„Inquisitor? Inquisitor! Wachen Sie auf es gibt tolle Neuigkeiten!“, riss es ihn aus seinem Traum. Nur langsam lies sich der Schlaf abschütteln, der ihn in Vergessen gehüllt hatte. Dem Messias kam es vor als ob er gar nicht geschlafen hätte, denn er fühlte sich so unausgeruht, kraftlos und angespannt. Seine Augen waren zu schwer um sie zu öffnen und ein ziehender Schmerz in der rechten Schulter war das Ergebnis von der unbequemen Haltung. Mit einem schalen Geschmack im Mund fragte er:“ Ja? Was?“, während er sich zu der Person herum rollte die ihn geweckt hatte. Wie ein neugeborenes Kind konnte er nur Schemenhaft sehen. Die Welt schien durch einen Nebelschleier verdeckt zu sein – ein milchiges Fenster durch das er in eine Welt schaute, die er nicht sehen wollte, in die er aber hineingehörte. Er musste einige Male blinzeln um den Schleier der Müdigkeit vor seinen Augen zu vertreiben. Neben ihm hatte sich Hispick in die Knie gelassen und er sah wirklich glücklich aufgeregt aus, ein alter Mann der sich über irgendetwas freute. „In den Trümmern“, erklärte Jonathan „haben wir Überlebende ausgemacht!“. Gähnend nickte Bilvor:“ Noch ein paar Mäuler zu stopfen!“, dachte er sich dabei. Eigentlich war Bilvor viel zu müde um aufzustehen, aber er musste. Mit einem müden Lächeln auf seinem schmutzigen Gesicht stemmte er sich langsam auf und klopfte sich den gröbsten Dreck von seiner nach Schweiß stinkenden Kleidung. Man hätte meinen können dass sich der Schein-Inquisitor über die guten Neuigkeiten freute, da er lächelte. Doch in Wahrheit schmunzelte er über die alten Sprüche die von Generation zu Generation weiter gegeben wurden, er dachte an den Spruch:“ Der kürzeste Weg ist nicht immer der richtige“. Jeder Überlebender war ein freudiges Ereignis. Eine Seele mehr die Bilvors Fehlern entronnen war, 2 Hände mehr die diese Stadt wieder aufbauen und verteidigen konnten, ein Kopf mehr der mitdenken konnte und ein Mund mehr der an ihren schwinden Vorräten mit aß. Ja jeder Mensch steigerte ihre Kampfkraft und Überlebenschance, aber diese Überlebenschance wurde durch den Mangel an Essensvorräten wieder zunichte gemacht. Die Menschen über die Bilvor nun Verantwortung genommen hatte, hatten nun die Wahl ob sie den kurzen oder den langen Weg gehen wollten. Der kürzeste Weg war der angenehmste, aus Bilvors sicht. Der Kampf gegen die Orks würde kurz und erbarmungslos sein. Zuerst würde es die Schwachen erwischen die nicht richtig kämpfen konnten, danach die Starken die ein paar Sekunden länger durchhielten. Auf diesem Weg wartete auf sie nur ein kurzer starker Schmerz und alles wäre vorbei aber auf diesem Pfad lag keine Aussicht auf überleben. Der lange Weg war der Hungertod langsamer, schmerzhafter aber genauso erbarmungslos auch hier würde es zuerst die Schwachen und Kranken dahinraffen, bevor die Starken daran glauben mussten. Aber mit dem Unterschied dass es hier eine Chance aufs Überleben gab, wenn die Menschen es schafften ihr sterben lange genug hinaus zu zögern könnten sie wohlmöglich gerettet werden.
Mit einem knurrenden Magen, der sich anfühlte wie ein tiefes Loch mit einem Sog nach innen, machte Bilvor seine ersten Schritte an diesem Tag. Müde und kraftlos ging er hinter Hispik hinterher. Wieder schrieb das Leben eine seltsame Komödie. Der junge Messias und der alte Fabrikarbeiter spielten diese Szene aber mit vertauschten Rollen. Während der junge Mann wie ein alter Greis, mit runterhängen Schultern, den Händen in den Hosentaschen vergraben und müdem Blick und Schritt über den Boden schlurfte, ging der alte Mann behänd wie ein Kind voller Vorfreude und Zuversicht über den Betonboden.
Bilvor folgte dem alten Mann bis in den hintersten Teil der Station und blieb dann vor einer Gruppe von rund 40 Menschen stehen. Die brennenden Benzintonnen verströmten eine angenehme Wärme und erhellten alles in ihrem Umkreis im röt-gelben Schein Der Messias schaute sich die Menschen nicht genau an, er wollte es einfach nicht. Er wollte nichts mit denen zutun haben die eh bald tot waren. Was interessierten ihn ihre Gesichter? Ihre Namen? Ihre Geschichten? Es würde nicht lange dauern und sie würden in einem großen Grab mit hunderten Namen, Gesichtern und Geschichten liegen. Alles was er über sie erfahren würde, wäre für Bilvor nur eine weitere Last gewesen die er sich nicht leisten konnte.
Sein Blick schweifte knapp über die am Boden sitzenden Gestalten an der kahlen Betonwand hin und her. Gerade als er Luft holte und phrasenartige Begrüßungssätze los lassen wollte, fiel ihm ein merkwürdiger Farbton innerhalb der Menschenmenge auf. Als er genauer hinsah, war er irritiert. Erst jetzt schaute er sich die Menschen genauer an, und je mehr er die Ansammlung auf sich wirken ließ desto verwirrter war er. „Wo habt ihr sie gefunden Hispik?“, fragte er tonlos. „In einem Bunker, er war verschüttet Inquisitor! Wir haben ein Klopfen unter der Erde gehört und angefangen zu graben. Mit bloßen Händen haben wir sie frei geschaufelt“, antwortete der Alte hoch erfreut. „Ja … sehr gut“, war alles was der Schein-Inquisitor gedankenverloren von sich geben konnte. Er war ein wenig geschockt, ein wenig erfreut, ein wenig besorgt und erstaunt. Mit diesem Haufen hatten sich ihre Überlebenschancen wesentlich verbessert. Nun hatte er was er haben wollte, doch es waren zuwenig das wusste Bilvor auf Anhieb. Aber es war besser als nichts. Während er nach den richtigen Worten rang, wanderten seine Blicke innerhalb der am Boden sitzenden Soldaten hin und her. Alle hatten sie Dreck verkrustete Gesichter, die Lasergewehre und Granatenwerfer hatten sie über ihre Beine gelegt. Ihre grauen Uniformen waren an manchen Stellen eingerissen und gaben freien Blick auf schorfige oder komplett schmutzige Haut. Manche von ihnen saßen mit gesenktem Kopf einfach da, so als ob sie eingeschlafen wären. Andere schauten ihn aufmerksam an. Bilvor musste sich räuspern damit seine Stimme nicht unsicher klang:“ Kommissar treten Sie vor!“, rief er in die Menge. Sofort erhob sich die drahtige Gestallt welche die rote Kommissarenuniform trug. Seine Augenpartie wurde durch den großen Hut verdeckt. Sein Kettensägeschwert hatte er in der Scheide stecken die an seiner rechten baumelte. Während er auf Bilvor zuging wehte sein schwarzer Umhang Wellen schlagend hinter ihm her. Die Schrittgeräusche seiner schweren Kampfstiefel halten durch die Gemäuer. Er hatte ein kantiges Gesicht, vorstehende Wangenknochen, eine ausgeprägte Nase und Doppelkinn, seine braunen Haare fielen ihm fettig und strähnig ins Gesicht. Seine Figur beschrieb eher die eines Athleten als die eines Soldaten, aber auf Bilvor machte er einen kampfgestählten und erfahrenen Eindruck. Bilvor schätzte ihn auf Mitte 30 ein, also ungefähr 10 Jahre älter als er selbst. Stolz baute er sich vor Bilvor auf und salutierte:“ Inquisitor Sir, der Kommissar Rheingau und die 105. Heimatgarde meldet sich zur Stelle, Sir! Unsere Stärke beläuft sich auf 37 Mann, Sir. Alle voll kampfbereit.“, meldete er sich militärisch korrekt. Der Schein-Inquisitor mochte diesen ganzen Militärkram nicht, er verkomplizierter alles viel zu sehr. Aber was ihn noch mehr verärgerte war, dass er schon wieder für einen Inquisitor gehalten wurde, langsam fragte er sich wer dieses dämliche Gerücht in die Welt gesetzt hatte und wie er denjenigen zur Rechenschaft ziehen konnte. „Ja danke Kommissar Rheingau“, erwiderte der Messias, “wie sie sicherlich wissen ist die Lage sehr ernst! Alle Verteidigungsanlagen der Stadt wurden beim letzten Angriff zerstört. Die Strom-, Wasser-, ärztliche- und Nahrungsversorgung der Bevölkerung ist gleich 0%. Sämtliche Truppen auf Armageddon befinden sich auf dem Rückzug und es wird nicht lange …“. In der Menge murmelte jemand „Der sieht gar nicht aus wie ein Inquisitor!“. Wut begann in Bilvor heiß hoch zu kochen. Er sah nicht aus wie ein Inquisitor? Wie konnten diese Maden auch nur daran denken, nachdem sie von ihm gerettet wurden, seine Autorität und Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen? Er war derjenige der hier Leben und Tod in beiden Händen hielt. Wenn er es wollte konnte er das gesamte Imperium weiter leben oder zugrunde gehen lassen! Er hatte zu viele Opfer gebracht um sich das anhören zu müssen. Eine infrage Stellung seiner Macht kam gar nicht in Frage! Ohne nach zu denken oder wirklich zu realisieren was er tat schrie der Schein-Inquisitor völlig außer sich:“ WER HAT DAS GESAGT?“. Alle zuckten erschrocken zusammen und schauten ihn angsterfüllt an. Noch bevor Bilvor eine Antwort oder Entschuldigung zu hören bekommen konnte, streckte er seine Hand aus und pickte sich wahllos einen Soldaten aus der Menge. Der Messias ballte seine Hand zu einer Faust und hob den Arm etwas in die Höhe. Sofort wurde ein Soldat durch seine psyonische Kraft in die Höhe gehoben. Mit einem entsetzten Keuchen strampelte der arme Wicht in der Luft. Mit einer Bewegung als ob Bilvor einen Gegenstand zur Seite werfen würde, schleuderte er den Soldaten gegen die Wand. Mit einem Geräusch als ob man auf eine volle Kartoffelchip-Tüte treten würde, knallte der Gardensoldat gegen die Wand und brach sich sämtliche Knochen. Durch den harten Aufprall, wurde der Helm des Soldaten am hinteren Teil fast platt gedrückt und rutschte ihm vor das Gesicht. Noch bevor die Leiche auf den Boden klatschte um dort in grotesker Haltung liegen zu bleiben, schoss ein Schwall von Blut aus Nase, Mund und Ohren um laut tropfend auf dem Boden zu landen. „Sie haben nur noch 36 Mann, Kommissar“, meinte Bilvor kühl. Voller Angst in der Stimme antwortete der in rot gekleidete:“ Inquisitor, Sir, jawohl, Sir!“. Alle Soldaten und Hispik starrten in Angst erfüllt an, und wandten schnell den Blick ab als sie realisierten dass sie den Schein-Inquisitor anschauten, aus Furcht der nächste sein zu können. Erst jetzt bemerkte Bilvor langsam was er getan hatte, und eine eisige Hand umklammerte sein Herz. Äußerlich vollkommen ruhig, aber innerlich total aufgewühlt fragte er sich:“ Beim Imperator was habe ich getan?“. Er hatte aus einer Laune heraus einen Menschen getötet, einfach so, und dabei noch einen Unschuldigen. Er hatte wahllos einen Menschen hingerichtet nur weil er etwas Falsches gesagt hat. Bilvor ekelte sich vor sich selbst, aber gleichzeitig versuchte er seinen Mord vor sich selbst zugerechtfertigen. Er musste das tun, es war zwar ein hohes Opfer aber Zweifel an ihm oder an seiner Aufgabe würde sie alle töten. Er musste hart und schnell durchgreifen bevor die Menschen wieder anfingen in Hoffnungslosigkeit zu versinken. Auch wenn es etwas tröstliche Gedanken waren, änderte es nichts an der Tatsache dass er gerade mit eigenen Händen gemordet hatte. Für den Messias war das nichts neues, denn er hatte schon den halben Planeten auf dem Gewissen, aber dieses mal geschah es aus einer Laune heraus und nicht aus Unwissenheit wie beim Öffnen des Necrongrabes. Ohne es zu merken wurde er immer mehr wie Macratus der auch vor nichts zurück schreckte um an ein Ziel zu kommen. Mit zusammen geballten Händen, um irgendwie seine Anspannung zu verbergen sagte er ruhig zu Rheingau:“ In einer Stunde … einen Lageplan der Stadt und einen Verteidigungsvorschlag!“, dann wandte er sich einfach um und ging. Aus den Augenwinkeln konnte er noch sehen wie der Kommissar zackig salutierte. Während er zurück zu Onox ging, ließ er sich die Szene mehrmals durch den Kopf gehen. Er musste sich eingestehen dass er total die Kontrolle über sich verloren hatte, das durfte nicht noch einmal passieren! Während er über den kalten Betonboden ging, merkte er das Hispik neben ihm her trottete, er wirkte verängstigt, und passte darauf auf das er einen gewissen Abstand zu Bilvor hielt. Von der Seite her schielte der Schein-Inquisitor zum alten Fabrikarbeiter herüber, und schaute sich sein Gesicht ganz genau an, um irgendetwas aus seinem Gesicht zu lesen was er gerade dachte. Hispiks Mund bewegte sich nicht, aber seine Stimme hallte in der U-Bahnstation wieder, so als ob er durch einen langen Tunnel zu ihm schreien würde. Die Stimme echote wie in einem leeren Raum:“ War das wirklich nötig?“. Auch wenn Hispik diese Frage nur dachte, antwortete Bilvor mit einem Seufzen darauf:“ Ja das war nötig Hispik!“. Unvermittelt blieb der Alte stehen und starrte den Schein-Inquisitor an. „Inquisitor … ich … ich wollte nicht …“, fing er an sich verängstigt zu rechtfertigen, aber Bilvor hob beschwichtigend die Hand:„Ich weiß, ich weiß. Es ist nur so, wenn wir anfangen zu Zweifeln werden wir alle sterben, das war ein nötiges und hohes Opfer … ich bete zum Imperator das so was nicht noch einmal geschehen muss. Aber es ist einfach unsere heilige Aufgabe zu Überleben koste es was es wolle!“, in Gedanken ersetzte Bilvor „unsere“ durch „meine“. Er musste einfach überleben um diesem perversen Spiel des Gauklers ein Ende zu bereiten und das Imperium retten. „Hispik … suchen sie sich ein paar flinke Männer und Frauen und durchstreifen sie die Trümmer, fangen sie alles was wir essen können … Ratten, Hunde, Käfer egal was … wir brauchen mehr zu Essen!“, wies er den Alten an, der nur nickte und verschwand. Müde und ausgebrannt setzte sich Bilvor wieder zu Onox, der mit ein paar Kieseln in der Hand spielte und ihn nicht weiter beachtete. Während das Feuer aus der Tonne seine Haut warm berührte und er in die roten Flammen starrte, fragte sich Bilvor wie weit er noch gehen würde um seine Mission zu erfüllen und wie lange die Menschen hier seinem Spiel folgen würden bevor sie die Wahrheit erkannten und ihn lynchten. Er konnte sich niemandem anvertrauen, nicht den Bewohnern die ihn sofort zum Teufel jagen würden, nicht Onox der ihn dann beschützen würde und erst recht nicht den Soldaten die ihn für den Mord bezahlen lassen würden. Auch wenn Bilvor unter Menschen war, war er doch ganz alleine, wie damals in der Wüste von Armageddon.
(to be continued)