraft, in der Mitte des Raumes. Auf der hölzernen Bank an der linken Seitenwand ein schmusendes Pärchen, sich gegenseitig aus einem Eisbecher fütternd. Die schwarze Person hat all die Leute nie gesehen, hier, in dem kleinen, gemütlichen Café. Eine Person an der Bar, und dahinter der dicke, freundliche Wirt, den Milchkaffee zubereitend. Wie immer.

    Der dicke, freundliche Wirt bringt den frischen Milchkaffee zu dem kleinen, runden Tisch ganz hinten links in der Ecke, und die Gestalt in Schwarz bezahlt sofort. Wie immer.
    Beobachtet von dem kleinen, unscheinbaren Wesen wendet sie sich dem Milchkaffe zu, zuckert ihn, führt die Tasse an die Lippen und trinkt den warmen Inhalt Schluck für Schluck. Wie immer. Die Gedanken des kleinen, unscheinbaren Wesens überschlagen sich, sein Herz beginnt Luftsprünge zu machen. Die Sicherheit, die Kraft jeder Bewegung. Das kleine, unscheinbare Wesen ist entzückt von der schwarzen Gestalt.

    Als die Tasse leer ist, steht sie auf, nickt dem Wirt hinter dem nun leeren Tresen zu und verlässt den kleinen, runden Tisch ganz hinten links in der Ecke. Sie geht vorbei an dem schmusenden Pärchen auf der Holzbank, den noch immer diskutierenden Studentinnen in der Mitte des Raumes und hebt ein wenig die Hand um die pokernden Herren zu grüßen. Sie nimmt den bordeaux-roten Mantel vom zweiten Haken an der Wand direkt neben der Tür des kleinen, gemütlichen Cafés, streift ihn sich über. Wie immer. Sie wendet sich ab, vom zweiten Haken von links und öffnet die Tür des kleinen, gemütlichen Cafés.

    Das kleine, unscheinbare Wesen denkt, sein Herz setze gleich aus. Da steht es nun vor der jetzt in rot gehüllten Person, sie in der Tür des kleinen, gemütlichen Cafés, es selber davor. Es möchte etwas sagen, doch dann schiebt es sich nur vorbei, hinein in den kleinen, gemütlichen Raum des Cafés.
    Die Tür wird hinter ihm geschlossen, es dreht sich um, und durch das Fenster sieht es die Person im roten Mantel nach links entschwinden. Wie immer. Zügig geht es zur Bar, bezahlt seinen Espresso und verlässt ebenfalls das Café, um links die Strasse hinunter zu schauen. Neben dem kleinen, gemütlichen Café der Kiosk, noch immer hell erleuchtet, dann das verdunkelte Fenster der Zoohandlung, der Frisör, das Autohaus. Keine Person im roten Mantel.
    Es dreht sich um, geht zur nächsten Tür auf der rechten Seite des Cafés, schließt sie auf und schlüpft hindurch. Eine Treppe hinauf, die Tür seiner Wohnung fällt ins Schloss. Es kann noch die Stimmen aus dem Café hören, direkt unter seiner Wohnung. Wie immer.

    Bald erweitert es, mit einer Träne auf der Wange, das Mosaik an der Wand direkt über seinem Bett um ein weiteres Stück schwarzer Seide, während draußen eine in einen roten Mantel gehüllte Person den Kiosk verlässt, eine Zigarette anzündet und noch einmal durch das Fenster des kleinen Cafés schaut, ob das schüchterne, sympathische Wesen noch an der Bar sitzt. Es ist fort.

    Wie jeden Donnerstag Abend, kurz vor zehn.

    Das Niveau?
    Hat sich unter einem flachen, moosbewachsenen Stein in den schottischen Highlands versteckt.
    Wie tief es diesen Stein zuvor vergraben hat ist nicht bekannt.

  • Schöne Geschichte Sagarion, doch ich könnt dich umbringen für das "Wie immer." ;)
    Aber nein, war super so, auf jeden fal sehr interessant geschrieben und mal was komplett anderes. Vielleicht fällt dir ja noch eine andere Geschichte ein, schließlich gibt es ja noch 6 andere Wochentage :)

  • Ich gebe zu, das ist eine Stilblüte die ich daaaaaaaaamaaaaaaals einfach habe wachsen lassen um mal zu gucken wie sich das so schreiben lässt.
    Ist so wie eine neue, eigentlich komische Takke zu testen.
    Aber ich finde auch da ist genug "Story" drin für eine Short Story im Saga-Style. :omg:

    Ich mag solch kleine Portraits vons Scheinbar belanglosen Situationen. Ist das was ich an Böll so liebe, z.B.

    Das Niveau?
    Hat sich unter einem flachen, moosbewachsenen Stein in den schottischen Highlands versteckt.
    Wie tief es diesen Stein zuvor vergraben hat ist nicht bekannt.

  • Ich lese ja sehr selten Geschichten hier, aber diese hat mich nun doch neugierig gemacht.

    Ich fand sie sehr schön. Erinnert mich irgendwie an den Beginn eines Krimis.
    Auf jedenfall hat es irgendwie eine ungeheure Spannung erzeugt, obwohl ansich nichts spannendes passiert.

    Sehr schöner Stil auf jedenfall.

    Und(!) ne nette Frau haste da erfunden :]

  • Interessant, welche Rollenverteilung du da unterstellst... Heißt nicht dass sie Falsch ist, aber sie ist auch nicht richtig. :D Wen meinst Du mit "nette Frau" ?

    Das Niveau?
    Hat sich unter einem flachen, moosbewachsenen Stein in den schottischen Highlands versteckt.
    Wie tief es diesen Stein zuvor vergraben hat ist nicht bekannt.

  • Und was meinst du mit Rollenverteilung? Was unterstell ich dir denn da?

    Naja, ich gehe einfach davon aus das die Person in Schwarz mit langem braunen haar und stets mit "Sie" betitelt eine Frau ist ;)

  • Dann lies es noch einmal Aufmerksamer. ;) Es ist noch eine Besonderheit in dem Text, die zu finden Dir jetzt nicht mehr schwer fallen sollte, wenns auch ein ziemliches gefrickel war, das so zu "verbauen".

    Aber freut mich wenn "sie" dir gefällt, alsoauch die Geschichte...

    Das Niveau?
    Hat sich unter einem flachen, moosbewachsenen Stein in den schottischen Highlands versteckt.
    Wie tief es diesen Stein zuvor vergraben hat ist nicht bekannt.

  • Naja, das "Wie immer" ist (so wie ich das auffasse) wohl einfach ein Stilmittel, das die Beschreibung der Frau unterstreicht.

    *möp*

    Quote

    Original von EugenusMaximus
    Sandra, du bist wahrlich der böseste Mensch den es auf der Welt gibt. :P


    ich weis das ich echt bin aber fake sandra nicht.
    wenn sandra ne frau wäre dann wäre sie nicht so krass

  • glaube saga bezieht sich darauf dass, sie für "die Person" steht und der vermeintliche Mann durch "es" auch nicht klar definiert wird wodurch es auch genau umgekehrt sein könnte.

    imo is das "wie immer" nicht zu oft eingesetzt, sondern vollkommen ok so, allerdings wiederholst du dich an anderen stellen dann zusätzlich noch, was irgendwie nicht nötig ist und die sätze zu lang erscheinen lässt.

    Bsp:
    "Eine Person an der Bar, und dahinter der dicke, freundliche Wirt, den Milchkaffee zubereitend. Wie immer.

    Der dicke, freundliche Wirt bringt den frischen Milchkaffee zu dem kleinen, runden Tisch ganz hinten links in der Ecke, und die Gestalt in Schwarz bezahlt sofort."

    dick und freundlich könnte man ersetzen oder einfach beim 2ten mal weglassen, dass der Milchkaffee ist weiss man auch nachm ersten mal und könnte beim 2ten mal ruhig einfach ein Kaffee sein.
    das gibs relativ oft imo

    ansonsten inhalt ist genug drin und es geht ja eigentlich garnich um die personen sondern um die situation, so wie ich das verstanden hab, von daher ist es vollkommen ok die personen weniger, aber dafür die umgebung deutlicher zu beschreiben.

    Das Ende mag ich zwar nich so doll weils mir zu stalkerartig ist sich sachen an die wand zu pinnen aber k

    ist eh gut was anderes hier zu lesen

  • Diese häufige Doppelung habe ich in diesem Falle sehr bewusst eingesetzt, ist nur die Frage ob man die Richtige Menge trifft.

    Was die "Ungeschlechtlichkeit" der beiden "protagonisten" angeht hast Du vollkommen recht. Das ist gewollt und hat auch mit die meiste Mühe gekostet.

    Und um was es geht, das überlasse ich jedem Leser, bei jedem Lesen. Jeder hat einen anderen Blick und ich habe bewusst so viel "Platz" zum blicken gelassen.

    Das man das auch "Stalkerig" sehen kann war mir zum Beispiel bisher entgangen. Eine neue Facette!

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    Hat sich unter einem flachen, moosbewachsenen Stein in den schottischen Highlands versteckt.
    Wie tief es diesen Stein zuvor vergraben hat ist nicht bekannt.

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